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30.09.2009

Leiden für die Kunst

Cecilia Bartoli, Leiden für die Kunst © Decca / Uli Weber

Noch heute umgibt Kastraten der Mythos des Exotischen. De facto waren sie die Leidtragenden einer  bigotten Vergnügungssucht, die in einer sexistisch geprägten Ära des florierenden bürgerlich-aristokratischen Kulturbewusstseins den Sensationshunger des Opern-Publikums und die Prüderie des kirchlichen Musikapparats bedienten. Sie waren Opfer, die – Ironie des Schicksals – wiederum Komponisten zu wunderbaren und auch aus heutiger Sicht noch ungemein kunstvollen Werken anregten und damit einen besonderen Platz in der Historie des Gesangs einnehmen. „Sacrificium“ setzt ihnen nun ein besonderes Denkmal. Denn die römische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, die nicht nur für ihre bezaubernde Stimme, sondern auch für ihre grundlegenden musikgeschichtlichen Recherchen im Zusammenhang mit ihren Projekten bekannt ist, wendet sich mit einem Album den wunderbaren Arien zu, die für die Kastraten geschrieben wurden und versucht zugleich mit ihrer Arbeit wenigsten einen kleinen Beitrag zur Rehabilitierung einer manchmal vergötterten, zumeist aber geschundenen Spezies der abendländischen Kulturgeschichte zu leisten.

Für die Entwicklung des Kastratenbooms spielte die katholische Kirche eine wesentliche Rolle. Zwar war die aktive Entmannung unter drakonischer Maßnahmenandrohung verboten. Zugleich aber erließ Papst Clemens IX. Anno 1668 ein Edikt mit dem Kernsatz: “Keine Weibsperson bei hoher Strafe darf Musik aus Vorsatz lernen, um sich als Sängerin gebrauchen zu lassen.“ Damit waren Frauenstimmen aus dem Theater des Frühbarocks verbannt und je nachdem, wie konsequent diese Anweisung umgesetzt wurde, entstand dadurch eine seltsame Situation. Auf der einen Seite boomte seit Monteverdi die Oper, zog immer größere Menschengruppen in die Theater und forderte immer neue Stoffe auf der Bühne. Die aber kamen nicht ohne Frauenrollen aus, die wiederum nur schwer von bärtigen, kräftigen und tief tönenden Männern gesungen werden konnten. Kastraten konnten die Lösung sein, die vor allem im Knabenalter zusätzlich erregend androgyne Reize ausstrahlten. Dazu kamen merkantile und technische Erwägungen. Für viele Familien aus dem armen Süditalien war eine Sängerkarriere eines Sohnes einer der wenigen Hoffnungsschimmer, den Hunger zu stillen.

So wurden im 18.Jahrhundert in Italien jährlich bis zu 4000 Jungen kastriert. Wer sich als begabt erwies, bekam im Knabenalter eine solide Gesangsausbildung und war bereits Profi, wenn konkurrierende Mädchen in weniger prüden Opern-Gegenden gerade der Pubertät entwuchsen. Neapel, aber auch Bologna, Mailand, Florenz und Venedig wurden zu Zentren der Kastratenproduktion, die wiederum die Bühnen in ganz Europa belieferten. Einzelne Persönlichkeiten wie Farinelli, Caffarelli, Salimbeni, Appiani oder Porporino stiegen zu schillernden Stars ihrer Zeit auf. Die meisten ihrer entmannten Kollegen aber landeten in Kirchenchören, bei Gauklertruppen oder in den Niederungen des frühneuzeitlichen Showgeschäfts, zumeist gehänselt und verachtet als die Looser des Geschäfts mit dem schönen Schein. Erst mit dem 19.Jahrhundert, der Romantik und deren Bedürfnis nach Echtheit statt artifizieller Schönheit, nahm auch der Boom des Kastratentums ab. Heute werden die Knaben-Rollen entweder auf Frauen übertragen oder von Coutertenören gesungen, die stimmtechnisch andere Wege gefunden haben, sich den glänzenden Höhen der Kastratenlage zu nähern.

Wenn sie überhaupt gesungen werden. Denn mit dem Siegeszug des Belcanto und Verismo gerieten auch viele Werke in Vergessenheit, die für die barocken Theater geschrieben worden waren. Als sich Cecilia Bartoli auf die Suche im Umkreis der neapolitanischen Schule nach der Musik für „Sacrificium“ machte, stieß sie auf eine Fülle heute unbekannter Melodien, die der Wiederentdeckung harrten. Es waren Arien von Komponisten wie Nicola Porpora und Antonio Caldara, Francesco Araia und Carl Heinrich Graun, Leonardo Leo und Leonardo Vinci, die ein eindrucksvolles Panoptikum einer Kunst bieten, die durch ihre Schönheit, Virtuosität und melodiöse Vielfalt fasziniert. Als passende Partner wählte sich Cecilia Bartoli das Barock-Ensemble Il Giardino Armonico unter der Leitung von Giovanni Antonioni aus, mit dem sie schon bei dem vielfach preisgekrönten „The Vivaldi Album“ zusammen gearbeitet hatte. Es entstanden 75 Minuten Musik mit Weltersteinspielungen, die als klassische Album-Edition oder als Download zu haben sind und die Cecilia Bartoli auch mit einer umfangreichen Tournee präsentieren wird. Darüber hinaus aber gibt es eine exklusive Sonderedition, die zum einen eine Bonus-CD mit drei legendären Kastraten-Arien aus der Feder von Riccardo Broschi, Georg Friedrich Händel und Geminiano Giacomelli enthält, zum anderen auf 152 Seiten das Reprint des legendären Lexikons „Castrato Compendium“, ein umfangreiches Libretto und eine aufschlussreiche Kulturgeschichte des Themas unter dem aus barocken Zeiten übernommenen Titel „Evviva il coltellino!“ - es lebe das Messerchen! bietet.

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