Backstage
Brazilian Girls BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

News

17.01.2007

Brazilian Girls

Ist "Talk To La Bomb", das zweite Album des New Yorker Quartetts Brazilian Girls, der Soundtrack zum Weltuntergang oder die Platte, die die Errettung des Planeten einleiten wird? Auf ihrem Zweitwerk präsentieren sich die Brazilian Girls mit polyglotten Rhythmen, Klängen und Texten sowie der mitreißenden Energie einer in Ekstase geratenen Menschenmenge. Diese Menschenmenge ist ein Zusammenspiel der bunt herausgeputzten und ausgelassen feiernden Scharen beim Karneval in Rio und in Panik geratenen Bewohner von Tokio, die vor dem herannahenden Godzilla fliehen. Es spielt keine Rolle. "Talk To La Bomb" destilliert diese wogende Energie - sämtlicher Kulturen und sämtlicher Stimmungen - in ein einzelnes, dynamisches Album.

Die zwölf neuen Tracks strotzen vor Direktheit und wurden zu einem Schallschlag gebündelt, der in krassem Kontrast zu dem subtilen, sexy Debütalbum von 2005 steht. "Wir sind zu einer Band geworden, in dem wir in einer New Yorker Lounge Musik machten", merkt der argentinische Keyboarder Didi Gutman an, "und diese Umgebung beeinflußte die Musik des ersten Albums." Aber der internationale Erfolg des Debütalbums führte schnell dazu, daß die Brazilian Girls ihre sonntäglichen Impromptu-Sessions im intimen Nublu-Club an der Avenue C zugunsten ausgedehnter weltweiter Tourneen, bei denen man schon bald vor immer größerem Publikum auftrat, drangeben mußten.

"Daß wir soviele Konzerte vor so unterschiedlichen Auditorien gegeben haben, hat unser neues Material definitiv geprägt", gesteht die deutsch-italienische Sängerin Sabina Sciubba. "Die Musik begann grimmiger zu werden. Die Herangehensweise wurde aggressiver. Als Sängerin und Songschreiberin bin ich immer eher sanft gewesen. Jetzt hatten wir alle das unausgesprochene Verlangen, einen Zahn zuzulegen." "Wir wollten die Massen zum Beben bringen", formuliert es Didi Gutman kurz und bündig, bar jeglicher falscher Bescheidenheit.

Die fetten, pulsierenden Keyboardklänge des Openers "Jique" machen diese neue Haltung gleich deutlich. Sabina sprudelt einen lyrischen Sturzbach hervor, der sich aus englischen, deutschen, französischen, italienischen und spanischen Wörtern - oftmals in einem einzigen Satz - zusammensetzt. "Dieser verrückte Sprachmix zeigt irgendwie wie mein Hirn funktioniert. Genau so bin ich", sagt Sabina. "Never Met A German" beginnt mit einem spitzen zweitönigen Riff und baut dann einen furiosen, martialischen Malstrom auf; Sabina flattert hier wie ein auf einer Nadel aufgespießter Schmetterling und zischt hervor: "I feel like I'm on fire." Selbst ruhigere Nummern wie der Verführungssong "Rules Of The Game" warten mit überraschenden Effekten auf, etwa wenn Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Aaron Johnston das Stück mit geisterhaftem Gesang beginnen. Hinter dem vulgären Titel des übermütigen Songs "Sexy Asshole" verbirgt sich ein überraschend romantischer (deutscher) Text. Der Titel selbst ist übrigens die Verballhornung eines Kompliments, das der DJ Nic Harcourt, den Brazilian Girls machte, als er sagte, sie seien "sexy as all hell".

Der Ideenreichtum von "Talk To La Bomb" wirkt noch beeindruckender, wenn man weiß, daß der überwiegende Teil des Materials von der Band erst während der Aufnahmesessions komponiert wurde. Ein waghalsiges Unterfangen, aber eines, das bestens zu den vier ungleichen, voller Energie steckenden Persönlichkeiten dieser Band paßt. "Mir ist sehr viel lieber, ein Album auf diese schnelle Weise rauszuhauen, als über alles zu lange nachzugrübeln", erklärt Drummer Aaron Johnston.
"Viele dieser Songs sind das Produkt eines improvisatorischen, spontanen Brainstorming", ergänzt Bassist Jesse Murphy. "Wir sind an die Musik ohne eine spezifische Vorstellung herangegangen." Das Titelstück "Talk To La Bomb" wurde praktisch im ersten Anlauf eingespielt. Jesse und Aaron legten ein schlüpfriges Fundament, während Sabina trotz des animierten Grooves formal bleibt und cool die Haltung wahrt.

Bei den Aufnahmen in den legendären Electric Lady Studios in New York arbeitete die Band erneut mit dem Produzenten Mark Plati (David Bowie, The Cure, Deee-Lite) zusammen. Doch anders als beim Debütalbum spielte Plati diesmal eine bedeutendere Rolle. "Diesmal war er von Anfang an dabei. Er war schon involviert, als wir die Songs schrieben und die Vorproduktion lief", erläutert Didi Gutman. "Er war einfach das fünfte Element: Er half uns Entscheidungen zu treffen, indem er die Dinge aus einer anderen Perspektive heraus betrachtete - sozusagen von außen."

Die Band arbeitete darüber hinaus mit Ric Ocasek von The Cars zusammen. Ocasek spielte Gitarre und produzierte "Last Call", eine verträumte Nummer, die sich verführerisch durch nächtliche Seitenstraßen schlängelt. Die Brazilian Girls wurden bei der Einspielung des Albums außerdem von Clark Gayton (Posaune und Baritonsax), Peck Almond (Holzblasinstrumente), Jorge Continentino (Flöten und Saxophone), James Zollar (Trompete und Flügelhorn) und Mauro Refosco (Percussion) unterstützt.

Das sind die Fakten. Und wie lautet nun das Urteil? Bietet "Talk To La Bomb" den Beat, zu dem die Leute dem Ende des Universums entgegentanzen, oder eher den Beat, der die Revolution auslösen wird? Werden wir von feuerspeienden Echsen zerquetscht werden oder von einem übersprudelnden Party-Volk mitgerissen werden? Sabina zumindest ist optimistisch. "Die Zukunft dieses Planeten als menschliches und tierisches Königreich hängt einzig und allein von dieser Platte ab", sagt sie bestimmt. Da kann man den Brazilian Girls für "Talk To La Bomb" also nur dankbar sein. "Keine Ursache", hat Sabina das letzte Wort.

KOMMENTARE

Kommentar speichern