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06.03.2017

Alphaville, "Strange Attractor", 2017

Große Pop-Musik war in ihren besten Momenten das Versprechen einer Welt, die in vier Minuten begreifbar wird, selbsterklärend, schillernd, größer als der Mensch. Angesichts der Verwerfungen der Gegenwart kommt Alphavilles neues Album "Strange Attractor" zum perfekten Zeitpunkt.

Marian Gold, dessen unsere Seelen berührende Stimme heute, mit 62 Jahren, stärker ist denn je, kennt die Klaviatur des Pop vermutlich besser als jeder andere deutsche Pop-Musiker, von Ralf Hütter und Florian Schneider vielleicht einmal abgesehen. "Dabei", so Gold, "dachte ich, daß ich gar nicht mehr weiß, wie das geht, einen Pop-Song zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, daß die Entwicklung der Pop-Musik wie ein Expresszug an mir vorbeigerast ist." Doch Gold weiß, dass ein Aufspringen auf einen Zug keine Option ist, es vielmehr eines echten Antriebs bedarf, um wieder voll einzutauchen in große Melodien und in die Gesten des Pop.

Alphavilles siebentes Studioalbum "Strange Attractor" ist die Kreuzung von pumpenden Funk- und Soul-Zitaten mit hymnisch-barocker Euphorie à la Frankie Goes To Hollywood, ABBA und Pink Floyd und einer Reinheit im Elektro-Pop, wie wir sie zuvor eigentlich nur zu Beginn der Achtzigerjahre gehört haben, als das Genre noch jung war. Gold musste seine nunmehr seit 35 Jahren existierende Band nach dem tragischen Tod des Keyboarders Martin Lister im Jahr 2014 neu formieren. Gold: "Ich wollte in erster Linie neues Material für eine neue Band. Der Sound von Alphaville hatte sich verändert. Und viele der neuen Stücke erfuhren dann noch zusätzlich extreme Veränderungen. Das kam durch die enorm lange Produktionszeit von 5 Jahren. Wir mussten erst in Erfahrung bringen, welches Potenzial diese Stücke in sich bergen."

Alphaville hatten Welthits wie "Big in Japan", "Sounds Like A Melody", "Jet Set", "Dance With Me" und natürlich "Forever Young". Marian Gold kennt die Glanz- und Schattenseiten des Erfolgs wie kaum ein Zweiter. Einerseits erlaubte er sich in den Nullerjahren eine lange, introvertierte Aus-Phase, in der er allerdings im Monatstakt enigmatische Songsskizzen im Internet veröffentlichte. Andererseits tourt er seit 1995 ununterbrochen mit Alphaville kreuz und quer über den Globus, wobei sich intime Clubkonzerte mit Stadion- und Festivalauftritten vor Zehntausenden regelmäßig abwechseln.  Diese beiden Erfahrungen, also die Freiheit ohne Druck zu kennen, wie auch die "Bürde" des Welterfolgs erlebt zu haben, halfen beim Schreiben und Produzieren der neuen Songs – ein Prozess, der kurz nach Veröffentlichung des letzten Albums "Catching Rays On Giant" im Jahr 2010 begann. Und es erklärt, warum "Strange Attractor" heute so klingt, als sei es für unsere zerrissene Welt geschrieben worden.

"Strange Attractor" ist weit mehr als nur Alphavilles siebentes Album. Es ist eine Hymne an die potenziell weltverbessernde Kraft der Musik – grandiose Pop-Songs, zauberhafte Hybride, die spielerische Leichtigkeit und profunde Erkenntnis wie selbstverständlich in sich tragen, ja, diese sich umarmen. 


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