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19.11.2004

András Schiff spielt Janácek

András Schiff, András Schiff spielt Janácek

Die Opern von Leo Janácek, immer häufiger auf den Bühnen zu erleben, sind beim Publikum beliebt. Der Grund liegt wohl nicht nur in deren meist volksnaher Handlung und Musikalität, sondern auch in der elementaren Menschlichkeit, die daraus spricht. Seine wenig bekannten Klavierwerke hören heißt zwar nicht, einen völlig neuen Janácek entdecken, wohl aber den tschechischen Meister von einer ganz neuen Seite kennen lernen. Es ist seine persönliche, ja innerste Seite, die in ihnen zum Klingen kommt. Janácek pur, abstrahiert für ein einziges Instrument und damit künftige Entwicklungen vorprägend. Und eine Entdeckung sind sie allemal, wenn András Schiff sie interpretiert.

Er arbeitet die Nuancen und die Brüche, die melodische Eigenart und die rhythmische Vielfalt so einfühlend und dabei unprätentiös heraus, dass die prägnanten Formulierungen bestimmter Empfindungen und Ereignisse weiten Raum gewinnen.

Das letzte Stück gibt den Titel: A Recollection, eine kaum mehr als eine Minute dauernde "Erinnerung", eine nachsinnende, an Bartók erinnernde Melodie, von kurzer Erregung unterbrochen, mit offenem Schluss. Damit umschließt sie den Kern aller hier eingespielten Werke, die an Stimmungen, in einem Fall an ein tragisches Geschehen erinnern, lyrisch, aber auch dramatisch Vergangenes beschwörend. "Im Nebel" beginnt mit einem liedhaften, wie so oft slawisch geprägten Thema, impressionistische Mixturen und Tonkaskaden brechen ein, romantische Anklänge, ein Beethovenzitat sind zu hören. Die vier Sätze hält ein ganz eigener, oft rezitativischer Ton zusammen. Zehn kurze, aber kostbare Charakterstücke mit dem Sammeltitel "Auf verwachsenem Pfade" tragen Überschriften wie "Unsere Abende", "Ein verwehtes Blatt", "Die Friedeker Mutter Gottes", "So namenlos bange", "In Tränen" oder "Das Käuzchen ist nicht fortgeflogen!"; es folgen zwei nicht näher charakterisierte Fortsetzungen.
Die "Sonate 1. X. 1905" bezeichnet das Datum, an dem ein Arbeiter, der für eine tschechische Universität in Brno demonstrierte, von österreichischen Truppen erschossen wurde. Ein politisches Bekenntnis und Trauermusik zugleich, beginnend mit einem verhangenen, mehr und mehr aufbegehrenden Satz "Die Ahnung" (Con moto). Dem achtminütigen Adagio, "Der Tod", das ein stilles, immer wiederkehrendes Klagethema durchzieht, folgt kein Schlusssatz. "Ich wage zu behaupten, dass seit Schubert auf dem Klavier niemand mehr so vom Tod gesprochen hat", schreibt der Autor Imre Kertész im Booklet. Als Fragment hält es das Gedenken offen, ein Mahnmal gleichsam, wie A Recollection mit ihrem fragenden Ende die unabgeschlossene Lebendigkeit allen Erinnerns bekräftigt. Bei András Schiff klingen manche Takte, als bliebe die Zeit stehen. Eine erstarrende Langsamkeit, die Zeit für das Rückbesinnen lässt.

  • Hier geht's zu Übersicht der ECM New Series Veröffentlichungen.

 


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