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10.09.2001

Bei Lloyd versichert

Charles Lloyd, Bei Lloyd versichert

Er hatte immer schon ein gutes Händchen für Pianisten. In den Sechzigern holte sich Charles Lloyd den noch unbekannten Keith Jarrett in die Band. Jetzt garantiert Brad Mehldau ein einzigartiges Hörerlebnis.

Charles Lloyd gibt sich nicht so schnell zufrieden. Das hat ihm in Musikerkreisen den Ruf eingebracht, schwierig zu sein. Denn er will sich weder dem Mainstream der Geschichte anpassen noch den Trends der Gegenwart hinterherlaufen. Sein Ziel ist die Unmittelbarkeit, das ästhetische, künstlerische Erleben: "Musik ist Religion, Meditation. Sie ist mein Zuhause, ich lebe in ihr. Ich bin immer noch sehr nervös, bevor ich spiele. Plötzlich fange ich an, mir Gedanken zu machen, was ich da tue oder wie ich es tue. Bin ich aber über diesen Punkt hinweg und lege los, fühle ich mich wieder wie zu Hause. Musik ist ein Geschenk des Schöpfers, eine Gabe. Wenn ich spiele, ist es jedes Mal eine neue Chance, die Wahrheit zu erzählen. Und ich habe sie noch lange nicht erreicht. Ich arbeite etwa seit langem intensiv an meinem Sound, an der Mischung aus persönlichem und transparentem Klang. Denn Musik ist für mich zweierlei: Klang und Tanz.

 

Sie ist darüber hinaus das Resultat eines ereignisreichen Künstlerlebens, das Charles Lloyd mit vielen Höhen und Tiefen der Professionalität zusammenbrachte. Am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Mutter wollte ihn nicht haben. Der Junge wurde daher herumgereicht und verbrachte seine Kindheit bei wechselnden Freunden und Bekannten, die ihm ein Zuhause bieten konnten. Bald galt er als verschlossen, ein sozialer Sonderling, mit Bedürfnissen, die kaum einer nachvollziehen wollte: "Ich fühlte mich damals sehr allein gelassen und wurde innerlich zum Einsiedler. Ich habe mir meine eigene Welt gebaut und die bestand aus Musik, aus dem Verlangen, das Unaussprechliche auszudrücken.

 

Lloyd begann, Saxophon zu spielen. Zunächst fand er Jobs in regionalen Rhythm-'n'-Blues-Combos. Über Empfehlungen landete er bei Bobby Bland und B.B.King. Die Hoffnung auf Veränderung schien sich zu erfüllen, denn mit den Tourneen schaffte er es, der Heimat den Rücken zu kehren. Ehrgeizig in seinem Willen, diese Chance zu nutzen, ging er nach Los Angeles und besuchte von 1956 an die University Of Southern California. Nach dem Wechsel vom Alt- zum Tenorsaxophon landete er irgendwann in der Band von Chico Hamilton. Und diesmal war er richtig gefordert. Denn er übernahm dort nicht irgendeinen Gig, sondern den Platz von Eric Dolphy. Schnell lernte er die Kunst des aufmerksamen Zusammenspiels und entwickelte einen eigenen Ton am Instrument, der sich allerdings eng an sein Vorbild John Coltrane anlehnte. Lloyd übernahm schließlich die Leitung des Ensembles, arbeitete mal mit Cannonball Adderley, mal mit dessen Gitarristen Gabor Szabo zusammen, bevor er 1966 mit Keith Jarrett, Cecil McBee und Jack DeJohnette die vorläufige Idealbesetzung seines Quartetts fand.

 

Bereits ein Jahr später erregte er amerikaweit Aufsehen, als er im farbigen Flower-Power-Look auf dem legendären Fillmore West Festival in San Francisco gastierte. Noch vor Miles Davis hatte er es geschafft, die Grenzen zur jungen wilden Rockmusik niederzureißen und ein Publikum für sich zu gewinnen, das eigentlich wegen der rauen Klänge eines Jimi Hendrix gekommen war und nicht, um den aus der Mode gekommenen Improvisationen eines weißen Jazzers zu lauschen. Charles Lloyd war mit einem Schlag ein Star und er blieb es bis in die frühen siebziger Jahre hinein.

 

Dann erbte er eine größere Summe, die es ihm ermöglichte, sich für ein paar Jahre auf eine Farm in Kalifornien zurückzuziehen und an seiner Doktorarbeit zu schreiben. Neue Veröffentlichungen wurden seltener und widmeten sich nicht immer glücklich dem Bedürfnis, Rockmusik zu kreieren. Lloyd wandte sich der Erleuchtung bei Maharishi Mahesh Yogi zu, wurde Lehrer für transzendentale Meditation und zog als Dozent durch die Colleges und Haftanstalten, immer auf der Suche nach dem Sinn der eigenen kreativen Existenz. Anfang der Achtziger endlich wagte er wieder konkretere musikalische Aktivitäten. Auch diesmal lag es an den richtigen Leuten, die mit ihm künstlerisch kommunizierten. Sein Quartett mit Michel Petrucciani am Klavier, Palle Danielsson am Kontrabass und Son Ship Theus am Schlagzeug wurde international gefeiert. Lloyd war ganz der Alte und hatte darüber hinaus seinen Sound so weit perfektioniert, dass die gestrenge Kritik ihn enthusiastisch feierte. Seitdem gehört er zu den bevorzugten Solisten und Komponisten des gehobenen Modern Jazz und wird regelmäßig mit Preisen überhäuft, wie zuletzt für sein All-Star-Album "Voice In The Night3.

 

Und das könnte ihm mit dem Nachfolger auch passieren. Denn "The Water Is Wide3 ist in mancher Hinsicht die Fortsetzung des fröhlich lyrischen Konzeptes der vergangenen Jahre. Gitarrist John Abercrombie und Schlagzeuger Billy Higgins sorgen für Kontinuität in der Besetzung, der Pianist Brad Mehldau und die Bassisten Larry Grenadier und Darek Oles für frischen Wind in der Interpretation. An drei Tagen im vergangenen Dezember in einem Studio in Los Angeles aufgenommen, versammeln sich ein Dutzend sehr unterschiedlicher Kompositionen auf dem Album, die vom traditionellen Titelstück über seltene Ellington- und Strayhorn-Melodien bis hin zu eigens für die Aufnahme entstandenen Originalen reichen. Da gibt es gepflegt swingende Atmosphären, tanzhafte Dreiertakte und kammerjazzige Höhepunkte wie das Klavier-Saxophon-Duett "The Monk And The Mermaid". Lloyd gelingt dabei das Kunststück, die richtige Balance zwischen Ausgelassenheit und Intimität, Erzählfreude und Reduktion zu finden, ohne den Spannungsbogen des gesamten Albums aus den Augen zu verlieren. Das liegt von neuem an der sorgfältigen Auswahl der Beteiligten, aber auch an der geläuterten Souveränität eines erfahrenen Meisters musikalischer Ästhetik.


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