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05.04.2002

Umgarnte Ungarn: Schiff - In Concert / Bartók - 44 Duos for two violins

András Schiff, Umgarnte Ungarn: Schiff - In Concert / Bartók - 44 Duos for two violins

Drei Ungarn, zweimal ECM New Series, ein Gedanke: meisterhafte Musik. Von schlicht und ergreifend bis überwältigend romantisch.

Der ungarischen Seele hat man jede erdenkliche musikalische Leidenschaft angedichtet. Mag man diesem Klischee auch zweifelnd begegnen, unbestreitbar ist, dass die kleine Republik enorme musikalische Talente hervorgebracht hat. Knapp 10 Millionen musikbegeisterte Einwohner auf eben 93.000 Quadratkilometern projizieren ihren geballten Nationalstolz auf die Komponisten Béla Bartók und György Ligeti, den Dirigenten Sir George Solti oder den Pianisten András Schiff.

 

Letzterer widmet sich auf seiner aktuellen Doppel-CD für ECM New Series einigen pianistischen Großtaten von Robert Schumann. Der "Interpret der Zwischentöne", wie ihn Martin Meyer in seinen Liner Notes tauft, spielt auf der ersten CD von "In Concert" die "Humoreske op. 20" und die ersten vier "Noveletten op.21", auf der zweiten CD dann die Fortsetzung, die letzten vier der "Noveletten", sowie die "Klaviersonate f-moll op. 14" und das herzerweichende vierte der "Nachtstücke op.23". András Schiff, 1953 in Budapest geboren und unter anderem von Elisabeth Vadasz und György Kurtág an der Buda und von George Malcolm in seiner späteren Wahlheimat an der Themse ausgebildet, gilt am Klavier zu Recht als einer der bedeutendsten klassischen Interpreten seiner Generation. Virtuosität und wahres Verständnis, die scheinbare Leichtigkeit der Fingerfertigkeit und die nötige Ernsthaftigkeit im Ausdruck vereinen sich in ihm wünschenswert wunderbar. Neben seiner leidenschaftlichen Begeisterung für Bach, Schubert und Mozart, der er auf zahlreichen Einspielungen und Konzerten, sowie bei eigens initiierten und beschirmten Festivals Rechnung trägt, widmet sich der zweifache Grammy-Gewinner oft und gern auch dem pianistischen Oeuvre des Robert Schumann. Am 30. Mai 1999 entstanden die vorliegenden Aufnahmen in der Tonhalle Zürich. Sie zeigen den ungarischen Pianisten in zutiefst empfundenen Interpretationen von Klavierwerken des deutschen Liebesleiders und Lebemanns. So gelungen sind seine Versionen, dass Martin Meyer, wieder in den extensiven Liener Notes, konstatiert: "Die Musik scheint sich selbst zu erzählen, das ist es."

 

Die "44 Duos für zwei Violinen", die Bela Bártok eigens für eine musikpädagogische Sammlung des Freiburger Musiklehrers Erich Doflein schrieb, bekommen in den spielerisch ernsthaften Versionen der jungen Geigenvirtuosen János Pilz und András Keller (Primarius des famosen Keller Quartetts) ein gewichtiges Eigenleben. Die simpel wirkenden Ein- bis Zweiminüter, oft auf Basis der von Bartok vielgeliebten und -gesammelten Tänze und Lieder aus Transsylvanien, Rumänien oder sogar aus dem arabischen Raum, fordern, auch durch ihre scheinbare Schlichtheit, die interpretative Leidenschaft der Duettpartner. Auch die kurzen Werke der zeitgenössischen Komponisten Ligeti und Kurtág, die die beiden Geiger zum krönenden Abschluss dieser CD geben, leben von ihrer liedhaften Schlichtheit. Ligetis Ballade und Tanz sind sogar, laut Untertitel, in bester Bartók-Tradition nach einem rumänischen Folk-Song entstanden, Kurtágs "Ligatura- Message to Frances-Marie op. 31b" klingt leise und leidend, zart und zerbrechlich.

 

Wer Komplexes entwirrt hat, weiß die Simplizität zu schätzen. So entlarven András Keller und János Pilz auf ihrem neuen Album für ECM New Series auf ganz andere Art und Weise als ihr Landsmann Schiff, den trügerischen Schein: Großes, wie von Schumann, muss nicht überwältigen, Kleinode, wie hier von Bartok, wachsen und gedeihen erst recht in meisterlichen Händen.


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