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Biografie

25.01.2016

Charles Lloyd, I Long To See You, 2016

Der Saxophonist, Komponist und Bandleader Charles Lloyd ist einer der führenden Instrumentalisten seines Fachs in der späten Free-, Jazzrockrock- und Postbop-Ära. Zunächst stark von John Coltrane beeinflusst, erweiterte er in den sechziger Jahren seine Tonsprache um Ausdrucksformen des Jazzrocks, Blues und Folk wie auch der experimentellen Moderne, die er wiederum seit dem folgenden Jahrzehnt zu einem konsequent lyrischen und kammerjazzigen Personalstil modifizierte. Mit großem, samtenem Ton, einer um zahlreiche ethnische Elemente angereicherten Klangsprache und einer mit zunehmendem Alter immer markanter reduzierten Motivik entwickelte er sich zu einer der Autoritäten des Modern Jazz, der zu den Headlinern internationaler Festivals gehört.

Charles Lloyd wurde am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren undwuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon früh entdeckte er die Musik als Ausdrucksform für sich und begann als Zehnjähriger Saxophon zu spielen. Die Grundlagen brachte er sich selbst bei, wobei die Heroen des ausklingenden Bebops und zeitgenössischen Hardbops großen Eindruck auf ihn machten. Erste professionelle Erfahrungen sammelte er als Altsaxophonist Mitte der Fünfziger zunächst in lokalen Rhythm & Blues-Formationen, dann in den Bands von Bluesgrößen wie B.B.King, Howlin’ Wolf und Bobby Blue. Von 1956 an vertiefte er seine theoretischen Kenntnisse und studierte Komposition an der University Of Southern California. Bis 1961 konzentrierte er sich vor allem auf seine Ausbildung, arbeitete allerdings bei verschiedenen Gelegenheiten auch mit Gleichgesinnten wie Paul Bley, Charlie Haden und Eric Dolphy.

Obwohl mit Blues und Hardbop sozialisiert, gingen in diesem Umfeld die Errungenschaften der Avantgarde nicht spurlos an ihm vorüber. Inspiriert durch John Coltrane wechselte Lloyd zum Tenorsaxophon und war in den folgenden Jahren u.a. mit Gerald Wilson, Chico Hamilton und für einige Monate auch im Sextett von Cannonball Adderley (1964/65) zu hören. 1966 stieß er auf den jungen, immens begabten Pianisten Keith Jarrett, mit dem er sein berühmtes Quartett gründete, dem außerdem der Schlagzeuger Jack DeJohnette sowie die wechselnden Bassisten Cecil McBee und Ron McClure angehörten. Lloyd etablierte sich als einer der führenden Jazzmusiker der Hippie-Ära und experimentierte mit der Fusion modern jazziger Ausdrucksformen und dem Beat der Flower-Power-Generation. Er gehörte neben Gestalten wir Miles Davis zu den wenigen Musikern, denen der Sprung über die Stilgrenzen gelang und gastierte ebenso erfolgreich bei den Jazzern in Newport 1966 und wie den Rockern in Fillmore 1967.

Lloyd veröffentlichte Alben wie "Forest Flower" (1968) und begründete damit seinen Ruf als individueller Stilist, der das dominante Vorbild Coltrane hinter sich gelassen hat. Mit "Florest Flower" avancierte er auch zu einem der ersten Jazzmusiker, die über eine Million Exemplare von einem Album verkauften. Doch gerade erst zum neuen Jazz-Superstar aufgestiegen, zog er sich Anfang der Siebziger überraschend für mehrere Jahre von der Bühne zurück, um erst Anfang der Achtziger wieder zum Jazz zurückzukehren. Den Ausschlag dazu gab der junge Pianist Michel Petrucciani, mit dem er in wechselnden Quartett- und Quintett-Besetzungen ausgezeichnete Modern-Mainstream-Alben veröffentlichte.

Doch sein wahres Comeback läutete der Saxophonist erst 1989 ein, als er einen neuen, langfristigen Plattenvertrag mit dem Münchener Label ECM abschloss. Unter der Regie von Produzent Manfred Eicher nahm er zunächst vor allem mit skandinavischen Musikern (Bobo Stenson, Palle Danielsson, Jon Christensen und Anders Jormin), danach mit amerikanischen Bands (mit u.a. Billy Higgins, Ralph Peterson, Geri Allen, Larry Grenadier, Brad Mehldau, John Abercrombie, Dave Holland, Jason Moran und Eric Harland) zahlreiche preisgekrönte Alben auf. Darunter "Notes From Big Sur" (1992), "The Call" (1993), "Canto" (1997), "Voice In The Night" (1999), "Hyperion With Higgins" (2001),"Lift Every Voice" (2002), "Jumping The Creek" (2005), "Rabo De Nube" (2008) und "Hagar’s Song" (2012). Weit aus dem Rahmen fielen die beiden Live-Alben "Sangam" (2006) und "Athens Concert" (2011). Ersteres spielte der Saxophonist im Trio mit Tabla-Meister Zakir Hussain und Perkussionist Eric Harland ein, letzteres mit seinem regulären Quartett sowie der großartigen griechischen Sängerin Maria Farantouri und dem Lyra-Spieler Sokratis Sinopoulos. Im Juli 2014 erschien bei ECM unter dem Titel "Arrows Into Infinity" außerdem ein fast zweistündiges dokumentarisches Filmportrait von Charles Lloyd auf DVD und BluRay-Disc.

Anfang 2015 wurde die Jazzwelt dann von der Nachricht überrascht, dass Charles Loyd nach rund 25 ungemein fruchtbaren Jahren ECM Records verlassen würde, um zu Blue Note Records zu wechseln. Für das Label hatte er 1983 bereits das Live-Album "A Night In Copenhagen" mit Michel Petrucciani und Bobby McFerrin eingespielt. Auf dem ersten neuen Album für Blue Note, "Wild Man Dance", präsentierte sich Lloyd (wieder einmal live) mit einem völlig neu besetzten Quartett (mit Pianist Gerald Clayton, Bassist Joe Sanders und Schlagzeuger Gerald Cleaver) und zwei "exotischen" Gästen: dem griechische Lyra-Virtuosen Sokratis Sinopoulos und dem ungarischen Cimbalom-Spieler Miklós Lukács. Im selben Jahr wurde der Saxophonist vom National Endowment for the Arts (der einzigen staatlichen Kulturfördereinrichtung der USA) für sein Lebenswerk als NEA Jazz Masters ausgezeichnet. Dass er sich auf solchen Lorbeeren nicht auszuruhen gedenkt, sondern unermüdlich nach neuen Ausdrucksformen und musikalischen Herausforderungen sucht, beweist der mittlerweile 77-Jährige auf seinem zweiten Blue-Note-Album "I Long To See You", das im Februar 2016 erscheint. Das Album steckt voller Überraschungen: Angefangen bei der Besetzung seiner neuen Band The Marvels mit den beiden Gitarristen Bill Frisell und Greg Leisz, über das Repertoire mit Songs von u.a. Bob Dylan und Billy Preston bis hin zu den Gastvokalisten Willie Nelson und Norah Jones.