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31.08.2012

Große Musik spricht für sich selbst - András Schiff spielt das Wohltemperierte Clavier

Nach seinen hochgelobten Neueinspielungen der "Goldberg-Variationen" und der sechs Partiten widmete sich András Schiff auch dem Wohltemperierten Clavier erneut im Rahmen einer Aufnahme für ECM New Series, die neue interpretatorische Maßstäbe setzt.

András Schiff, Große Musik spricht für sich selbst © Nadia F. Romanini / ECM Records

Bereits dem jungen András Schiff wurde während der 1980er Jahre weltweit große Anerkennung für seine Aufnahmen von Bachs Klavierwerken zuteil. Im Zuge seiner Langzeitverbindung mit ECM New Series legte er während der zurückliegenden Jahre Revisionen aus der Perspektive eines altersweisen Interpreten vor, die noch größere Begeisterung auslösten: die "Goldberg-Variationen" (2001) und die sechs Partiten BWV 825-830 (2007), beides intime Konzertaufnahmen. Seine neuerliche Einspielung des Wohltemperierten Claviers entstand im August 2011. Im Auditorium Radiosvizzera Italiana in Lugano gelang eine wundervolle Studioaufnahme der Bücher I und II, die neue Maßstäbe der Interpretation setzt. Schiffs persönlicher Steinway-Flügel wurde eigens angeliefert, um das Spiel des Meisterpianisten auf dem Instrument seiner Wahl einzufangen.

Gipfelwerk der Klavierliteratur

Das aus zwei Büchern bestehende Wohltemperierte Clavier durchmisst in jeweils 12 Satzpaaren aus je einem Präludium und einer Fuge in chromatischer Abfolge aufsteigend den gesamten Raum der Dur- und Molltonarten. Von Bach verfasst zum "Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend", als Spiel- und Kompositionsanleitung sowie als systematische Erforschung der aus Werckmeisters wohltemperierter Stimmung resultierenden modulatorischen Möglichkeiten gilt das Werk unübertroffen in Bezug auf den Überfluss seines Erfindungsreichtums und seinen Einfluss auf nachfolgende Komponistengenerationen. "Haydn, Mozart, Beethoven, Bartók – sie kommen alle von Bach", erklärte Schiff einmal im Hinblick auf das Wohltemperierte Clavier, "Bach verkörpert den Gipfel der europäischen Musikgeschichte."

"Anflüge von Sentimentalität"

Im Einführungstext zu seiner ECM-Einspielung der sechs Partiten legt András Schiff seine Motivation zur wiederholten Aufnahme von Bachs Klavierzyklen dar: "Große Werke sind viel größer als ihre Interpreten. Wir bemühen uns ein Leben lang, ihre Geheimnisse zu entdecken, ihre einzigartige Botschaft zu vermitteln. Wenn wir das imaginäre Ziel auch nie ganz erreichen werden, gewinnen wir durch zahlreiche Aufführungen doch Erfahrungen und Kenntnisse, die uns Jahre früher noch verborgen geblieben waren." Auf eine Frage nach etwaigen Mängeln seiner früheren Aufnahmen, die er zu korrigieren beabsichtige, antwortete Schiff unlängst: "Es gab Anflüge von Sentimentalität, die ich seinerzeit nicht als sentimental empfand - doch mag ich Sentimentalität nun einmal nicht. Vielleicht gewinnt man mit dem Alter an Sicherheit - man verspürt nicht mehr die Notwendigkeit zu beeindrucken. Man weiß, dass es sich um ein großes Musikstück handelt, das für sich selbst sprechen kann."

Die Kunst des pedallosen Spiels

Als essenziell für das Verständnis von Bachs Kompositionen für Tasteninstrumente erachtet András Schiff die Entscheidung für einen modernen Konzertflügel. "Die Frage nach dem richtigen Instrument für Bach lässt sich unmöglich beantworten. Man kann nicht sagen, für welches Instrument etwa das Wohltemperierte Klavier geschrieben wurde. ‘Clavier’ ist ein Sammelwort. Es steht für alle Tasteninstrumente, die Bach seinerzeit zur Verfügung standen", erklärt er. Heute sei im einzelnen kaum noch nachvollziehbar, welche der Präludien und Fugen Bach für Clavichord, Cembalo, Orgel oder Pedal-Cembalo schrieb. Der Konzertflügel kenne die Einschränkungen der historischen Instrumente nicht und werde, davon ist Schiff überzeugt, allen Werken des Wohltemperierten Claviers gerecht. Auf den Einsatz des Pedals verzichtet er grundsätzlich. "Die Klarheit der Polyphonie und die Stimmführung müssen selbstverständlich sein, da gibt’s keinen Platz für Konfusionen."


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