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01.11.2006

Formakrobat, Ausdrucksjogleur

András Schiff, Formakrobat, Ausdrucksjogleur

Die Klaviersonaten begleiteten Beethoven von jungen Jahren bis ins hohen Alter, ließen ihn juvenil mit der Wiener Klassik kokettieren oder im Falle der enigmatischen "Sonate Nr.32 in c-moll, op.111" die formalen Grenzen der Gattung in Frage stellen. Sie wurden zu Hits wie die "Mondscheinsonate", zu Klassikern des Salonpianos wie die "Pathétique" und dokumentierten in vielfacher Weise die künstlerische Gestaltungskompetenz des Komponisten. Auf der anderen Seite sind sie ein Destillat von Beethovens künstlerischem Schaffen, das selbst Pianisten vom Range eines András Schiff reizt, sie systematisch zu erforschen. Mit dem dritten Teil seiner Kompletteinspielung der Sonaten, nähert er sich nun den Werken am Übergang von der frühen zur mittleren Phase des Komponisten.

Es gehörte in Wien zum gesellschaftlichen Umgang, bei Fürst Lichnowsky die Kammermusikabende Beethovens zu besuchen. Der junger Hofmusiker aus Bonn hatte es nach seiner Ankunft in der Musikmetropole Wien 1792 schnell geschafft, sich als Klaviervirtuose und Lebemann in der höfischen Gesellschaft zu etablieren. Es waren unbekümmerte Jahre für den Mitzwanziger. Mäzene hielten ihm der Rücken frei, Verleger kauften seine Werke für ansehnliche Preise. An seinen Bonner Freund Franz Wegeler schrieb er im Juni 1801: "Meine Komposizionen tragen mir viel ein, und ich kann sagen, dass ich mehr Bestellungen habe, als fast möglich ist, dass ich machen kann. Auch habe ich auf jede Sache 6, 7 Verleger und noch mehr; wenn ich's mir angelegen sein lassen will, man accordiert nicht mehr mit mir, ich fordere und man zahlt". Bis auf erste Anzeichen beginnender Taubheit ging es Beethoven so gut wie wenigen anderen Komponisten seiner Zeit. Er revanchierte sich bei seinen Gönnern, indem er ihnen zahlreiche Werke widmete, und Musik schrieb, die in den Salons der Adeligen aufgeführt werden konnte. Die Klaviersonaten gehören darüber hinaus zu Beethovens künstlerischem Lebensweg über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg, von den erfolgreichen bis zu den eigenbrödlerischen Phasen. Sie waren zum einen Spielwiese seiner gestalterischen Fähigkeiten, wo er im kleinen mit Form und Struktur experimentieren konnten. Sie entwickelten sich darüber hinaus zu einem der Höhepunkte von Beethovens Klavierwerk überhaupt, denn mit ihnen perfektionierte er sowohl den Sonatenhauptsatz als auch den Sonatenzyklus als übergeordnetes Schema und beeindruckte damit nicht nur sein Publikum, sondern auch zahlreiche nachfolgende Musikkollegen. Von Franz Liszt etwa stammt die Einteilung der 32 Werke in drei Phasen - "l'adolescent" (op.2 - op. 22), "l'homme" (op. 26 - op. 90) und "le dieu" (op. 101 - op. 111) -, die sich bis heute als gängige Gliederung erhalten hat.

Und die Chronologie erscheint weiterhin so sinnvoll, dass auch Koryphäen wie der Starpianist András Schiff ihr folgen: "Meine Entscheidung soll dem Zuhörer den ungeheuren Prozesscharakter des Sonatenwerks vergegenwärtigen - nicht nur die Vielfalt der Formen  und Stimmungen innerhalb einer Periode, sondern auch die geschichtliche Entwicklung über Jahrzehnten. Dabei verweist Früheres auf Späteres, und das Spätere holt - natürlich mit je spezifischen Mitteln - Elemente der Vorangegangenen ein. Schließlich ist es auch für mich selbst spannend, diesen Schaffensbogen so nachzugestalten, als wäre er wie zum ersten Mal zu überblicken und in eine große Erzählung zu bringen. Man macht da selbst beim scheinbar Vertrautesten überraschende Entdeckungen". Teil drei der "Piano Sonatas" besteht aus den zwischen 1795 und 1797 Sonaten op.49 (die nur wegen ihrer späten Veröffentlichung in der Chronologie höhere Nummern zugeordnet bekamen), außerdem dem beiden Sonaten op.14 und der Sonate op.22. Das gelegentlich geäußerte Argument, die Werke op. 49 wären noch Präludien späterer Meisterschaft, lässt Schiff nicht gelten. "Beethoven ist bereits in den frühen Sonaten ein Psychologe nicht nur für die Organisation der Sätze nach ihrer inneren Logik, sondern auch für den Satzverbund, was wir bei späteren Werken noch intensiver bemerken und spüren mögen". Was der Interpret damit meint, kann der Hörer nun am CD-Beispiel nachvollziehen, und Schiff in einen betörenden Kosmos differenzierten und humorvoll pointierten Ausdrucks folgen.


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