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28.02.2007

Damals und heute

Alfred Brendel, Damals und heute

Es gibt Künstler, die gehören derart selbstverständlich zur internationalen Musik-Szene, dass man gar nicht bemerkt, wie die älter werden. Sir Alfred Brendel hat vor wenigen Wochen seinen 76.Geburtstag gefeiert und empfindet es selbst als ebenso faszinierend wie notwendig, aus der Fülle der Aufnahmen, die während des vergangenen halben Jahrhunderts mit ihm entstanden sind, eine Auswahl mit besonders gelungenen musikalischen Momenten zu treffen. Als zweiten Teil der Reihe "Artist's Choise" hat er Beispiele von Beethoven bis Busoni aus rund vier Jahrzehnten herausgesucht, die seine Interpretationen im Live-Ambiente und im Studio der BBC dokumentieren. Die Doppel-CD trägt  den Titel "In Recital" und kommt dieser Tage zum Special Price in die Läden.

An sich war es eine pfiffige Idee. Im Jahr 1819 schickte Anton Diabelli an 50 Komponisten ein musikalisches Thema mit der Bitte, dazu eine Variation für ein Sammelwerk zu schreiben. Die meisten der angeschriebenen Kollegen hielten sich an die Vorgaben und so konnte fünf Jahre später reizvoller Noten-Band erscheinen. Beethoven allerdings überging die Regeln machte sich einen Spaß aus dem ungewöhnlichen Auftrag. Er komponierte nicht nur eine Bearbeitung, sondern ganze 33 und schuf damit nach Bachs "Kunst der Fuge" eines der umfangreichsten Variationswerke der Klavierliteratur. Dementsprechend umfassend kümmerte er sich auch um den Tenor der Neudeutungen und gestaltete ein Panoptikum des musikalischen Esprits, das einen Pianisten vom Schlage Alfred Brendels mit reichlich intellektueller Genugtuung erfüllt. "Statt 'Variationen' benützt Beethoven das deutsche Wort 'Veränderung', während er sich im übrigen durchaus an die gewohnte italienische Terminologie hält", kommentiert Brendel seinen Umgang mit dem Werk im Booklet von "In Recital" und ergänzt: "Tatsächlich verändert Beethoven in diesem Werk die Variationstechnik selbst. Das Thema als Ganzes regiert nicht mehr in der üblichen Weise die Variationen; eher bestimmen nun die Variationen, was das Thema ihnen Brauchbares zu bieten hat. Diabellis Thema wird von Beethoven kommentiert, kritisiert, verbessert, parodiert, verlacht, ad absurdum geführt, missachtet, verzaubert, verklärt, beklagt, beweint, zerstampft und schließlich belächelt".
 
So wundert es wenig, dass Alfred Brendel sich mit viel Genuss und Empathie der Interpretation dieses ausführlichen Werkes hingibt. Die von ihm preferierte Aufnahme stammt aus dem Jahr 2001, wurde in der Londoner Royal Albert Hall mitgeschnitten und dokumentiert einen Pianisten, der bei aller Kontrolle den Schmiss und den Charme der "Diabelli-Variationen" in den Vordergrund stellt und damit Beethovens Absicht sehr nahe zu kommen vermag. Die zweite CD der "Artist's Choice" Zusammenstellung "In Recital" greift zunächst ebenso auf Beethoven zurück, allerdings auf dessen Übergang zum Spätwerk mit der "Sonate Nr.28, A-Dur, op.101", die Brendel in der Symphony Hall von Birmingham bereits 1992 aufzeichnen ließ. Ein kürzerer Variationen-Zyklus stammt von Felix Mendelssohn, überschrieben mit "Variations sérieuses, op.54" und wird vom Interpreten dem Titel entsprechend mit gravitätischem Ernst angegangen. Lyrisch verhalten und beiläufig virtuos präsentiert er sich hingegen bei Ferruccio Busonis "Elegien", wobei ihm nur zwei der sieben um 1907 entstandenen Stücke als gelungen genug erscheinen, um in die Sammlung aufgenommen zu werden. Ein wirkliches Schmuckstück schließlich ist die frühe Version von Frédéric Chopins "Andante spianato & Grande Polonaise in Es-Dur, op.22". Sie wurde bereits 1968 von der BBC festgehalten und zeigt Brendel in einer für ihn ungewohnten Rolle. Denn der polnische Nationalromantiker zählt im Unterschied etwa zu Schubert, Mozart oder Beethoven nicht zum Kernrepertoire des Pianisten. Umso faszinierender ist seine Deutung des facettenreichen Doppelwerks, dem er eine Feinheit und Verspieltheit abgewinnt, die bei allem Pathos von Lebenslust und Freiheit kündet.


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