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01.10.2004

Große Kunst empfohlen

Anne-Sophie Mutter, Große Kunst empfohlen

Anne-Sophie Mutters Aufnahme des Violinkonzerts von Peter Ilyich Tchaikovsky gehört zu den von Klassikexperten empfohlenen CDs der Reihe Selected Classics 2004. Sie nahm es zum ersten Mal Ende der 80er Jahre mit Herbert von Karajan und den Wiener Philharmonikern auf, zu einer Zeit, als sie nahezu jede Herausforderung annahm. "Die Aufnahme ist noch immer sehr schön", meint sie inzwischen mit eineinhalb Jahrzehnten Abstand, "aber sie ist nicht mein letztes Wort als Virtuosin. Deshalb fand ich es wichtig, mich erneut mit dem Konzert zu befassen". In diesem Fall stehen ihr André Previn und die Wiener Philharmoniker zur Seite. Und sie belässt es auch nicht bei einem Konzert, sondern ergänzt das Programm auf CD um das Pendant, das Erich Wolfgang Korngold rund siebzig Jahre später schrieb. Eine gute Wahl, zweifellos.

Eduard Hanslick gehörte zu den Ahnherren der modernen Musikkritik und fiel vor allem durch seine literarisch ambitionierten und zuweilen geschmäcklerischen Besprechungen auf. Gegen Peter Ilyich Tchaikowsky muss er persönlich etwas gehabt haben, sonst wäre seine Rezension der Uraufführung des Violinkonzertes wohl nicht gar so beleidigend ausgefallen. Da konnte man damals lesen, der Komponist sei "sicher kein gewöhnliches Talent, wohl aber ein forciertes, geniesüchtiges, wahl- und geschmacklos produzierendes. [...] Tschaikowskys Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört". Dabei hatte der russische Meister zuvor schon Probleme mit der Umsetzung seines einzigen Konzertes für Violine gehabt. Entstanden war es in einer Art von Schaffensrausch, der den Komponisten am Genfer See überkam, nachdem ihn dort ein ehemaliger Schüler und hervorragender Geiger namens Yosif Kotek besucht hatte. Tchaikovsky widmete es allerdings dem Kollegen Leopold Auer, der es aber nicht spielen wollte. So kam das Konzert erst mit drei Jahren Verspätung und Adolph Brodsky als Solisten im Dezember 1881 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter zur Aufführung. Hanslicks Fehlurteil sollte zum Glück bald revidiert werden. Denn es dauerte nur wenige Jahre und das Werk gehörte bereits zu den viel und gern gespielten Höhepunkten dieses Fachs.

 

Aber die Ignoranz der Kritik scheint zu den Grundübeln des kreativen Alltags zu gehören. Auch Erich Wolfgang Korngold durfte sich nach der Präsentation seines Violinkonzertes das Bonmot anhören, was er mache, sei "mehr Korn als Gold". Dabei bestand sein einziges Manko in den Augen der Puristen darin, dass er von den Nazis in die USA geflüchtet war und als Filmkomponist Karriere gemacht hatte. Jedenfalls ist sein 1947 von Jascha Heifetz und dem St.Louis Symphony Orchestra unter der Leitung von Vladimir Golschmann uraufgeführtes Konzert ein strahlendes Beispiel für eine reiche und bildhafte Tonsprache, die jenseits der Avantgarde opulente Klangräume erschaffen konnte. Und die Faszination, die es bis heute auf Instrumentalisten auszuüben vermag, spricht ebenfalls für einen Umgang mit Korngold, der frei von den Klischees der Normenwärter sich mit der Musik beschäftigt. Anne-Sophie Mutter zu Beispiel war schon als Teenagerin von dem Violinkonzert - im Speziellen von der Aufnahme, die Heifetz 1953 für Schallplatte machte - beeindruckt: "Die unerreichbare Singularität von Heifetz' Spiel ist besonders spürbar im Stil Korngold'scher Prägung. Seine Aufnahme war daher immer der Maßstab für mich. Ich habe natürlich meine eigene Auffassung von dem Konzert. Künstlerisch liebe ich die Extreme, und ich nutze gerne die ganze unbegrenzte Farbpalette der Geige. Die Zuhörer finden das entweder wundervoll oder befremdlich, aber ich meine einfach, Musik soll die Menschen nie unberührt lassen".

 

Unter anderem aus diesem Grund widmete sich Mutter noch einmal den beiden Meisterwerken der virtuosen Gestaltungskunst. Die Aufnahmen entstanden in Wien im Großen Saal des Musikvereins im September 2003 mit den Wiener Philharmoniker (Tchaikovsky) und in London in den Abbey Road Studio im Oktober desselben Jahres mit Londoner Symphonikern (Korngold). In beiden Fällen stand André Previn am Pult, dessen langjährige Erfahrung vor allem mit der Musik Korngolds eine große Bereicherung für die Interpretation war. Mutter wiederum konnte auf ihre eigenen Erlebnisse und Studien der vergangenen Jahre zurückgreifen, die ihr Spiel deutlich verändert und verfeinert haben. "Meine Aufführungen zeitgenössischer Musik haben mein Verständnis der Struktur des Stücks und die Art, wie ich es spiele, unendlich bereichert", bemerkt sie mit Hinweis auf Tchaikovsky und fügt hinzu: "Darüber hinaus verfüge ich aufgrund der Anforderungen zeitgenössischer Musik jetzt über noch mehr Möglichkeiten in Bereichen wie Vibrato und Phrasierung, und das hat natürlich die Palette meines Spiels erweitert". So kann man sich nun ein weiteres Mal zurücklehnen und eine Aufnahme von Anne-Sophie Mutter in die Hand nehmen, die in ihrer Differenziertheit und Souveränität Maßstäbe setzen wird. Jedenfalls hätte ein Hanslick heutzutage keine Chance mehr, seine Tiraden auf den Komponisten abzuschießen. Er würde angesichts solcher Aufnahmen schlicht für verrückt gehalten werden.


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