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18.01.2011

Bosse

Intimität ist selten in der Rockmusik. Noch viel seltener geht sie mit kompositorischem Können zusammen. Wer jedes Wort mit Bedacht wählt und die Arrangements musikalisch den Themen der Stücke anpasst, gilt als Architekt mit Formwille, aber wo Baupläne sind, können nicht ungefiltert Emotionen fließen. Sagt man so. Axel Bosse beweist auf seinem vierten Studioalbum "Wartesaal" das Gegenteil, denn alles greift hier ineinander.

Wenn in der ersten Single "Weit weg" oder dem Stück "Du federst" ein tanzbares Wave-Schlagzeug, ein Piano mit Fernweh und eine Stimme mit Horizontblick die Regie führen, hat das Sinn, denn es geht darin ums Flüchten, Fliegen und Schweben. "Jedes Problem wird wie Luft sein…" Wenn in "Roboterbeine" die Seele in Schieflage ist und der Mensch nur noch funktioniert, marschiert der Rhythmus des Songs genau so gleichmäßig und zackig wie die Glieder der Androiden.

Wenn sich in "Nach Haus" die Musik behutsam zusammenrollt, passt das, weil es persönlich und verletzlich wird. Und wenn dann in "Yipi" zwei Menschen nach einer langen, anstrengenden Krise ganz zaghaft die Köpfe wieder aus dem Bau strecken, da der Streit zu Ende ging, kommt die beste formale Idee zum Zug, die einem deutschsprachigen Songwriter seit langem eingefallen ist.

Die Erlösten singen "Yipijeiyeah", aber eben nicht laut, sondern in Form einer behutsam zurückgenommenen Ballade. Niemand bringt dieses Gefühl zwischen der Euphorie, dass es vorbei ist und der Angst, dass es nicht wirklich sein könnte, besser auf den Punkt. Ein Song wie ein verwundetes Tier, das Angst hat, dass die Adler noch kreisen und das zugleich erleichtert jubeln will.

Auf dem von Jochen Naaf warm und transparent produzierten "Wartesaal" gehen Musik und Text zusammen, immer durchdacht, aber niemals verkopft. Axel Bosse findet neue Zeilen fürs Leben. "Nur das Glück kennt die Zeit nicht" etwa, aus "Wende der Zeit", einem vollendeten Lied über die unbestrittene Bedeutsamkeit, im Hier und Jetzt zu leben. Oder die Zeile "Wir sitzen im Wartesaal zum Glücklichsein" aus dem Titelsong.

Eine Geschichte über die elementare Situation unseres Lebens: Was wir brauchen und was uns Sinn bringt, liegt deutlich vor uns, aber wir greifen nicht zu. Wir "warten mal…", wie Axel Bosse es so augenzwinkernd wie beiläufig formuliert. Besser als mit diesen zwei Worten kann man die Tragik der Sache gar nicht ausdrücken. Die Musik dazu entfaltet eine wuchtige, coldplayeske Größe und Dramatik, die man sie so von Bosse auch noch nie gehört hat.   
 
Im Sommer 2010 hatte ich die Gelegenheit, einmal zu beobachten, wie ein vollkommen unbelecktes Publikum auf die Lieder Axel Bosses reagiert, in diesem Fall akustisch und im Alleingang. Das auffälligste Phänomen dabei war das gerührte, zustimmende Nicken. Ein Nicken mit Feuchtigkeit in den Augen.

Zum Ende hin spielte Bosse "Frankfurt Oder" vom zweiten Album "Guten Morgen Spinner", eine vollendete Ballade darüber, dass alles stimmt, wenn der geliebte Mensch da ist. Auf "Wartesaal" wurde das Lied erneut aufgenommen, perfekt bereichert durch die Schauspielerin und SILLY-Sängerin Anna Loos als zweite Stimme. Als der letzte Ton verklang, flüsterte ein Zuhörer: "Scheiße, ist das wahr!"

Besser kann man nicht ausdrücken, was mit einem passiert, wenn man Bosse hört. Diese Stimmlage und Phrasierung, die niemand anders teilt und die einem das Gefühl gibt, ganz nah dran zu sein, aber zugleich einem Werk zuzuhören, das nicht als Tagebuch hingeschludert wurde, sondern als Entwurf, der sich selbst und seine Hörer ernst nimmt.

Es gibt viel zu viel reine Befindlichkeit und reines Rollenspiel in der deutschen Rockmusik, aber es gibt nur ein "Scheiße, ist das wahr!", bei dem man Tränen in den Augen und Glücksgefühle im Herzen hat.
Es kommt von Bosse. Auf "Wartesaal" ist es zu seiner vorläufigen Vollendung gekommen.


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