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25.04.2007

Die Unverzagten

Die Berliner Philharmoniker, Die Unverzagten

Es waren schwere Jahre. Nicht einmal ein passendes Gebäude hatten die Berliner Philharmoniker zur Verfügung. Musiker waren umgekommen, Instrumente ver- schwunden und doch ließ sich das ange- sehene Orchester nicht unterkriegen und begann gleich nach der Befreiung durch die Alliierten wieder, seine Arbeit aufzunehmen. Die Kunst als Vehikel der Hoffnung, als ein Zeichen der Zukunft einer Zivilisation, die soeben eine ihrer größten Katastrophen erlebt hatte, war umso wichtiger, um den Menschen Mut zu machen, Perspektiven anzudeuten. So gehörten die Philharmoniker schnell wieder zum Puls der Stadt und nahmen auch so manches in diesen Jahren auf, was noch als Schellack, bald  auch als Langspielplatte verbreitet werden konnte. Viele dieser Dokumente der Ära Furtwängler schlummerten allerdings in den Archiven, teils, weil sie als Mono-Einspielungen sound- qualitativ hinter späteren Alternativen zurückstanden, teils aber auch, weil die daran anschließende dominante Zeit unter der Ägide von Herbert von Karajan anderes überdeckte. Aus Anlass des 125jährigen Jubiläums des Orchesters wurden nun aber die Bestände der Philips neu gesichtet und es kam so manches Schmuckstück zum Vor- schein, das nun in der 4CD-Box "Redis- covered" der Wiederentdeckung harrt.

Und die ersten Spezialisten sind bereits begeistert. So beurteilt Thomas Voigt in seiner Klassikkolumne der Maiausgabe der Zeitschrift Stereoplay die Edition "Rediscovered" als eine Schatztruhe der Tonträgergeschichte: "Schon der erster Track hat es in sich: Das Allegro con spirito aus Mozarts 'Haffner'-Sinfonie klingt so frisch und vital, als stünde Erich Kleiber am Pult. Aber es ist 'nur' Fritz Lehmann (1904-56), der damalige 'Hausdirigent' der Deutschen Grammophon, der zweite Mann am Pult nach Ferenc Fricsay, dem Favoriten der DG-Produzentin Elsa Schiller. Dass Lehmann durchaus einem Fricsay das Wasser reichen konnte, zeigen die hier versammelten Philips-Aufnahmen. Neben der 'Haffner'-Sinfonie sind es die Ouvertüren zu Cherubinis 'Anacréon' und Webers 'Euryanthe' sowie zwei Erstveröffentlichungen auf CD, die ich zu den Highlights der Sammlung zähle: Sibelius' 'Valse Triste' und die spritzige 'Ouverture joyeuse' des Belgiers Marcel Poot (1901-88). Ähnlich überraschend der Befund bei den drei übrigen Dirigenten der Kollektion: Paul van Kempen, Willem van Otterloo und Eugen Jochum".
 
Nicht nur für Voigt stellen sich die Aufnahmen, die die große Grundlagenbox mit 12 CDs, die in der Reihe eloquence erschienen ist, um Raritäten und bislang unveröffentlichtes Material ergänzen, als ungewöhnliches Fundstück im vermeintlich bereits abgeschlossenen historischen Segment dar. Insgesamt bilden sie ein wichtiges Bindeglied zwischen der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Ära der Konsolidierung, die spätestens Mitte der Fünfziger die Berliner Philharmoniker zu einem der wichtigsten Ensembles der klassischen Tonträgergeschichte schlechthin werden ließ. Die Bedingungen, unter denen die frühen Aufnahmen entstanden, waren zunächst abenteuerlich. Nachdem Wilhelm Furtwängler bis zu seiner Entnazifizierung 1947 Berufsverbot hatte, wurde ein neuer Leiter gesucht und in Leo Borchard gefunden, allerdings nur für kurze Zeit, da er unter unglücklichen Umständen bei einer Grenzkontrolle ums Leben kam. Für ihn sprang der junge und noch gänzlich unbekannte Rumäne Sergiu Celibidache ein, der sich als Glücksfall für den Konzertbetrieb herausstellte. Bis 1954 dirigierte er immerhin 414 Auftritte, ließ sich aber kaum aufnehmen, weil der dem Medium der Schallplatte nicht vertraute.
 
So war es Kollegen wie Lehmann und Jochum überlassen, neben Fricsay und dem ebenfalls mikrofonscheuen Furtwängler die Nachkriegs.-Philharmoniker während der Sitzungen in der zum Studio umgebauten Jesus-Christus-Kirche anzuleiten. Es entstanden neben den bereits erwähnten Werken auch Einspielungen mit der dritten und fünften Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Außerdem wurden Gastdirigenten eingeladen, mehrmals Paul van Kempen und für eine ausgezeichnete Sitzung mit Berlioz- und Wagner-Werken auch dessen holländischer Landsmann Willem van Otterloo. Die Palette der Raritäten, die "Rediscovered" nun wieder zugänglich macht, reicht daher bis zu Mendelssohn und Weber, und präsentiert ein Orchester, das auch ohne ihren Chef Furtwängler auf dem modernsten Stand der Interpretation und Klangentfaltung seiner Epoche war. So ist die sorgfältig edierte und kommentierte 4-CD-Box ein besonderes Geburtstagsgeschenk, mit dem sich die Berliner Philharmoniker im Mai feiern lassen können.


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