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22.06.2006

Biografie: Guten Morgen Spinner

BOSSE
"Guten Morgen Spinner"

Axel Bosse ist einer, der die Nacht gerne zum Tag macht. Wenn der Sänger, Gitarrist und Songschmied mit seinen drei Kompagnons Björn Krüger am Schlagzeug, Thorsten Sala an der Gitarre und Theofilos Fotiadis am Bass eine Bühne betritt, dann treiben sie sich stets mit leidenschaftlichen musikalischen Kraftakten zu Schweißausbrüchen, dass der Funke dann auch schnell aufs Publikum überspringt. Eine Band, die ihre Konzerte dynamisch gestaltet wie einen Boxkampf. Schlag auf Schlag, poetische Ringpausen inklusive. Das wirkt ebenso aus dem Bauch heraus furios wie geradlinig auf den Punkt gebracht. Die Rocksongs von Bosse, die im Grunge ebenso ihre Wurzeln haben wie im Indie-Rock, sind nicht selten schnörkellose Kracher wie "Kraft", die Single, die Bosse im letzten Jahr nach vorn gebracht hat, oder wie die neue Single "Die Irritierten": furioser Gitarrenpop, ein Song über Freundschaft und Jugend, eine Hommage an Axels erste Band, an seine beiden besten Kumpels. Keine Nostalgie, sondern eine unmissverständliche Reflexion.

Klartext reden, das ist schon eine Kunst für sich. Klartext spielen, das ist vielleicht noch seltener. Beides gelingt Bosse auf ihrem zweiten Album mit Bravour. Um die zwölf Tracks von "Guten Morgen Spinner" unter Dach und Fach zu bekommen, hat die Band gerade mal eine Hand voll Tage gebraucht. Produzent Moses Schneider (Beatsteaks, Kante, Tocotronic) hatte die vier Ende letzten Jahres erstmals live erlebt und staunte über die Diskrepanz zwischen der sehr direkten und mitunter höchst explosiven Bühnenpräsenz und dem doch eher verspielten und zuweilen artifiziellen Ansatz des Debütalbums "Kamikazeherz". Die neuen Songs, die größtenteils unterwegs entstanden sind, "fast wie nebenbei", so Bosse, sind schon in ihrem Ursprung wesentlich ungezwungener. Folgerichtig und konsequent wurden sie dann auch ohne viel Federlesens und ohne zusätzliche Gimmicks frei von der Leber weg aufgenommen. Vollgas unter Live-Bedingungen. Moses in der Mitte und die Jungs außenrum. Ein Album wie ein Rockkonzert. Da hat es sich bewährt, dass Bosse so gut aufeinander eingespielt sind.

Seit der Veröffentlichung des Debütalbums, das sehr wohlwollend aufgenommen wurde und mit "Kraft" auch einen dynamischen Hit hervorbrachte, der in Clubs, im Radio und in den Charts gleichermaßen erfolgreich war, hat sich einiges getan im Leben des Musikers, der Poesie und Rockmusik auf so erfrischende Weise kombiniert. Über einhundert Konzerte, von kleinen Clubs bis zu großen Festivals sowie als Support für Mando Diao, haben die Band fest zusammengeschmiedet. Die vier Musiker sind inzwischen musikalisch und menschlich zu einer Familie geworden. Aus dieser stimmigen Chemie heraus, aber auch aus privatem Glück hat sich für den 26-jährigen Bandleader ein ganz neues Selbstverständnis entwickelt: "Ich bin einfach entspannter geworden und betrachte Musik nicht mehr so verbissen. Das ist, glaube ich, extrem wichtig. Außerdem habe ich zwar mein kleines Zimmer in Berlin behalten, bin aber jetzt nach Hamburg gezogen, weil mir Berlin viel zu hektisch geworden ist. Ansonsten spielt das Ankommen in der Liebe eine extrem große Rolle auf dem Album."

Bereits der Opener "Wenn wir schlafen" ist ein zärtlich zerbrechlicher Zustandsbericht über das prickelnde Gefühl einer durchgemachten Nacht. Der Augenblick, wenn man glücklich und erschöpft ins Bett fällt, während der Rest der Welt um einen herum gerade erwacht. Es ist eine dieser für Bosse typischen Momentaufnahmen, die sich jedoch in ihrer sprachlichen Klarheit deutlich von älteren Songs unterscheidet. "Ich habe das Gefühl, dass ich mich auf dem ersten Album hinter Metaphern und Zweideutigkeiten versteckt habe und was ich gelernt habe, ist, dass man Sachen viel einfacher ausdrücken kann und sie einen trotzdem wegknallen. Mir ging es sehr darum, das auf den Punkt zu bringen." Das gelingt ihm immer wieder. "Plötzlich" ist ein peitschender Leitfaden für Lebensmut, dieses existentielle, für jede persönliche Entwicklung wichtige 'Höher, Schneller, Weiter', gebündelt in markigen Sätzen wie "manchmal ist es besser bei null zu starten als bei acht zu verblöden". In seinen Themen und Thesen bleibt Bosse immer ganz nah an der Realität und findet doch immer wieder einen rebellischen Ton, sei es für die taube Sprach- und bittere Aussichtslosigkeit am Ende einer Beziehung ("Eigentlich, eigentlich"), für das Scherbengericht nach einer Trennung ("Irgendwo unterm Staub") oder für das gestochen scharfe Porträt eines sympathischen Verlierers, der seinen Lohn in Spielautomaten versenkt ("Bei Costas"); sei es im überspitzten Lied über den Ennui der kleinen Fluchten ("Ade Euphorie") oder im poetischen Epilog "Seemannsblau", einem Gegenstück zum Prolog "Wenn wir schlafen". Bei genauem Studium des Albums lassen sich ohnehin immer wieder Verknüpfungen zwischen den Songs bilden.

Zu den zentralen Songs zählt natürlich auch der Titelsong: "Guten Morgen Spinner" ist auch das Resultat einer durchwachten Nacht, entstanden im Morgengrauen am Ufer der Spree. "Der Song bietet eigentlich alles, was das Album ausmacht: Ruhe, ein bisschen Härte, das Ankommen und das darüber Nachdenken, was die Dinge sind, die mir wirklich lieb sind." Mit "Frankfurt Oder" ist ihm eine der schönsten Liebeserklärungen gelungen, die man in diesen Tagen in deutscher Sprache hören kann. Ein Plädoyer für die grenzenlose Liebe, die auch unter dem engen Horizont des kleinbürgerlichen Idylls unantastbar bleibt. Sven Regener, Popmusiker und Literat, war so angetan von dem Song, dass er der Bitte, eines seiner melancholischen Trompetensoli beizusteuern, mehr als nur gerne nachgekommen ist. "Das ist schon so etwas wie ein Adelsschlag für uns", schwärmt Axel Bosse. "Element Of Crime gehören zu den Bands, mit denen ich aufgewachsen bin und von denen ich auch schon immer Fan war." Die Liebe als Pulsschlag des Lebens ("du bringst mich elegant in eine neue Liga") hat Bosse auch in "Dein Takt" brillant beschrieben und mit einer euphorischen Melodie ausstaffiert.

"Guten Morgen Spinner" ist ein kurzes und kompaktes Werk, konzentriert produziert, ungezwungen interpretiert. Den blitzgescheiten Rocksongs von Bosse steht diese Lockerheit gut. Vor allem die schnellen Songs strahlen eine sengende Hitze aus, in der man sich suhlen möchte. Bosse dürften mit diesem musikalischen Befreiungsschlag noch mehr Herzen entflammen als es ihnen mit "Kamikazeherz" gelungen ist. Definitiv ein Album, mit dem sich manche Nacht um die Ohren schlagen lässt - und das auch für die Band Bosse ein sicheres Fundament bildet, auf dem sie ihrem Temperament freien Lauf lassen können. Guten Morgen, Musik!

Juni 2006

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