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01.08.2007

Lieder gegen das Vergessen

Anne Sofie von Otter, Lieder gegen das Vergessen

Das Konzentrationslager Theresienstadt (cz. "Terezin") war ein wichtiger Bestandteil der nationalsozialistischen Propaganda. Denn in der ehemaligen Kasernenanlage 60 Kilometer nördlich von Prag wurde der Weltöffentlichkeit so etwas ähnliches wie Normalität im Umgang mit den Internierten vorgetäuscht. Es gab ein von den Deportierten selbst organisiertes Kulturleben, das Delegationen des Roten Kreuzes vorgeführt und mit Hilfe von Film-Dokumentationen den Kritikern präsentiert wurde, einschließlich Theater- und Musikaufführungen von Künstlern, die kurz darauf ermordet wurden. Zynisch auf der einen Seite gaben diese "Konzerte" andererseits Menschen Kraft, ihr Elend wenigstens für Momente beiseite zu schieben, und die in Theresienstadt entstandenen Lieder gehören zu den bewegenden Zeugnissen der Hoffnung, deren sich die schwedische Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter in einem Recital-Programm angenommen hat.

Viele Künstler wurden von den Nationalsozialisten in Eisenbahnwagons gepfercht und nach Theresienstadt deportiert, oft als vorletzte Station, bevor sie in Vernichtungslagern ermordet wurden. An die seltsam irritierende Stimmung dieses Propagandalagers erinnert sich beispielsweise der Gitarrist Coco Schumann, der später nur durch die Kraft seiner Musik in Auschwitz der Gaskammer entkam, in seiner Autobiographie: "Ich lief die Hauptstraße hinunter und begriff nicht, was ich sah. Schon auf den ersten Blick waren die Zustände in der Ortschaft unerträglich, denn der Platz für ehemals siebentausend tschechische Einwohner war mittlerweile unter bis zu neunundfünfzigtausend Inhaftierten aufgeteilt. Dennoch, die Kulisse war verwirrend. Ich entdeckte kleine Parks und sogar eine - allerdings geschlossene - Kirche. Als ich mich, schon leicht irritiert, umdrehte und meinen Blick über den Marktplatz schweifen ließ, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. Da stand, mitten im Lager, ein Kaffeehaus, heraus klang eine vertraute Musik, eine Musik, die die meine war." (Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger - Eine Jazzlegende erzählt). Ähnlich wie Schumann muss es vielen anderen Insassen des Konzentrationslagers gegangen sein.

Denn in Theresienstadt waren Kunstformen erlaubt, die sonst im Dritten Reich verboten waren und die wie der Swing sogar ein Grund gewesen sein konnten, überhaupt in die Unterdrückungsmaschinerie der Nazis zu geraten. Schumann gründete kurz darauf mit ein paar Gleichgesinnten die "Ghetto-Swingers" und ließ sich von ihnen das System beschreiben: "Die beiden berühmten Kollegen erklärten mir die Komödie, die sie hier spielten, eine von den Lagerhaltung befohlene, selbstorganisierte Unterhaltung der arbeitenden Bevölkerung von Theresienstadt: Jeder, der gesundheitlich noch dazu in der Lage war, wurde zu harter Arbeit verpflichtet und dafür in einer eigenen Währung bezahlt: In Ghetto-Kronen. Ferner konnten die Häftlinge streng rationierte Eintrittskarten für Amüsement, für Theater, Oper oder eben einen einstündigen Aufenthalt im Kaffeehaus, bei Kabarett oder Musik erwerben. Die gelegentlich servierte Tasse Kräutertee mussten die 'Besucher' ebenfalls mit ihrem 'verdienten' Geld bezahlen!".

Die vermeintliche Normalität konnte jedoch sehr bald ein Ende haben. Ilse Weber zum Beispiel arbeitete als Krankenschwester, schrieb über 60 Gedichte, die sie vertonte und in ihren nächtlichen Runden den Kranken zur Gitarre vorsang. Sie sind in ihrer Klarheit und Wärme faszinierende Zeugnisse der Menschlichkeit einer Frau, die 1944 freiwillig zusammen mit kranken Kindern ihrer Station in der Gaskammer umgebracht wurde, und Augenzeugen nach noch bis zum Schluss ihr Lied "Wiegala" gesungen haben soll.

Überhaupt hängen an den meisten der Kompositionen, die in und um Theresienstadt entstanden, derart erschütternde Schicksale, dass die Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter tief beeindruckt war, als sie im Jahr 2000 gebeten wurde, beim International Forum on the Holocaust in Stockholm aufzutreten. Gemeinsam mit der Produzentin Marion Thiem machte sie sich daraufhin an die Arbeit und rekonstruierte ein Programm mit Musik aus "Terezin", die durch ihre Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit die Hörer und Interpreten bei der Seele packt. Es entstand ein Recital aus 21 Stücken, ergänzt um eine bereits 1927 entstandene Violinsonate des ebenfalls von den Nazis ermordeten Erwin Schulhoff, das sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Klavierkompagnon Bengt Forsberg, dem Bariton Christian Gerhaher, dem Geiger Daniel Hope und einigen weiteren Gästen verwirklichte. Es versammelt Lieder aus der Feder von Ilse Weber und Hans Krasa, Carlo Siegmund Taube und Viktor Ullmann, Pavel Haas, Karel Svenk, Martin Roman und Adolf Strauss, die Verzweiflung in Hoffnung umschlagen lassen, Lieder von ergreifender Intensität, denen man bei aller Schönheit das Schicksal anhört. "'Es darf niemals erlaubt sein zu vergessen' ist schon oft gesagt worden, aber wir müssen fortfahren es immer und immer wieder zu sagen", meint Anne Sofie von Otter. Mit "Terezin" leistet sie einen Beitrag dazu, dass Theresienstadt nicht zu anonymer Geschichte wird.


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