Biografie

15.12.2015

Aurora, "All My Demons Greeting Me As A Friend", 2016

Die besten Dinge entwickeln sich jenseits des Rampenlichts. In stillen Momenten und an ruhigen Orten haben sie Zeit, zu reifen. Das gilt für jede kreative Leistung, trifft aber für die Musik von Aurora Aksnes im doppelten Sinne zu. Denn zunächst einmal stammt die junge Sängerin aus Bergen. Eine durchaus geschäftige Hafenstadt an der norwegischen Küste, in die sich die Talentscouts der großen Plattenfirmen aber eher selten hinverirren. Vor allem aber schrieb sie ihre ersten Songs im Jugendzimmer ihres Elternhauses auf einem kleinen E-Piano, das sie mit sieben Jahren auf dem Dachboden gefunden hatte. Sie berichtete niemandem von ihrer Leidenschaft. Nicht den Freunden, nicht den Eltern. Sie hörte viel Musik – etwa Leonard Cohen oder Bob Dylan –, sie lernte Englisch in der Schule, was war da logischer, als selbst Lieder zu komponieren? Wie gesagt: Die besten Dinge entwickeln sich jenseits des Rampenlichts.
 
Es ist ein ausgesprochener Glücksfall, dass Aurora irgendwann doch den entscheidenden Schritt wagte. Sich zeigte, mit 15 Jahren trotz lähmendem Lampenfieber zum ersten Mal live in ihrer Schulaula auftrat. Denn hier setzte jene Eigendynamik ein, die das wunderbare am Pop ist. Gute Songs wollen gehört werden. Auch wenn es manchmal eine Weile dauert: Sie finden ihren Weg in die Welt hinaus. Ein Track, den Aurora kurz vor Weihnachten für ihre Eltern geschrieben hatte, landete auf einer großen Streamingseite. Ihr heutiges Management wurde auf Aurora aufmerksam,  kurz darauf die Musikindustrie. Mit den Produzenten Magnus Skylstad und Odd Martin Skalnes begann sie, an Songs zu feilen. Vorabsingles wie "Running With The Wolves", "Awakening" und auch "Half The World Away" sorgten für gehöriges Raunen.
So begleitete der Song "Running With The Wolves" die TV-Kampagne eines großen Mobilfunkanbieters. "Musik, die mein Herz flattern lässt", twitterte Katy Perry. Der "Guardian" zog Parallelen zu Kate Bush und Lykke Li. In England erschien kürzlich eine Aurora-Coverversion des Oasis-Klassikers "Half The World Away". Der Song ist Soundtrack der Weihnachts-Kampagne von John Lewis und damit traditionell einer der Winter-Hits des Jahres – 2010 etwa sang Ellie Goulding für die Kaufhauskette Elton Johns "Your Song" und schoss damit sofort an die Spitze der Charts. 
 
Mit "All My Demons Greeting Me As A Friend" ist nun für den 11. März 2016 Auroras Debütalbum angekündigt. Es setzt den Weg der bisher bekannten Songs fort, geht aber einen entscheidenden Schritt weiter: Aurora hat eine eigene Klangsprache gefunden. Eine, mit der sie das Popjahr 2016 maßgeblich mitprägen wird und die sich aus zweierlei Bestandteilen speist: Einmal ist da diese Stimme. Sie klingt immer ein wenig erstaunt. Als würde sie zum ersten Mal nach einem sehr langen Winter die Sonne sehen. Sie ist ungewöhnlich wandlungsfähig und, das ist selten, zeigt ihre volle Kraft nicht erst an den lauten Stellen, sondern funktioniert auch dann, wenn Aurora sich zurücknimmt, nachzuhören im großartigen Opener "Runaway". Bemerkenswert ist aber auch die musikalische Inszenierung. Aurora kommt vom Klavier, nach wie vor speist es weite Teile ihres musikalischen Konzepts und trägt so manche Hookline. Heute ist es jedoch eingebettet in smart arrangierten, vielschichtigen Pop an der Schnittstelle zwischen Elektro und Indie, der mal Lykke Li, mal Kate Bush, mal Lorde ins Gedächtnis ruft – um im nächsten Moment eindrücklich zu beweisen, dass sie solche Vergleiche wirklich nicht nötig hat. Denn Tracks wie die Percussion-getriebene Hymne "Warrior" oder das elegische "Lucky" zeigen: Aurora ist selbst längst in der Champions League des kontemporären Pops angekommen.