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07.02.2003

Mozart durch Bach

Alfred Brendel, Mozart durch Bach

Alfred Brendel lacht. Er hat allen Grund dazu, denn mit der Fortsetzung seiner Einspielung der Mozartschen Klaviersonaten ist er im Begriff, insgeheim Maßstäbe zu setzten. Die aktuelle Folge nimmt sich K310, K311 und K533/494 an, ergänzt um eines der bekanntesten Stücke des Meisters, die "Klavierfantasie d-moll, K397". Und macht daraus wunderbare Musik.

Mag sein, dass allzu viel Überschwang verdächtig macht. Aber Mozarts Klaviersonaten haben bereits vieles durchmachen müssen. Als Paradestücke für Generationen von Musikschülern wurden sie im Laufe der Jahrhundert gequält und misshandelt, manchmal auch geliebt und gehätschelt. In jedem Fall waren sie immer die kleinen Geschwisterchen der glamourösen Klavierkonzerte, ernst genommen zwar, aber eben doch nicht so exakt durchforscht wie die orchestralen Werke. Sicher gab es bislang hervorragende Einspielungen von Vladimir Horowitz bis Mitsuko Uchida, die sich den Sonaten mit aller Sorgfalt und Ausführlichkeit widmeten. Doch nur selten waren die Voraussetzungen derart ideal wie bei Alfred Brendel, sich mit den Pianopretiosen zu beschäftigen. Denn in seinen Interpretationen laufen nicht nur jahrzehntelange Erfahrung mit dem Oeuvre seines österreichischen Landsmannes und die eigene Vorliebe für unterschätzte, abseits des Virtuositätsbonus existierende Werke zusammen. Der in England lebende 72järige Pianist hat darüber hinaus ein besonderes Gespür für das passende Timing einer Interpretation, das er bis in die kleinsten Temponuancierungen hinein austariert.

 

Beispiel: die "Sonate in a-moll, K310", komponiert während des Frühjahrs 1778, als Mozart mit seiner Mutter in Paris weilte und ohnmächtig miterleben musste, wie sie an einer Krankheit über Monate hinweg starb. Brendel verzichtet auf Sentimentalitäten und spielt die Sonate distanziert, kühl schon beinahe wie Scarlatti und mit einem klaren Fluss der Motive, der sich nicht vom naheliegenden Nachdruck der Emotionen beeinflussen lässt. Auf dieser Weise bekommt das Opus eine Bach?sche Färbung, so wie Brendel überhaupt dazu neigt, sich den Klaviersonaten aus der Perspektive eines nüchternen Analytikers zu nähern, wie man es sonst von der Interpretation der Werke des barocken Ahnherrn der musikalischen Moderne gewohnt ist. Denn es ist insgesamt kennzeichnend für sein Mozart-Verständnis, das er bereits mit der Einspielung der Klavierkonzerte mit Sir Neville Marriner und der Academy Of St Martin-in-the-Fields vor rund einem Vierteljahrhundert formulierte und seitdem beständig modifizierte. Ob in der großen oder kleinen Form, Mozart ist der Meister aller Klassen. Man kann ihm nur gerecht werden, wenn man ihn so ernst wie möglich und so locker wie nötig spielt. Diese Gratwanderung gelingt Brendel mit faszinierender Präzision. Und sie macht den besonderen Reiz seiner Mozart-Deutungen aus.


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