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22.08.2016

Bon Jovi, This House Is Not For Sale, 2016

Es gab da ein Bild, das Jon Bon Jovi lange Zeit verfolgt hat. Es ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto von Jerry Uelsmann: Der Künstler hatte ein Bild von einem alten, steinernen Haus mit kräftigen Wurzeln kombiniert, es scheinbar Wurzeln schlagen lassen. Für Jon erzählte nun "genau dieses Bild unsere Geschichte – und jetzt ist daraus unser Albumcover geworden", sagt er heute.

Tatsächlich hatte er dieses Bild auch im Hinterkopf, als er den Titelsong des 14. Studioalbums von Bon Jovi komponierte: Das Album heißt "This House Is Not For Sale", und es markiert eine Art Heimkehr – und eine Rückkehr zu jenem Label, bei dem er einst seinen ersten (und einzigen!) Plattenvertrag unterzeichnete. Produziert von Jon Shanks und Jon Bon Jovi, wurden weite Teile des neuen Longplayers in New York City aufgenommen, und zwar in jenem Studio, dem Avatar (früher: Power Station), in dem die Band schon 1983 ihr allererstes Album aufgenommen hatte. Weitere Aufnahmen fanden in den Electric Lady Studios statt.

"Aufgrund der ganzen Dinge, die wir in den letzten Jahren durchgemacht haben, sind wir als Band heute sogar noch eingeschworener als früher", erzählt der Sänger, "und zum Glück hat ja auch mit dem Label alles doch noch geklappt. Jetzt haben wir ein fantastisches Album, das etwas aussagt und zugleich nichts beweisen muss." Der Titelsong "This House Is Not For Sale" tritt gewissermaßen die Tür auf, wenn es im Text heißt: "These four walls have got a story to tell, the door is off the hinges, there's no wish in the well." Die vier Wände, um die es hier geht, stehen für die Bandmitglieder, und Jon verweist auf sein Vermächtnis: "I set each stone, I hammered each nail", lautet der Text weiter. "Ja, der Titelsong handelt von Redlichkeit, von Integrität. Ich verarbeite da alle möglichen Sachen, die ich in den letzten drei Jahren erlebt habe, und wie der Text schon sagt: dieses Herz, diese Seele, dieses Haus ist einfach nicht zum Verkauf!"

Mit dieser Message hebt sich der Vorhang für das neueste Werk einer Band, die seit über drei Jahrzehnten mit unvergleichlichem Erfolg die nicht immer ruhigen Brandungen der Musikindustrie hat über sich ergehen lassen. Weltweit haben diese Herren über 130 Millionen Alben verkauft. Sie haben über Jahrzehnte hinweg immer neue Hymnen in die Charts, auf die Radio-Playlisten katapultiert. Und weltweite Tourneen absolviert, die ihnen immer neue Zuschauer- und Verkaufsrekorde bescheren sollten. Einzigartige Erfolge, dabei war das Fundament von "This House Is Not For Sale" das exakte Gegenteil: Es entstand aus und in einer Phase des Umbruchs, der Unsicherheit. Die insgesamt zwölf Tracks der LP dokumentieren drei turbulente Jahre, in denen sich Jon für eine neue Richtung entscheiden musste. Für Bon Jovi gab's allerdings schon immer nur eine Antwort auf derartige Situationen: Gas geben. Und zwar richtig.

Das war schon nach dem massiven Charterfolg von "Slippery When Wet" und "New Jersey" passiert, als die Band danach in einer Sackgasse gelandet war. Jon hatte sich eine (vermeintliche) "Auszeit" genommen – und meldete sich in genau dieser Zeit mit "Blaze of Glory" zurück, wofür er einen Golden Globe gewinnen sollte und obendrein eine Oscar-Nominierung kassierte. 1992 war die Bandkrise damit auch vorbei: "Keep The Faith" erschien und sie waren wieder ganz oben. Ein Jahrzehnt später, zu Beginn des neuen Jahrtausends, war es "Crush" (2000) – und mit dem für einen Grammy nominierten Hit "It's My Life" legten sie wieder so eine Hymne nach...

"This House Is Not For Sale" schlägt in genau diese Kerbe: Bon Jovi klangen nie größer, aber auch nie selbstkritischer. Denn obwohl die Serie der ausverkauften Tourneen, der Alben und Radiohits sich bis zuletzt immer weiter fortsetzte, war nach den letzten Stadion-Shows im Jahr 2013 die Band nicht mehr dieselbe: Die Chemie, die Besetzung hatte sich verändert, die Labelsituation war in der Schwebe. Bis Januar 2015 nahm er sich nun wirklich eine Auszeit, schrieb erst gar keine neuen Songs. Doch als er dann loslegte, verwandelten sich die Gefühle, die sich in dieser schwierigen Phase angestaut hatten, in aufrichtige, packende Songs, in denen Jon seine Wut, seinen Kummer, schließlich sogar seine Akzeptanz zum Ausdruck bringen konnte – weshalb die neuen Songs tatsächlich wie eine Art Wiedergeburt klingen.

 Auf die klare Ansage des Titelsongs folgt der Track "Living With The Ghost", bei dem sich Jon Bon Jovi mit dem Thema Verlust befasst: Ein Mann versucht, seine Füße im Weihwasser der Kirche zu waschen, macht dann aber weiter – "then he worked up to his knees from his arms to his neck and said I'm in over my head. He was crying trying to get some relief, I'm just trying to get some relief. I had this dream. That man was me." Ein bewegender Traum, ein Hilfeschrei, und auch Jon gibt zu: "Die Leute kennen von mir als Storyteller ja diese verletzliche Seite kaum. Schließlich haben wir oft genug Hymnen über ein würdevolles Leben, über Eingliederung in die Gesellschaft gesungen."

Ein bekannteres Thema, das auch dieses Mal eine Rolle spielt, ist der Kampf: "Knockout" ist so eine Kopf-hoch-Brust-Raus-Hymne, wie man sie von Bon Jovi kennt. Los geht's mit dem Rücken gegen die Wand – "every day I wake up with my back against the wall", um schließlich mit dem Knockout zu enden, so dass die Lichter des Gegenübers ausgehen: "here comes the knock out, my time is right now, turning your lights out, I'm throwing down." "Der Song handelt vom Kampf um die eigene Hoffnung", so Jon. "Es geht um diesen Kampfgeist, den wir alle verspüren – in ganz unterschiedlichen Situationen."

Der Song "Labor of Love" fühlt sich daraufhin tatsächlich so an, als sei man gemeinsam mit der Band im Studio: Live eingespielt, fühlen sich die Gitarrenspur und Jons Stimme hier viel tiefer, wirklich unglaublich nah und intim an. Und natürlich geht's hier um die Liebe: Der Rockstar, der dafür bekannt ist, dass seine Beziehungen lange halten, spielt auf genau diese Bande an, die auch über Jahrzehnte nicht zerreißen wollen.

Würdest du alles noch mal genauso machen oder doch etwas ändern – "relive every moment" vs. "tear out any page" –, das ist das Thema von "Born Again Tomorrow", einem Song, mit dem sich Jon "den Entscheidungen, den Antworten, die man selbst gefunden hat, widmet". Nach eindrucksvollen Zeilen wie "bones grow stronger where they break, who says scars don't fade?", könnte seine eigene Antwort deutlicher nicht sein: "I wouldn't have it any other way." Er will keinen einzigen Moment missen. Auch der "Rollercoaster" ist eine Metapher für das eigene Leben, die Liebe, die Tiefschläge auf dem Weg: Das Leben sei kein Kinderkarussell, sondern doch eher eine Achterbahn – nur darf man gerade deshalb die Augen nicht schließen: "time flies by... don't close your eyes."

Das Thema Zeit und dieselbe Carpe-Diem-Message spielt auch bei "New Year's Day" eine Rolle: "Let's toast to new beginnings, raise up a glass and say, 'for all of our tomorrows, and what was yesterday'." Zugleich eine Ode auf den Zusammenhalt dieser Band, war dieser Track zunächst in einem 6/8-Takt, also quasi als Walzer geplant. Im Studio kam es dann doch ganz anders, nachdem Tico den Beat vorgezählt hatte und die Band dann gleichzeitig einsetzte: "Es war einfach fantastisch, die Band so zusammen zu sehen", erinnert sich Jon. "Das ist so ein Stück, das einfach in dem Moment entstanden ist – und die ganze Band war daran beteiligt."

Die Veränderungen in der Musikindustrie adressieren sie schließlich ganz offen und unverblümt mit "The Devils In The Temple": "There are thieves at the altar, a snake wears the crown, handing you coal, swearing it's gold. Look what they've done to this house of love. It's too late to turn the river to blood, the savior's come and gone, we're out of time, the devil's in the temple, he ain't no friend of mine." "Ja, wenn ich da von einer einstigen Kirche rede, dann meine ich damit das Label", so Jon. "Ich habe schließlich immer nur einen einzigen Traum gehabt: Songs zu schreiben und sie in dieser Kirche zu präsentieren. Es war nicht leicht, die Veränderungen in der Industrie wegzustecken, die dazu geführt haben, dass wir unsere Beziehung zu diesem einstigen Heimatort nach 33 Jahren verändern mussten. Doch zum Glück haben wir dieses Kapitel ja inzwischen hinter uns gebracht."

Als Songwriter, der ein Dritteljahrhundert auf Tour verbracht hat, tritt Jon bei "Scars On This Guitar" ans Mikrofon: "Another Friday night I'm somewhere, a little drunk and worn out from the show", beginnt er den Text über das Tourdasein. "It's a hallway to a hotel room, the truck's already rolling down the road", und dann kommt sie, seine Gitarre: "she's been with me late at night when I was drowning in the dark, she heard my every word when I was pouring out my heart. So I thank my lucky stars for every crack, scratch and scar on this guitar…" Wenn es eine Sache gibt, die wirklich die Zeit überdauert, dann ist sie es: Seine vernarbte Gitarre.

Andere Narben und Risse sind das Thema von "God Bless This Mess", das Jon als A-Capella-Stück beginnt: "I got some blood under my nails, I got some mud on my face", singt er, und gemeinsam mit der Band geht sein Bericht noch weiter – die Stimme ist hin, die Haare werden grau, die Muskeln tun weh. Und während viele einfach nur hoffen, einen Sturm zu überstehen, gehen andere Menschen gerade in solchen Situationen auf: Das ist das Durcheinander, das Bon Jovi hier feiern, weil sie nicht allein sind, sie sich aufeinander verlassen können. Um Entdeckergeist dreht sich der Track "Reunion", wenn Jon sogar an seine Rede anknüpft, die er vor Universitätsabsolventen gehalten hat, als er seinen Doktortitel an der Rutgers University in Empfang nahm: Damals gab er den Anwesenden den Ratschlag, ihr Leben lieber "in Bleistift" zu entwerfen, also vorläufig, denn es gibt immer noch andere Varianten: "this isn't how the story ends, my friend, it's just a fork along the road.

"Come On Up To Our House" heißt der Abschlusstitel des Albums, und auch Jon wusste offensichtlich ganz genau, wann der neue Longplayer fertig war: "Ich wusste einfach, dass nichts mehr fehlt, als die Songs, die mit einem Ich, einem 'I' beginnen, schließlich mit einem Wir, einem 'We' endeten." Die Textzeile "All Are Welcome at Our Table" stammt dabei sogar aus einem der Soul Kitchen-Restaurants, die seine eigene Stiftung betreibt: "Inklusion ist mir einfach wahnsinnig wichtig", so der Kopf der Band. Überhaupt sind Inklusion, Gemeinschaftssinn und Einbindung ein zentrales Element dieser Erfolgsgeschichte, die nun schon seit über drei Jahrzehnten anhält und inzwischen Generationen verbindet. "This House Is Not For Sale" ist das neueste Kapitel dieser Geschichte, die nun auf ganz neuen Wurzeln in die nächste Runde geht...

 


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