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14.02.2001

Charlie Haden: L'art pour l'art

Charlie Haden, Charlie Haden: L'art pour l'art

Der Magie des Hollywood der 30er bis 50er Jahre haben sich auch Bassist Charlie Haden und sein Quartet West verschrieben. Mit seiner Reputation des Free-Jazz-Pioniers macht sich Haden indes nicht gerade der unreflektierten Nostalgie-Pflege verdächtig.

Da mögen die von Alan Broadbent arrangierten Streicher auf den letzten Quartet-West-Alben noch so pathetisch schmachten und schluchzen, spätestens wenn der Leader zu einem seiner markanten Baß-Soli ansetzt, erhält die Musik die nötigen Ecken und Kanten, die ihr jenes einzigartige Profil geben, das allen Haden-Werken zueigen ist. Auf "The Art Of The Song", der jüngsten Einspielung des Quartet West, wirken zudem zwei Gäste mit, die mit ihrem Gesang für zusätzliche Glanzlichter sorgen: zum einen der oftmals übersehene Bill Henderson und zum dann die unvergleichliche Shirley Horn, die auch mit 65 Jahren immer noch eine faszinierend beiläufige Laszivität in ihrer Stimme mitschwingen lassen kann, die manche jüngere Sängerin beim direkten Vergleich verdammt alt und bieder ausschauen läßt.

 

Charlie Haden ist sowohl einer der versiertesten, talentiertesten und vielseitigsten Bassisten unserer Zeit als auch ein beeindruckender Komponist - und wenn ich mein bevorzugtes Haden-Attribut aus all diesen herauspicken müßte, dann fiele die Wahl mit ziemlicher Sicherheit auf "vielseitig".

 

Zumindest empfinde ich es so, nachdem ich mir die ersten paar Male diese höchst ungewöhnliche und unglaublich charmante CD angehört habe. Die Verantwortung, einen Kommentar über sie zu verfassen, nehme ich in keinster Weise auf die leichte Schulter. Nach mehr als viereinhalb Jahrzehnten im Jazzbusiness, in denen ich nicht zuletzt weit mehr als genug Linernotes geschrieben habe, bin ich gewöhnlich in der Lage, solche Arbeiten zu vermeiden - aber was blieb mir übrig nach dem Telefonanruf eines alten Freundes, bei dem Charlie mir nicht nur schamlos mit der Beteuerung geschmeichelt hat, daß er sich "geehrt" fühlen würde, wenn ich über sein jüngstes Werk schriebe, sondern mich auch dadurch, daß er mir etwas über das Konzept und die speziellen Themen der Platte offenbarte, gründlich neugierig machte.

 

[Es ist erstaunlicherweise vierzig Jahre her, daß ich diesen immer noch so unglaublich jugendlich aussehenden Bassisten das erste Mal hörte. Er war einer von vier Emporkömmlingen von der Westküste, Teil des Geschichte machenden Ornette Coleman Quartetts, das Ende 1959 im bereits legendären "Five Spot", wo noch kurz zuvor Thelonious Monk und der junge John Coltrane Hof gehalten hatten, sein New-York-Debüt gab. Von diesem Punkt an, bewegte sich Charlie - der seit seiner Kindheit in einer Familienband, die in der "Grand Old Opry" aufgetreten war, schon eine unglaubliche musikalische Distanz zurückgelegt hatte - in alle Richtungen weiter. Was sein Quartet West betrifft, so muß ich gestehen, daß ich es fälschlicherweise für ein Projekt der letzten paar Jahre hielt. Tatsächlich aber ist es eine erstaunlich alte Band für eine konstant zusammenarbeitende Jazzformation. Gegründet wurde es von Charlie 1986, weil er eine ständige Band wollte, mit der in seiner Heimatgegend an der Westküste arbeiten könnte. Das Quartett ist nicht nur in der Lage, ihm in alle musikalischen Himmelsrichtungen zu folgen, sondern hat sich auch als einzigartig beständig erwiesen: Larance Marable war fast von Beginn an der Schlagzeuger. Ernie Watts und Alan Broadbent gehörten sogar schon zur Ursprungsformation. In jüngster Zeit ist in Hadens Karriere sein Faible für Melodien und Lyrizismus zunehmend in den Vordergrund gerückt - am eindrucksvollsten zeigt sich dies vielleicht auf dem vielgepriesenen Live-Duoalbum "Night And The City", das er 1996 mit Kenny Barron einspielte.]

 

Natürlich nahm ich den Auftrag an, und ich bin außerordentlich erfreut, daß ich es tat. Dies ist Musik, die sich gut hält, die an Reichtum und emotionaler Kraft gewinnt, weil man es sich mit ihr zunehmend gemütlich macht. In den meisten Fällen ist das Material selbst alt genug, um dies schon bewiesen zu haben, und der Rest des Repertoires wird wahrscheinlich ein übriges dazu beitragen, die zugrunde liegenden Wahrheiten, die das essentielle Thema dieses Albums ausmachen, herauszustellen: daß gute Musik nicht nur ewig hält, aondern auch immer frisch klingt; daß Lyrizismus eine ihrer entscheidenden Qualitäten ist; und daß, wenn man eine erstklassige Arbeit abliefern will, es sich auszahlt, sich nur mit den besten Leuten zu umgeben.

 

In diesem Fall heißt es, daß zusätzlich zum Quartet West zwei bedeutende Gastvokalisten engagiert wurden, die "The Art Of The Song" beherrschen wie sonst niemand. Sowohl Shirley Horn als auch Bill Henderson wurde im Laufe ihrer Karrieren von Kollegen immer wieder überwältigender Respekt und Zuneigung entgegengebracht. Hier übernahmen beide, in jeweils vier Tracks, eine Schlüsselrolle bei der Demonstration, was die Kunst des Liedes für sie, aber auch für Charlie Haden bedeutet.

 

"Lonely Town" stammt aus den aufregenden 40er Jahren, als Leonard Bernstein für Broadway-Bühnen schrieb. Es mag gewagt anmuten, daß Haden das Album mit einer wirklich langsamen Ballade beginnt - wäre da nicht die Sängerin dieses Titels. Shirley Horn hat man nachgesagt, daß sie sich mit Tempi in Szene setze, die so niedrig wären, daß niemand anders mit ihnen zurechtkäme. Zwei andere der von ihr gesungenen Nummern erinnern an die großartigen Songwriter der frühen Jahre dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts: sowohl "In Love In Vain" als auch "The Folks Who Live On The Hill" sind das Werk von Jerome Kern, dem vielleicht meisterhaftesten Melodiker von allen. Und schließlich meistert Shirley mit elegantem Schwung Cy Colemans ebenso schwierigen wie wagemutigen Song "I'm Gonna Laugh You Right Out Of My Life".

 

Die unverwechselbare Stimme Bill Hendersons ist wohl selten effektvoller eingesetzt worden als auf diesem Album. Ich bin letzten Endes zu dem Urteil gekommen, daß Henderson wie eine Kreuzung zwischen einem Matinee-Idol und einem Kobold klingt - was vor allem bei dem leicht verrückten Song "Ruth's Waltz", der ersten von zwei Gemeinschaftsarbeiten von Haden (Musik) und seinem Freund Arthur Hamilton (Text), bestens paßt. Wenn man erst einmal weiß, daß "Ruth" Mrs. Haden ist, sollte es leichtfallen, Verständnis für die Rührseligkeiten von "Easy On The Heart" aufzubringen. Dann gibt es da noch die reizende Kuriosität namens "Why Did I Choose You?" - eine großartige, warmherzige Ballade aus der ansonsten vergessenen Broadway-Show "The Yearling", die im Laufe der Jahre von einer buntgemischten Truppe von Künstlern (etwa von Barbra Streisand, dem High-Society-Bandleader Peter Duchin, Janis Siegel von Manhattan Transfer, Jazzgrößen wie Kenny Burrell und Cal Tjader sowie Marvin Gaye) aufgenommen wurde. Das letzte Henderson-Feature "You My Love" stammt aus dem ansonsten eher mittelprächtigen Film "Young At Heart", der 1954 mit Frank Sinatra und Doris Day in den Hauptrollen gedreht wurde. Haden sah den Film eines Tages, verliebte sich in den Song und hat seither geduldig auf die Chance gewartet, ihn zu verwenden.

 

In instrumentaler Hinsicht stellt das Konzept für Alan Broadbent, den Pianisten und Arrangeur des Quartet West, der mit seinen Bigband-Arrangements für Woody Herman's Thundering Herd zuvor schon einige Gipfel erklommen hat, sowohl eine glänzende Gelegenheit dar als auch eine harte Herausforderung. Die Streicherpartituren, die dieser Sammlung viel von ihrem Reichtum und ihrer Tiefe verleihen, lagen in seiner Verantwortung. Zwei der Stücke entsprechen nicht gerade der Standarddefinition eines "Songs" - aber dies ist Charlies Projekt; demnach zählen hier nur seine Definitionen. Also überraschte er seinen Arrangeur mit einem ganz persönlichen "Lieblingssong", einem von Rachmaninows "Moments Musicaux". Alan revanchierte sich wiederum, indem er Charlie mit einer sehr frühen Ravel-Prelude von 1913 bekanntmachte. (Das daraus resultiernde Werk entlockt Saxophonist Ernie Watts seine besten solistischen Leistungen dieses Albums.) Es gibt auch eine Broadbent-Komposition: "Scene From A Silver Screen" beschwört Erinnerungen an die üppige Filmmusik einer romantischeren Zeit herauf. Die beiden letzten Titel sind vielleicht noch ungewöhnlicher als alle vorangegangenen. "Theme For Charlie", geschrieben von der mittlerweile verstorbenen Jeri Southern, ist ein reines Instrumentalstück, obwohl die Komponistin eine der besten jazzigen Pop-Sängerin der 50er Jahre war. Aber sie war auch eine exzellente Songschreiberin, und in späteren Jahren auch eine enge Freundin von Ruth und Charlie Haden; dieses Stück machte sie Haden Mitte der 80er Jahre zum Geschenk. Und die letzte Nummer ist, obwohl sie nicht Charlies professionelles Debüt als Sänger darstellt, seine erste öffentlich zu hörende Gesangsdarbietung seit rund 45 Jahren.

 

Tatsächlich transportiert uns "Wayfarin' Stranger" zurück zu Charlies musikalischen Ursprüngen in der Familienband der Hadens und in der "Grand Old Opry", Amerikas beliebtester Country-Music-Radioshow. Zu den engsten Freunden seiner Familie zählten Roy Acuff und die Carter Family. In der Familienband gesungen hat Charlie Haden von seinem zweiten Lebensjahr an, bis er - fünfzehnjährig - durch eine Polio-Lähmung, die seine linke Gesichtshälfte zeitweise paralysierte, die Gesangskarriere aufgeben mußte. Als er mit den Arbeiten zu diesem Album begann, erkannte Charlie, daß die Musik, mit der er aufgewachsen war, ein unbestreitbar wichtiger Teil der "Art Of The Song" in seinem Leben war. Ganz sicher gehört ein Song wie "Wayfarin' Stranger - der sowohl zur Gospel- als auch zur Folktradition der amerikanischen Musik zählt, und den seine Mutter während seiner Kindheit im Radio sang - wirklich hier her. Auch wenn Charlie behauptet, daß er ihn eigentlich "nur irgendwie erzähle", ist es sehr wirkungsvoll, ihn als passenden Abschluß dieser bemerkenswerten Platte zu haben.


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