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12.09.2007

Zart und flehend, humorvoll mit Esprit

András Schiff, Zart und flehend, humorvoll mit Esprit

Es gab bereits viel Lob für András Schiff. Eben erst bekam die Folge IV seiner Neueinspielung der Klaviersonatenwerks von Ludwig van Beethoven den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik in der Sparte "Klaviermusik" überreicht. Die durch Klarheit, Sensibilität und wegweisende Klanggestaltung gekennzeichneten Aufnahmen gelten bereits vor ihrer vollständigen Veröffentlichung als Musterbeispiel zeitgenössischer und zugleich zeitloser Interpretation, bei der der Genius des Komponisten und der des Musikers sich komplementär ergänzen. Da macht auch die Folge V mit den mittleren "Sonaten op.31" und der "Waldsteinsonate, op.53" keine Ausnahme.

Kategorisierungen helfen zwar der Übersicht, behindern aber auch den Blick auf das einzelne. "Gerade der Beethoven-Spieler muss sich alle erdenkliche Mühe gehen, niemals schematisch oder stereotyp zu verfahren" meinte András Schiff bereits mit Blick auf die gängigen Unterscheidungen in die drei Schaffensphasen des Komponisten früh, mittel und spät. "Aber obwohl wir innerhalb der ersten Gruppe eine Fülle von verschiedenen Formen und Stoffen bemerken, glaube ich doch einen gewissen Grundzug zu bemerken. Zwischen 1795 und 1801 etablierte sich Beethoven als ein grandioser Meister der Charakterisierungskunst wie der Experimentierfreude. Sechs Jahre genügen, den Typus 'Klaviersonate' in allen möglichen Konstellationen zu entfalten ... Dagegen zeitigt dann die mittlere Periode eher eine Konzentration der Kräfte, sowohl im Umgang mit dem thematischen Material wie im Satzbau - Beethoven wird hier nicht unbedingt strenger, aber gewissermaßen entschlossener. Als Interpreten kommen wir nicht umhin, solche Entwicklungen der Handschrift unsererseits verstehbar und erfahrbar zu machen". Das gilt zum einen für die ersten Werke der mittleren Periode, vor allem aber auch für die drei unter der Werkzahl op.31 entstandenen Sonaten der Jahre 1801 und 1802 und die über den Zeitraum 1803/4 geschriebene "Sonate C-Dur op.53", die aufgrund der Widmung an Beethovens Förderer und Freund Graf Ferdinand Ernst von Waldstein unter dem Beinamen "Waldstein-Sonate" bekannt wurde.
 
Gerade letztere gehört bereits in die Phase des Übergangs zu den späten, philosophischeren Werken des Komponisten. Bereits der erste Satz von op.53 übertrifft aller bisherigen Kopfsätze der Sonaten an Umfang und unkonventioneller Gestaltung. Das Thema etwa, ein aufgelöster C-Dur-Dreiklang in der Basslage und die Antwort im Diskant erzeugen enorme Spannung, die Wiederholung und das Seitenthema in E-Dur unerwartete Klangfarbe, die vor allem durch die Sechzehntelfiguren im Bass flächige Eindrücke hervorrufen. Auf die drei übrigen Werke bezogen charakterisiert Schiff seine Vorstellung folgendermaßen: "Die erste Sonate in G-Dur ist ein extrem geistreiches Werk, vielleicht Beethovens geistreichste Sonate überhaupt. Außerdem ist sie virtuos, extrovertiert und voll von überraschenden Inspirationen. Die zweite Sonate hat den nicht unpassenden Beinamen 'Der Sturm'. Sie ist durchgehend dunkel in der Stimmung und ihre Effekte sind hochdramatisch, mit einer allgegenwärtigen 'literarischen' Haltung. Die dritte Sonate in Es-Dur schließlich ist wahrscheinlich am schwersten in Worte zu fassen: Auf der einen Seite erscheint sie zart, flehend, inständig, mit einer lyrischen, sehr evidenten Grundstimmung. Andererseits enthält sie im Scherzo und im Finale ein hochgeistiges und nachdrückliches Gespür für Bewegung". Die Aufnahmen von op. 31 und op.53 entstanden im Dezember 2005 live in Zürich im Rahmen des groß angelegten Konzertzyklus von András Schiff, der in die CD-Versionen für ECM New Series mündet. Und sie wurden wie schon die vorangegangenen Folgen auf zwei verschiedenen Flügeln, einem Bösendorfer (op. 31) und einem Steinway Grand (op. 53), festgehalten, um ein Höchstmaß an Klangfarbenreichtum und Variabilität zu gewährleisten.


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