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17.09.2010

Anti-Despot mit Geheimwaffe: Charles Lloyd Quartet

Viele Kritiker halten das aktuelle Charles Lloyd Quartett für die beste Band, die der Saxophonist je leitete. Nun legt die Formation mit “Mirror” ihr zweites Album vor.

Charles Lloyd, Anti-Despot mit Geheimwaffe: Charles Lloyd Quartet © by Dorothy Darr / ECM Records

Es gibt Bandleader, die wahre Despoten sind und ihre Mitmusiker wie schlichte Handlanger behandeln. Andere wiederum bemühen sich um ein demokratischeres Spielsystem und ermuntern ihre Partner, die eigene musikalische Persönlichkeit einzubringen. Zu dieser weit angenehmeren Sorte zählt fraglos der Saxophonist Charles Lloyd. Schon seit einem halben Jahrhundert genießt er den Ruf, einer der verständnisvollsten Bandleader des Jazz zu sein. Seit den Tagen seines legendären “Forest Flower”-Quartetts kitzelt Lloyd das Beste aus seinen oftmals jungen Mitmusikern heraus, in dem er sie an der langen Leine laufen lässt. An dieser Philosphie hat er bis heute festgehalten: und sein aktuelles Quartett mit Pianist Jason Moran, Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland versteht es, die ihm gewährten Freiheiten so souverän zu nützen wie es in den 1960er Jahren Keith Jarrett, Cecil McBee und Jack DeJohnette taten. Unter dem Titel “Mirror” legt das Charles Lloyd Quartet jetzt sein zweites Album vor.

Und der Titel des Albums kommt nicht von ungefähr. Das Repertoire ist gewissermaßen ein Spiegelbild des Programms von “Rabo De Nube”. Das erste, live aufgenommene Album der Formation erschien 2008 bei ECM und schaffte es, sich in den ansonsten von Mainstream-Produktionen dominierten Top 10 der Billboard-Jazzcharts zu behaupten. Im Wall Street Journal schrieb der Kritiker Larry Blumenfeld damals, dass Lloyds Band das Quartettformat neu erfinde und mit unberechenbaren organischen Möglichkeiten ausstatte. Die drei jungen Musiker, hieß es weiter, würden dem Bandleader weniger folgen, als ihn vielmehr mit eigenen Ideen füttern.

“Charles geht mit einer unglaublichen Offenheit an die Musik heran”, schwärmt denn auch Pianist Jason Moran. “Ich mag es, mit Bandleadern zu spielen, die einem erlauben Eigenes einzubringen und einen die Musik so spielen lassen, wie man es möchte. Man sollte denken, dass diese Philosophie im Jazz auf fruchtbaren Boden fällt. In Wirklichkeit ist es eher ungewöhnlich, dass ein Bandleader seine frommen Worte auch in Taten ummünzt. Aber Charles Lloyd ist wirklich ein Förderer gedanklich freier Musik. Er lässt es zu, dass sie sich ad hoc entwickeln kann.”

Wie “Rabo De Nube” bietet auch “Mirror” sowohl einige Lloyd-Originale als auch Stücke, die seit Jahren ein fester Bestandteil des Repertoires des Saxophonisten sind. Zu letzteren gehören etwa die beiden Thelonious-Monk-Nummern “Ruby, My Dear” und “Monk’s Mood”, der Jazzstandard “I Fall In Love Too Easily” oder auch die Hymnen und Traditionals“Go Down, Moses”, “Lift Every Voice And Sing” sowie “The Water Is Wide”. Überraschender scheint da schon die Wahl des Brian-Wilson-Songs “Caroline, No”. Kenner von Lloyds Biographie wissen natürlich, dass der Saxophonist in den 1970er Jahren auf einigen Alben der Beach Boys gastierte (darunter der Klassiker “Surf’s Up”). Aus seiner eigenen Feder steuerte Lloyd schließlich “Desolation Sound”,“Tagi”, “Being And Becoming” sowie das Titelstück bei.

Ein besonderes Bonbon ist auch, dass Lloyd hier neben seinem poetischen Tenor- auch Altsaxophon spielt. Das tut er leider viel zu selten, weshalb der Schlagzeuger Billy Higgins das Instrument einst auch als “Charles’ Geheimwaffe” bezeichnete.


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