Backstage
Charles Dickens BACKSTAGE EXCLUSIV

News

30.01.2012

Der kritische Blick

Charles Dickens, Der kritische Blick

"Wer noch nicht Dickens gelesen hat, den kann ich beglückwünschen, denn es stehen ihm unerhörte Genüsse bevor. […] Wer vor nichts staunt, der soll Dickens lesen, dann wird er schon staunen lernen." So schrieb einst Robert Walser über seinen Schriftstellerkollegen. Und zweifelsohne gehört Charles Dickens zu den Superstars der Weltliteratur – seine Romane und Erzählungen werden auf der ganzen Welt von Groß und Klein verschlungen. Worin liegt das Geheimnis seines Erfolgs?

Der vor 200 Jahren geborene Charles Dickens feierte bereits zu Lebzeiten große Erfolge mit seinen sozialkritischen Romanen wie "Der Raritätenladen" (1841) und "Eine Weihnachtsgeschichte" (1843). Als Meister der Selbstvermarktung lockte er bei Lesungen bis zu 5000 Hörer an. Wie kein Zweiter verstand Charles Dickens es, das Trauma seiner Kindheit – die große Armut seiner Familie und die harte Arbeit in einer Schuhwichsfabrik – literarisch zu verarbeiten. Seine Erfahrungen und Ansichten über das England der Industrialisierung bettete er dabei ein in phantasievolle und mitreißende Geschichten.

Sozialkritik und Phantasiereichtum

So zeugt auch die spannungsreiche Geschichte des armen Waisenjungen "Oliver Twist" (1838) von Dickens Interesse an der Welt der kleinen Leute und übt eine aus Mitleid erwachsene Kritik an den sozialen Missständen im England des 19. Jahrhunderts. Die Welt, in der der kleine Oliver Twist aufwächst, ist von Elend geprägt:

„Die Häuser stehen hier auf versinkenden Fundamenten, und ihre Wände sind mit Kot beschmiert. Die Fenster zerbrochen, die Stuben eng und schmutzig, überall Dreck, Unflat und abstoßende Armut. Auf der Jakobinsel Warenhäuser, die leerstehen und kein Dach mehr haben. Die Wände dem Einstürzen nahe, die Fenster ausgebrochen, und die Türen auf der Straße umherliegend. Die Häuser sind ohne Eigentümer und werden nur von denen bewohnt, die gewichtige Grunde haben, sich zu verbergen, oder ganz verarmt sind.“

Auch wenn es das Schicksal am Ende gut mit Oliver Twist meint – das System, in dem er groß wird, ist gnadenlos und unmenschlich:

„Hunger und Elend ließen ihn alle Rücksichten vergessen, doch zitterte er, als er sagte: ,Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr.‘ Der wohlgenährte, rotbäckige Koch wurde bei diesen Worten blass und musste sich am Kessel festhalten. Er blickte mit starrem Entsetzen auf den kleinen Rebellen und stieß schließlich mit schwacher Stimme aus: ,Was?‘ ,Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr“‘ Da schlug ihn der Küchenmeister mit dem Löffel über den Kopf, packte Oliver bei den Händen und rief laut nach dem Gemeindediener.“

In der Mischung von Pathos und Realismus, Detailreichtum und Typisierung liegt wohl die bis heute andauernde Faszination der Geschichten von Charles Dickens. Der Erfolg seiner Geschichten blieb schon damals nicht ohne Folgen: "Oliver Twist" bewirkte in seiner Zeit eine Diskussion des Armengesetzes. Wer Dickens liest und hört, der darf Mitleid haben und seine Phantasie beflügeln lassen. Oder, wie es Robert Walser sagte, "staunen lernen".


Zu den Produkten: "Oliver Twist", "Der Raritätenladen" und "Ein Weihnachtslied"


KOMMENTARE

Kommentar speichern