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14.02.2001

»Vivaldis Vier Jahreszeiten sind eine einzige Lebensorgie, ein Farbenrausch«

Anne-Sophie Mutter, »Vivaldis Vier Jahreszeiten sind eine einzige Lebensorgie, ein Farbenrausch«

Anne-Sophie Mutter: Mögen Sie zu Beginn unserer kleinen Unterhaltung einmal den Platz mit mir tauschen und mir ein, zwei Fragen an Sie gestatten? Fragen der Geigerin an den Journalisten, der mein Vivaldi- und Tartini-Konzert mit den Trondheimer Solisten live miterlebt hat.

Mann ohne Krawatte: Mit dem größten Vergnügen. Nur erwarten Sie bitte keinen ins Raffinement des Spiccato und Doppelgriffs eingeweihten Kritiker, der Ihnen in silberner Krawatte antwortet. Fragen Sie das staunende Kerlchen aus Reihe 17. Fragen Sie ganz einfach Ihr Publikum.

 

Mutter: Einverstanden, liebes Publikum. Erinnern Sie sich noch an meine frühe Einspielung der »Vier Jahreszeiten« Vivaldis, an die mit Herbert von Karajan und den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1984?

 

Mann ohne Krawatte: O ja. Auf dem Cover der CD sitzen Sie mit Ihrer Stradivari im Blumengras, und Herr von Karajan steht, einen roten Pullover über der Schulter, neben Ihnen im Wald.

 

Mutter: Nun haben Sie mir mit den Augen geantwortet. Ich werde Ihnen gleich verraten, warum ich mir die Augen meines Publikums besonders für diese CD hinschauend wünsche. Doch zuvor möchte ich Sie gerne bei den Ohren nehmen: Hören Sie andere Klänge, wenn Sie meine alte und neue Vivaldi-Interpretation vergleichen?

 

Mann ohne Krawatte: Hören? Man schmeckt diese Klangunterschiede sogar. Der von Herbert von Karajan mit Ihnen und den Wienern dirigierte Vivaldi war sehr schön. Sehr schön, aber auch sehr gravitätisch. Wie guter schwerer Rotwein. Ein musikalisches Hochamt, in dem die »Vier Jahreszeiten« zelebriert wurden. Bei Ihrem augenzwinkernden Zusammenspiel mit den jungen Norwegern, bei dem Sie selber ansteckend jugendlich sind, knallt und sprudelt der klassische Champagner.

 

Mutter: Hätten wir mal einen. Ich würde nach dieser Nettigkeit gern ein Fläschchen entkorken.

 

Mann ohne Krawatte: Äußerst verführerisch! Wussten Sie übrigens, dass der göttliche Kellermeister Dom Perignon ein Zeitgenosse Antonio Vivaldis war ...? Aber entkorken wir noch ein Kompliment: Für meinen Geschmack hat sich das Hochamt in ein fröhliches Fest, in die pure, manchmal ausgelassene Freude am Spiel verwandelt. Beim Presto des Sommers und Allegro des Herbstes fliegen die Trondheimer vor lauter Lust und Laune ja förmlich von ihren Sitzen. Selbst der phänomenale Knut am Cembalo. Ich bin wohlgemerkt immer noch stocknüchtern: Ihre »Vier Jahreszeiten« mit Karajan waren das Leben als Kunst. Ihre nun selber »dirigierten« sind die Kunst als Leben. Aus den Devotionalien des herbstlichen Maestro wurden die Emotionalien der frühlingsfrischen Anne-Sophie.

 

Mutter: Aha, der Herr aus Reihe 17 hat es anscheinend gern rasant. Er liebt den Porsche-Speed der schnellen Tempi. Die langsamen Sätze schätzen Sie nicht? Grausamen Schalk im Nacken, verwandelt Vivaldi dabei die Geigen einmal in Fliegen, die summ, summ, summ unablässig einen Schäfer umkreisen. Mit einer Impertinenz, die beinahe körperlich spürbar wird.

 

Mann ohne Krawatte: Doch, die langsamen Sätze schätzt und empfindet auch er körperlich. Als sich im Allegro non molto die klirrende Kälte des Winters heranschlich, hat er im wohl temperierten Konzertsaal sogar mit dem Schnupfen gekämpft. Aber weniger die getragenen Sätze, die feurigen markieren den Unterschied zwischen Glimmen und Glut, Ihren alten und neuen »Jahreszeiten«.

 

Mutter: Ich hätte Vivaldi um keinen Preis erneut mit einer Symphonieorchester-Besetzung eingespielt. Das gilt ebenso für Tartinis »Teufelstriller«. Natürlich kann auch ein 80-köpfiges Riesenorchester ein emotionales Feuerwerk entfachen, nur eben in größeren Bögen. Für die filigranen Tüfteleien der Musik Tartinis jedoch, für den rapiden Dialogwitz der Instrumente bei Vivaldi, für beider vergnügliche Spontaneität und ihre in kleinste Verzierungen verliebte Tonmalerei ist das große Symphonieorchester einfach ein zu unbeweglicher Flugzeugträger. Hier bringt das emsig balancierende Papierschiffchen Kammermusik seine intimen Temperamente wohl spritziger zur Geltung.

 

Mann ohne Krawatte: Tartinis »Teufelstriller« und Vivaldis »Vier Jahreszeiten« gehören zur Legenden erzählenden Programm-Musik der Klassik. Vivaldis Komposition liegen Sonette zugrunde, in denen der Kuckuck ruft und die Hunde bellen. Es gibt Kritiker, die über das Leichte dieser »Schlager« die Nasen rümpfen.

 

Mutter: Hereinspaziert mit den Kritikern! Ich lade sie zum Vorspielen der leichten Schlager ein. Vivaldis »Vier Jahreszeiten« haben immerhin ein so kompliziertes Werk wie die »Alpensymphonie« von Richard Strauss inspiriert. Zugegeben, in puncto der rein technischen Schwierigkeitsgrade ist Vivaldi so wie manches bei Mozart: keine Hürde, die ein guter Musikstudent nicht schon als Teenager bewältigen könnte. Aber die Kunst besteht ja nicht darin, dass ich etwas schnell, sauber und perfekt spiele. Die Kunst besteht darin, der Partitur eine Seele zu verleihen. Vivaldis »Vier Jahreszeiten« sind doch eine einzige Lebensorgie, ein Farbenrausch. Ein sensibler Geiger ist, wer diesen Farbenrausch als Klangmalerei hörbar macht.

 

Mann ohne Krawatte: Sesam, öffne dich! Nun sind wir bei Gotthard Graubner, Ihrem Lieblingsmaler, dem Sie mit Ihrer neuen CD mehr als nur dekorative Reverenz erweisen.

 

Mutter: Ja, denn ohne Gotthard Graubners Malerei gäbe es diese Vivaldi-CD gar nicht. Seiner Malerei zuliebe habe ich vorhin den Wunsch geäußert, das Publikum möge meine Interpretation auch mit den Augen hören. Die Idee, sie auf dieser Schallplatte einzuspielen, kam mir nämlich erst bei einem meiner Besuche in Gotthard Graubners Atelier. Ich sah Bilder, als hörte ich Vivaldis Musik. Diese beim barocken Komponisten und modernen Maler so enge Nachbarschaft von Licht und Schatten! Dieses explosive Funkeln, dieses Wetterleuchten in beider Kunst! Graubners Bilder vermitteln bis an die äußerste Grenze gehende Urgewalt, wie Vivaldis musikalische Stürme. Im selben Atemzug entdecke ich bei beiden zarteste Transparenz. Töne und Farben, die so federleicht wiegen, als würde mich die Winzigkeit der Entstehung eines Lebens anhauchen. Klitzekleine Abstraktionen. Sinnesgeburten, noch kleiner als ein Embryo.

 

Mann ohne Krawatte: Die berühmtesten Zwillinge der Kunsthistorie sind der Komponist Arnold Schönberg und der Maler Kandinsky. Der eine löste die Musik von der Tonalität, der andere die Malerei von der Gegenständlichkeit. Doch bei ihnen ist das Wunder der Verwandtschaft nicht so groß, denn Schönberg und Kandinsky lebten zur gleichen Zeit und tauschten ihre Gedanken aus. Antonio Vivaldi und Gotthard Graubner trennen bald dreihundert Jahre. Ihre Empfindungen zu beiden sind ein enormer Spagat zwischen Barock und Moderne.

 

Mutter: Ich glaube, wir müssen, was modern ist, auch in der Musik ganz neu definieren. Mir nämlich kommt es so vor, als würden Antonio Vivaldi und Gotthard Graubner täglich mehrmals miteinander telefonieren.

 

Der Publizist Harald Wieser führt mit Anne-Sophie Mutter autobiographische Gespräche für ein Buch, das unter dem Titel »Die Seele der Musik« erscheinen wird.


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