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01.09.2016

Andreas Kümmert, "Recovery Case", 2016

Das Cover des Albums "Recovery Case" von Andreas Kümmert zeigt eine Dose in Herzform. Nicht neu, offensichtlich schon lange im Gebrauch. Mit etlichen Ecken und Sprüngen, die Schäden im Lack sind nicht zu übersehen. Aber dadurch kriegt sie etwas Persönliches. Was drinnen war, ist offenbar lange und sorgsam behütet worden. Es war dem Besitzer wohl sehr wichtig. Nun wurde die Dose einen kleinen Spalt geöffnet, jemand lässt uns in sein Innerstes blicken.

Andreas Kümmert ist Millionen Menschen dieses Landes als der Aussteiger beim Eurovision Song Contest in Erinnerung. Der Mann, der den deutschen Ausscheid überlegen gewann und anschließend das Ticket zum Finale weitergab. Nur wenige wissen noch, das Kümmerts TV-Karriere etwas früher begann, er hat mal "Voice Of Germany" gewonnen. Das gehört zu seiner Bio dazu und soll nicht verschwiegen werden. Aber es spielt keine Rolle mehr.

Das erste Majoralbum war das Werk eines frisch gekürten Casting-Helden, sein Potenzial aber war schon damals nicht zu überhören. Diese brachiale Authentizität hat nicht zufällig Millionen elektrisiert. Jetzt gibt es das ganz ursprünglich und ohne Filter auf seinem neuen Album "Recovery Case". Das kommt wie befreit aus tiefster Seele. Es ist rückhaltlos und wahrhaftig, dabei hat es gleichzeitig Kraft und Coolness, entspannte Lockerheit und konzentrierte Professionalität. Mit seiner jahrelangen Erfahrung in diversen Bands kann Kümmert heute eine unglaubliche Bandbreite von seinen Stimmbändern abrufen, ganz unverkrampft, ohne theatralisches Vocal-Pressing. Eigentlich ist er ein Blue Eyed Soulman. Gleichzeitig steckt viel Popappeal in seinem europäischen Rhythm'n'Blues. Er ist ein Rocker mit Herz, ein ehrlicher Kumpeltyp, der nicht davor zurückscheut, ebenso echte Tiefen auszuloten.

Für "Recovery Case" hat sich Andreas Kümmert Zeit gelassen. Zeit, die es braucht, um sich bis ins Detail einzubringen. Für Songs mit Ecken und Kanten, die auch sein Macher hat. Kümmert beherrscht die komplette emotionale Palette von großer Wucht bis zum sensiblen Zwischenton. Es gibt wahrhaftige Rockmonster wie "Notorious Alien" und "One Day", akustisch anmutende Songs wie "Falling" sowie rührende Balladen wie "Beside You" und "The Beginning Is The End".

"Recovery Case" steht für Andreas Kümmert als Reflektion der letzte drei Jahre, als Mittel zur Rehabilitation. Die plötzliche Medienaufmerksamkeit und der rasante Popularitätsschub forderten ihren Tribut, der Musiker erkrankte an einer Angststörung. Das Erkennen dieser Gefühle als Krankheit, der Umgang damit, das Verfolgen von Lösungsansätzen sind der zentrale Ansatz des neuen Albums. Gleichsam ist "Recovery Case" für ihn aber auch eine Schatulle, in denen sich die Dinge fürs Seelenheil aufbewahren lassen. Balsam für die Seele sind Andreas Kümmerts Songs allemal.

Sie sind in der Regel von ihm geschrieben, gern spinnt er ein paar Ideen-Fäden mit dem Selig-Gitarristen Christian Neander weiter, der das Album gemeinsam mit Michael Tibes auch produzierte. Entstanden sind Lieder, die behutsam, vielschichtig und penibel produziert sind, ohne sich in Schnörkelleien zu verlieren. Kümmert kann sich blind auf sein Organ verlassen, diese Stimme würde auch kreative Leerräume überbrücken können. Umso schöner, dass sie das nicht muss, weil es keine gibt. Stattdessen transportiert sie einige der besten Hooks, die seit langem zu hören waren.

In seinen durchweg eigenen Lyrics zeigt sich Andreas Kümmert sehr nahbar, er gibt sein Seelenleben preis. Tiefgründig und intim hält er sich in der Ballade "Reflection" den Spiegel vor, das vorwärtstreibende "Train To Nowhere" folgt dem lebensphilosophischen Ansatz nach dem Wohin und Woher, "Silver And Gold" ist der Aufruf, sich auch an kleinen Dingen zu erfreuen, die Augen offen zu halten, und wenn "I Love You" tatsächlich als Lovesong durchgehen sollte, dann als Hymne an die eigene Persönlichkeit, sich zu akzeptieren, wie man ist.

Der Meister liebt ausgedehnte Ausflüge in den Retro-Garten, als der Rock 'n' Roll noch an die eigene Botschaft geglaubt hat. Aber Kümmert betet nicht die Asche der Vergangenheit an, sondern holt von dort die Glut ins Jetzt. Genau diese Mischung macht seine Lieder zeitlos. Das passt auf der Pennälerfete genauso wie ins Truckcockpit; es ist sowohl ohrensesselkompatibel als auch gartenpartytauglich. Kümmert hat das Zeug, Mehrheiten auch ohne den Umweg über den großen Glamour in der Samstagabend-TV-Show zu erreichen. Einfach aus dem Lautsprecher direkt ins Herz. Das ist kein dummer Spruch, jeder wird das fühlen, der seinen Ohren und dem Herzen diese Wohltat gönnt.

Man muss diesem Mann nur eine Chance geben: Einfach die Tür zum Gehörgang und den dahinter liegenden mentalen Tiefenschichten mal einen Spalt breit offen stehen lassen. Doch seid gewarnt: Andreas Kümmert wird sich dort sehr schnell und lange einnisten.


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