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04.06.2004

Wer zuletzt rächt...

Andrea Bocelli, Wer zuletzt rächt...

Am 19. Januar 1853 war der Tiber über die Ufer getreten. Die Premierengäste des Teatro Apollo mussten durch den Schlamm waten, um zur Vorstellung zu gelangen. Allen widrigen Umständen zum Trotz wurde der Abend jedoch ein Erfolg. Denn es stand eine neue Oper von Verdi auf dem Programm, die nur fünf Jahre später bereits auf allen fünf Kontinenten gespielt werden sollte. "Il Trovatore" war ein Geniestreich des Komponisten, der mit "Nabucco" und "Rigoletto" das italienische Opernleben umdefiniert hatte - und wurde trotz nasser Füße mit begeisterten Ovationen bedacht.

Das 19. Jahrhundert liebte Gemetzel. In einer Zeit, da es noch keine Massenmedien gab, die allabendlich die Katastrophen in die Wohnzimmer schaufeln, war man auf möglichst wüste Stoffe auf der Bühne angewiesen, um dem Sensationsbedürfnis des boomenden Bürgertums zu genügen. Giuseppe Verdi war ein Meister der kunstvollen Verpackung wild emotionaler Stoffe und "Il Trovatore" gehört zu den besonders gelungenen Umsetzungen eines haarsträubend brutalen Plots. Die ganze Geschichte, die zu Beginn des 15.Jahrhunderts vor dem Hintergrund eines Aufstandes des Grafen Biscaya gegen den König von Aragonien ihren Lauf nimmt, basiert auf der Unfähigkeit der Menschen zur Kommunikation, dem Rassismus gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten und dem anhaltenden Morden aus Rachsucht. Graf Luna lässt eine Zigeunerin als Hexe verbrennen. Ihre Tochter Azucena entführt dessen Sohn, wirft aber in der Verwirrung ihr eigenes Kind anstatt des entführten ins Feuer. Daraufhin erzieht sie den Fremden Manrico, als wäre er ihr Sprössling.

 

Als der wiederum erwachsen ist, buhlt er als Troubadour gemeinsam mit dem Sohn des alten Grafen um die Hofdame Leonore, die ihn tatsächlich liebt. Die Konkurrenten duellieren sich, Manrico bringt es nicht fertig, den jungen Grafen umzubringen. Dieser wiederum verhaftet daraufhin Azecuna und Manrico versucht erfolglos, sie zu befreien. Er gerät wie seine Mutter in Gefangenschaft des Grafen. Leonore will ihn retten, indem sie dem Grafen eine heiße Liebesnacht verspricht, nimmt aber Gift, um sie nicht einhalten zu müssen. Als sie Manrico befreien will, erkennt dieser den Preis seiner Freiheit und bleibt. Daraufhin wird er vom Grafen hingerichtet. Als der Kopf ab ist, eröffnet Azecuna dem Potentaten, dass er eben seinen Bruder hat enthaupten lassen und bricht mit dem Satz "Du bist gerächt, oh Mutter" zusammen. Resultat: Mindestens zwei Protagonisten tot, einige weitere gedemütigt. Das Publikum hatte seine Freude.

 

Aber der Erfolg lag nicht nur an dem Plot, der mit Hilfe Salvatore Cammaranos auf der Grundlage des spanischen Bühnenstücks "El Trovador" von Antonia Garcia Gutiérrez zu einem wirkungsvollen Libretto verarbeitet worden war. Verdi war ein Spezialist für die Ausgestaltung leidenschaftlicher Emotionen und in einem wahren Schaffensrausch verarbeitete er die Vorlage im November 1852 zu einer Oper voller musikalischer Höhepunkte. Denn auch das ist eine Schulweisheit des dramatischen Gestaltens. Je existentieller sich die Bedrohungen der Figuren darstellen lassen, umso kerniger kann man die Passionen in Klänge umsetzen. Aus diesem Grund hat "Il Trovatore" bis heute seinen Reiz für große Sänger. Die Partien sind klar und effektvoll, die Melodien griffig und emotional, die Handlung ist tempo- und kontrastreich. So hat sich auch Startenor Andrea Bocelli an den aufregenden Stoff gewagt und ist mit Manrico in eine der Vorzeigerollen seines Fach geschlüpft. Aufgenommen am 2. September 2001 im Teatro Massimo Bellini in Catania meistert er die Glanzpartie flankiert von Carlo Guelfi (Conte), Veronica Villarroel (Leonora), Elena Zaremba (Azucena) und dem Orchester und Chor des Teatro Massimo Bellini unter der Leitung von Steven Mercurio mit der nötigen Brillanz und Leidenschaft. Auch wenn das Libretto aus heutiger Perspektive nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, die Musik ist noch immer großartig, besonders wenn Koryphäen wie Bocelli sich ihrer annehmen.


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