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25.03.2015

Ergreifende Zeitreise – Schiff spielt Schubert auf dem Hammerklavier

Er ist ein großer Entdecker verborgener Klangschönheiten. Jetzt veröffentlicht ECM New Series ein Doppelalbum mit Schubert-Interpretationen von András Schiff. Das Besondere: Wir hören Schubert in Wiener Manier.

András Schiff, Ergreifende Zeitreise – Schiff spielt Schubert auf dem Hammerklavier © Nadia F. Romanini / ECM Records

Als die historische Aufführungspraxis ihre Blütezeit hatte, konnte er die allgemeine Begeisterung nicht teilen. Obgleich ein zutiefst gebildeter Pianist, dem Werktreue nicht fremd war, wies er den dogmatischen Eifer mancher Interpreten doch entschieden zurück.

Singendes Klavier

Es waren die 1980er Jahre, und András Schiff schaltete sich mit scharfen Kommentaren in die Diskussion ein. "Die Zeit wird noch kommen", so der junge Pianist, "da wir Schubert-Sonaten auf Hammerklavieren von Conrad Graf spielen werden." Dreißig Jahre später muss er nun feststellen, dass seine Prognose eingetreten ist. Aber er ist keinesfalls böse darüber, sondern räumt selbstironisch ein, dass sich seine "Prophezeiung erfüllt hat – durch mich selbst".

Das alles kann man nachlesen in seinem fulminanten Bekenntnis, das neben informativen Beiträgen von Misha Donat und Michael Ladenburger im CD-Booklet seines neuen Schubert-Albums abgedruckt ist. Schiff outet sich hier als Konvertit, der sich inzwischen mit großer Begeisterung historischen Fragen der Interpretation widmet. In moderater Form war dies allerdings schon immer so. Schiff spielte Schubert mit Vorliebe auf einem Bösendorfer-Flügel, den er im Gegensatz zu einem Steinway für wienerischer, gesanglicher hielt.

Schuberts Farben

Er verglich diesen Unterschied mit dem Gegensatz von Hochsprache und Dialekt. Danach hat der Steinway keinen Dialekt. Er verkörpert die präzise Neutralität der Hochsprache. Der Flügel von Bösendorfer hingegen spricht wienerisch, und das heißt eben: er singt. Er hat einen Geschmack, eine Herkunft, ein Geschlecht, und Schiff hat es seit jeher geliebt, den harmonischen Farben, dem Geschmack Schuberts auf die Spur zu kommen. Auf seinem neuen Album treibt er dieses Spiel nun einen Schritt weiter. Auf dem Hammerflügel von Franz Brodmann, der um 1820 in Wien hergestellt wurde, entdeckt er Klangnuancen Schuberts, die man in dieser Form noch nicht gehört hat. Das Hammerklavier kann zwar mit der klanglichen Ausgewogenheit eines modernen Flügels nicht mithalten. Dafür fördert es aber Harmonien zu Tage, die bei einem modernen Flügel übertönt zu werden drohen. Das Hammerklavier hat dünnere Bassseiten. Dadurch ist sein Klang weniger voluminös. Andererseits geraten dadurch die höheren Töne nicht in den Hintergrund.      

Gesteigerte Sogwirkung

Imponierend ist auch die Klangvielfalt des Instruments. Manchmal klingen die Töne des Hammerklaviers wie eine Harfe, ein andermal wie ein Fagott. Das hat mit den Pedalen zu tun, die Schiff mit äußerster Akribie einsetzt. Und obwohl es zunächst fremd anmutet, Schubert auf dem Fortepiano dargeboten zu bekommen, erschließt sich das Experiment doch nach und nach. Der schlanke Klang entwickelt sogar eine Sogwirkung, und irgendwann hat man das Gefühl, Schubert nie anders gehört zu haben. Wenn man dann zum Vergleich Schiffs Schubert-Interpretationen auf einem modernen Flügel  heranzieht, ist man erstaunt, dass einem diese Aufnahmen jetzt auf einmal fremd vorkommen und man sich bereits nach dem Hammerklavier sehnt. Ein atemberaubendes Experiment, das auch durch die Auswahl der Schubert-Werke und Schiffs unfassbar weichen Anschlag zu einem poetischen Hochgenuss wird.

Träumer und Perfektionist

Mit den ebenso tänzerischen wie melancholischen Moments musicaux (D 780, op. 94) und den vier tiefsinnigen Impromptus (D 935, op. 142) finden sich aphoristische Klanggebilde auf dem Album, die zu den Spezialitäten Franz Schuberts gehörten. In dieses Feld passt auch die Ungarische Melodie in h-Moll (D 817) und das Allegretto in c-Moll (D 915). Die beiden Sonaten in G-Dur (D 894, op. 78) und B-Dur (D 960) wiederum zeigen, dass Schubert seine unerschöpfliche Imaginationskraft auch traumhaft sicher in klassische Formen zu bannen wusste. András Schiff, der nicht nur ein poetischer Träumer, sondern auch ein leidenschaftlicher Perfektionist ist, stellt dies eindrucksvoll unter Beweis. 


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