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19.06.2004

Biografie

Der Saxofonist, Komponist und Bandleader Charles Lloyd ist einer der führenden Instrumentalisten seines Fachs in der späten Free-, Jazzrockrock- und Postbop-Ära. Zunächst stark von John Coltrane beeinflusst, erweiterte er in den sechziger Jahren seine Tonsprache um Ausdrucksformen des Jazzrocks, Blues und Folk wie auch der experimentellen Moderne, die er wiederum seit dem folgenden Jahrzehnt zu einem konsequent lyrischen und kammerjazzigen Personalstil modifizierte. Mit großem, samtenem Ton, einer um zahlreiche ethnische Elemente etwa aus dem indischen Klangkontext angereicherten Klangsprache und einer mit zunehmendem Alter immer markanter reduzierten Motivik entwickelte er sich zu einer der Autoritäten des Modern Jazz, der zu den Headlinern internationaler Festivals wie in Berlin oder Montreal gehört.

Charles Lloyd wurde am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren. Seine Vorfahren hatten irische, indianische und äthiopische Wurzeln, sein Vater war Apotheker und nur wenig musisch interessiert. Der Junge wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, entdeckte aber die Musik als Ausdrucksform für sich und griff als Zehnjähriger zum Saxofon. Die Grundlagen brachte er sich selbst bei, wobei die Heroen des ausklingenden Bebops und zeitgenössischen Hardbops großen Eindruck auf ihn machten. Lloyd nahm Unterricht bei Irving Reason und kam schrittweise mit anderen Musiker seiner Generation wie George Coleman, Frank Strozier und Booker Little in Kontakt. Er sammelte erste professionelle Banderfahrungen als Altsaxofonist von Mitte der Fünfziger an zunächst in lokalen Rhythm & Blues-Formationen, dann in den Combos von B.B.King, Howlin' Wolf und der Bobby Blue Band. Von 1956 an vertiefte er seine theoretischen Kenntnisse und studierte Komposition an der University Of Southern California. Bis 1961 konzentrierte er sich vor allem auf seine Ausbildung, arbeitete allerdings auch mit Gleichgesinnten wie Paul Bley, Charlie Haden und Eric Dolphy bei verschiedenen Konzertgelegenheiten.

Obwohl mit Blues und Hardbop sozialisiert, gingen in diesem Umfeld die Errungenschaften der Avantgarde nicht spurlos an ihm vorüber. Unter dem Eindruck von John Coltrane wechselte Lloyd zum Tenorsaxofon und war in den folgenden Jahren unter anderem mit Gerald Wilson, Chico Hamilton und für einige Monate auch im Sextett von Cannonball Adderley (1964/65) zu hören. Anno 1966 stieß er auf den jungen und immens begabten Pianisten Keith Jarrett, mit dem und außerdem Jack DeJohnette am Schlagzeug und den wechselnden Bassisten Cecil McBee und Ron McClure er sein berühmtes Quartett gründete. Lloyd avancierte zu einem der führenden Jazzmusiker der Hippie-Ära, und experimentierte mit der Fusion modern jazziger Ausdrucksformen und dem Beat der Flower Power-Generation. Er gehörte neben Gestalten wir Miles Davis zu den wenigen Musikern, denen der Sprung über die Stilgrenzen gelang und gastierte ebenso erfolgreich bei den Jazzern in Newport 1966 und wie ein den Rockern in Fillmore 1967.

Lloyd veröffentlichte Alben wie "Forest Flower / Soundtrack" (1969) und fundamierten damit seinen Ruf als individueller Stilist, der das dominante Vorbild Coltrane hinter sich gelassen hat. Anfang der Siebziger zog er sich für mehrere Jahre von der Bühne zurück, beschäftigte sich mit Meditationstechniken und lebte von 1977 an Frankreich, dann in die Schweiz, bevor er in die USA zurückkehrte. Spirituell abgehoben brachte er gemeinsam mit dem Ex-Beach-Boy Mike Love seltsam umnebelte Popplatten heraus, bevor er sich wieder auf seine Grundlagen besann und Anfang der Achtziger zum Jazz zurückkehrte. Den Ausschlag dazu gab unter anderem der junge Michel Petrucciani, mit dem zusammen er in wechselnden Quartett- und Quintett-Besetzungen ausgezeichnete Modern Mainstream-Alben veröffentlichte.

Seit den frühen Neunzigern gelang ihm auf diese Weise ein bemerkenswertes Comeback , das auf zahlreichen preisgekrönten Alben dokumentiert wurde ("Notes From Big Sur", 1992; "The Call", 1993; "Canto", 1997; "Voice In The Night", 1999; "Hyperion With Higgins", 2001). Mit besonderem Gespür für die lyrische Kraft seiner Mitmusiker suchte er sich dabei speziell bei den Pianisten mit Koryphäen wie Bobo Stenson und Brad Mehldau symbiotisch seine eigene Tonsprache ergänzende Partner. Zu den eindrucksvollen Aufnahmen dieser späten Phase gehören auch das im Januar 2001 archivierte Duett mit dem Schlagzeuger Billy Higgins ("Which Way Is East") und die Quintett-Einspielung "Lift Every Voice" vom Februar 2002.

07/2005


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