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06.12.2010

Spiegel ohne Raum und Zeit

Charles Lloyd, Spiegel ohne Raum und Zeit © Dorothy Darr / ECM

Man merkt, dass Charles Lloyd nicht nur Saxophonist, sondern auch spiritueller Lehrer ist. „Mirror“, eingespielt mit seiner fantastischen jungen Band, ruht in sich und bewegt gründlich.

Text: Götz Bühler | Foto: Dorothy Darr / ECM

Für mich hatte Musik immer etwas Heilendes“, sagt Charles Lloyd. „Als ich damit anfing, wusste ich gleich, dass ich mein Lebensglück gefunden hatte.“ Der 72-jährige Saxophonist aus Memphis, Tennessee, gehörte schon Mitte der 60er zu den wichtigsten und spannendsten Musikern einer neuen Szene, die sich mehr um Freiheit, Ausdruck und Selbstfindung kümmerte, als sich um Stil- oder Rassengrenzen zu scheren. Direkt von der University of Southern California war er zu Don Cherry, Eric Dolphy und Ornette Coleman ge­sto­ßen, wurde über Erfahrungen in den Bands von Chico Hamilton oder Cannonball Adderley selbst zum Leader, unter anderem mit Keith Jarrett als Pianist. Am Höhepunkt seiner Popularität, nach sensationellen Verkaufs- und Tourerfolgen, zog er sich 1969 aus dem Musikgeschäft zurück und lehrte in Kalifornien transzendentale Meditation. Erst in den 80ern überzeugte ihn der französische Pianist Michel Petrucciani wieder öffentlich aufzutreten – und aufzunehmen. Seit 21 Jahren bei ECM unter Vertrag, gilt Lloyd heute einerseits als „elder statesman“, andererseits als stetiger Innovator und Im­pulsgeber. Die „New York Times“ lobt seine Musik als „seltsames und schönes Destillat der amerikanischen Erfahrung (…), teilweise verlassen und wild, teilweise ungeheuer kontrolliert und raffiniert“. Die Kollegen aus L.A. erkennen „eine Reise, die von einer Er­leuch­tung nach der anderen bestrahlt wird“.

Neue Energien gewinnt Charles Lloyd seit einigen Jahren aus dem Zusammenspiel mit Pianist Jason Moran, Bassist Reuben Rogers und Drummer Eric Harland, allesamt Anfang bis Mitte 30. Auch „Mirror“ entstand mit dieser Band. „Viele Leute haben mich gefragt, wie das wohl funktionieren soll, schon wegen Jason“, erinnert sich der Leader. „Er ist so wild und ich bin so lyrisch. Nun, die Wildheit in mir kommt heraus und das Lyrische in ihm, an einem Ort, wo es weder Raum noch Zeit gibt. Gemeinsam begeben wir vier uns auf einen fliegenden Teppich, der von Frieden und Liebe und großem Kapitulieren angetrieben wird, denn wir haben viel Vertrauen in das, was wir machen. Wir erlangen unsere Musik durch das Vertrauen in unser inneres Mysterium und den inneren Spirit.“ Während der 73 Minuten von „Mirror“ begeistert nicht nur das energische, enge Zusammenspiel des Quartetts, vor allem bekommen die durchgeistigten Gedanken hinter der Musik eine sehr handfeste und erdige Gestalt. Standards und Traditionals wie „Go Down, Moses“ oder „The Water Is Wide“, eine Brian-Wilson- und zwei Monk-Kompositionen sowie vier ausgiebige Eigenwerke von Lloyd, geben den Ausführungen der amerikanischen Zeitungskritiker reichlich Zunder. Wer tatsächlich daran zweifeln sollte, dass der amerikanische Jazz auch heute noch eine wichtige, stilbildende Rolle spielt, den sollte eine Dosis dieser intensiven und reflektierten Musik vom Gegenteil überzeugen.


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