Backstage
Alfred Brendel BACKSTAGE EXCLUSIV

Facebook

News

16.04.2008

Mehr als ein Fazit

Alfred Brendel, Mehr als ein Fazit

Ein wenig traurig stimmt das schon. Alfred Brendel, einer der ganz großen Pianisten der vergangenen Dekaden, hat angekündigt, in diesem Jahr mit einer letzten Tournee seinen Abschied von der Bühne zu nehmen. Doch er hat viele seiner Meisterinterpretationen für die Nachwelt festgehalten. Anlässlich seine 75. Geburtstags 2006 bot Philips ihrem Künstler an, im Rahmen der Reihe Artist's Choice ein Resümee zu ziehen. Nun in einer Box mit acht CDs unter der inhaltlichen Leitung des Pianisten zusammengefasst, ist ein künstlerisches Tagebuch entstanden, das Alfred Brendel mit den Höhepunkten seines Könnens von Mozart bis Schubert und Beethoven bis Liszt präsentiert - und das zu einem günstigen Preis, bei dem jeder Klavierfan nur jubeln kann. "Seit meiner ersten Schallplattenproduktion", erinnert sich der Künstler, "jener des 5. Klavierkonzerts von Prokofiev, die in großer Eile und unter primitiven Umständen 1952 in Wien zustande kam - hatte ich in fast ununterbrochener Folge Gelegenheit, Klavieraufnahmen zu machen. Zusätzlich wurden zahlreiche meiner Konzerte von Rundfunkanstalten aufgezeichnet. Im Rückblick scheint es mir notwendig, unter der Flut dieser LPs und CDs, soweit ich sie selbst überblicken kann, eine Auswahl zu treffen".

Die Auswahl fällt nicht immer leicht, besonders für einen Künstler, der im Laufe seiner Karriere nicht nur immer besser, sondern auch immer anspruchsvoller geworden ist: "Die neue Philips-Serie versucht also, ein, wenn auch lückenhaftes, Fazit zu ziehen", meint Brendel zu der Idee, die hinter  Artist's Choice steht, und ergänzt: "Dabei war es mein Vorteil, dass ich soviel aufgenommen habe: Die Chance, Aufführungen zu finden, in denen der Spieler sich wieder erkennt, wird dadurch jedenfalls größer." Die Kriterien, die eine gute Einspielung ausmachen, sind dabei von zahlreichen Variablen abhängig, deren Beeinflussung nur zum Teil in der Macht des Interpreten steht: "Zu den vielen Dingen, die den Stellenwert einer Aufnahme bestimmen, gehören die momentane Beziehung zum Stück, die 'Tagesform', der Raum, das Instrument, der Klaviertechniker, die musikalischen Partner sowie das Glück und die Kompetenz der Tonmeister bis in die Klangmischung des Endresultats hinein. Auf meiner CD des d-Moll Konzerts von Brahms mit den Berliner Philharmonikern und Claudio Abbado etwa klingt der Flügel, als sei er nicht vor, sondern im Orchester platziert. Glücklicherweise gibt es eine hervorragend balancierte Konzertproduktion mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Sir Colin Davis, die neben anderen mit besonders am Herzen liegenden Live-Aufnahmen in dieser Serie folgen soll."

Insgesamt sind vier Doppel-CDs in einer Box und eine DVD mit einem ebenso speziellen wie reizvollen Repertoire erschienen. Im Falle Mozarts zum Beispiel sind auf einer CD zwei der besten Interpretationen zum einen des d-Moll Konzerts KV 466 mit der Scottish Chamber Orchestra unter der Leitung von Sir Charles Mackerras, zum anderen der F-Dur Sonate KV 332 überhaupt vertreten, die während der vergangenen Jahrzehnte verwirklicht wurden. Sie wurden nicht nur mit weiteren Klangpretiosen des Salzburger Jubilars kombiniert, sondern auch mit einer zweiten CD, die vier Sonaten von Joseph Haydn in einer betörend ausgewogenen Darstellung präsentiert.

Eine andere Sammlung widmet sich dem Klavierwerk Ludwig van Beethovens mit dem Fokus auf den mittleren und späten Sonaten, dem vierten Klavierkonzert und den 6 Bagatellen op.128, den letzten Kompositionen für Solo-Klavier, die der taube Meister geschrieben hat. Die dritte Doppel-CD wendet sich zwei Romantikern zu, zum einen dem Spieltechnik-Guru Franz Liszt, dessen opulente Sonate in h-Moll Brendel mit der ihm eigenen unpathetischen Lakonik interpretiert. Dem gegenüber wirkt er im Falle von Schumanns Kreisleriana op.16 beinahe verspielt, jedenfalls deutlich gelöster als beim Übervater des modernen Virtuosentums.

Bleiben schließlich noch zwei Zusammenstellungen mit Werken von Schubert, für dessen Werk-Interpretation Alfred Brendel als Autorität gilt. Zum einen befasst er sich auf CD mit fünf Sonaten des musikalischen Genius, zwei davon (A-Dur D959, B-Dur D960) sind auch auf DVD im remasterten Surround-Format in einer Aufnahme aus der Great Hall of the Middle Temple in London erhältlich, die im Januar 1988 entstand. So kann man sich inhaltlich ausführlich, kompetent kommentiert und liebevoll ediert einer der faszinierendsten Musikerpersönlichkeiten widmen, die die vergangene Jahrhunderthälfte hervorgebracht hat.


KOMMENTARE

Kommentar speichern