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14.02.2001

Die Möglichkeiten winken inmitten des farbigen Lichts

Charlie Haden, Die Möglichkeiten winken inmitten des farbigen Lichts

Sehen wir den Tatsachen doch einmal ins Auge: meist ist sie ein Ort, wo die Kraft die Schönheit überholt.

All diese hoch aufragenden Vertikalen, ausstaffiert mit Reklameleuchten und häuslichen Lichtern, die allesamt hinaufreichen zum Dom des mitternächtlichen Blau, die beleuchtete, verschwenderische Leiter Manhattans zwischen seinen Flüssen - sehr beeindruckend, höchst imposant, aber hat Musik inmitten solch massiver steinerner Präsenz überhaupt eine Chance? Irgendeine Möglichkeit zu einer ruhigen Aussage hier unten im menschlichenTal oder die Gelegenheit eine Melodie zu erwischen, so wie man ein Taxi erwischen könnte, um in ihm in eine der Richtungen der Nacht zu fahren, jede mit ihrem Fenster, um darin ein schlagendes Herz zu entdecken und ein Leben, das es wert wäre, für einen Moment oder ein Jahr oder, wer weiß, noch länger hineinzuschlüpfen? Kann man eine Note vom Wellenkamm des vorbeirauschenden Moments erhaschen, so daß sie zumindest dreimal auf der Welle tanzen kann, bevor sie untergeht? Will sagen: Leben und Tod sind auf ihre Art reichlich nette Vergnügungen, aber gibt es irgendwo einen Ort, an den wir gehen könnten, um uns zu entspannen, vielleicht genügend menschliche Atmosphäre genießen können, so daß man von uns sagen kann, wir seien guter Laune?

 

Die Möglichkeiten winken inmitten des farbigen Lichts. Gedankengebäude aus Dampf steigen vom Asphalt auf und werden vom Kielwasser der Taxen weggespült, Rücklichter blinken mit endloser, unergründlicher Beharrlichkeit im Gedächtnis auf. Ein Schlot ragt wie der Schornstein eines Schiffes aus einer Baugrube heraus: eine weitere Bootsladung Seelen wird von Charon an die Gestade Lethes verfrachtet, oder vielleicht auch nur zum frühen Morgen-Express? Ist das dort unter dem Fenster einer Bank ein Knäuel ausrangierter Lumpen oder ist es ein im Schlaf kollabierter Mann, zusammengekauert in seiner eigenen Wärme wie in das letzte Refugium, das ihm die Welt zu bieten hat? Das Gesicht einer Frau streift vorbei, geschmückt mit einer grazilen Schönheit, die man hier nicht für möglich gehalten hätte. Der Wind trägt einen Fetzer Gelächter heran: gibt es wirklich noch etwas anderes nach der täglichen Prügel der Arbeit, wo - was immer wir auch tun - wir alle nur zum Himmel strebende Stapel produziert haben, die sich über uns im Verkehr und dessen Abgasen auftürmen, uns, bestenfalls, einen nervösen, gefährlichen Glanz hinterlassen, eine verschämte Romanze. Sehen Sie? Sie fühlen wieder die New Yorker Art: wenn Sie ein Ticket für diesen alten Film kaufen wollen, hätten Sie vielleicht gerne, daß es regnet, den Stadtregen, der selten einen Flecken lebendiger Erde findet, sondern nur die Rinnsteine und Kanalisationsrohre und Abwasserleitungen hinunterströmt zum Meer: diesem letzten Reiseziel...seiner Erlösung. Endlich frei, von Wellen geschluckt, eine gewölbte Weite unter dem Flutmond.

 

Okay, lassen Sie uns eines dieser alten Lieder singen: es ist eine harte, rauhe Stadt, zu schwer, um sie einfach aufzuklauben und mit ihr davonzulaufen, und auch ein bißchen zu groß, um sie mit einem Muskel - ganz gleich, welchen einem das Leben diese Woche auch gelassen hat - zu bewegen. Sollen Sie weiterhin Luckies rauchen? Wie spät ist es? In welchem Jahrzehnt sind Sie heute nacht wieder gelandet? Welcher Ihrer Namen ist der wesentlichste und welche Funktion haben Sie hier? Steht die Ampel nun auf Grün oder Rot, befinden Sie sich Uptown oder Downtown, in der wirklichen Welt oder nur in einem weiteren astralen Hirngespinst? Manche Nächte sind so verwirrend, daß man das schwer beantworten kann.

 

So daß es ein bißchen merkwürdig ist, daß es genau hier ist - unterhalb dieser aufgerichteten Steine, die letzten Endes auf ein Opfer hindeuten, und unterhalb des zerrissenen Natriumdunstes, der die Sterne trübt, von denen man sich aus menschlicher Sicht ansonsten leiten lassen würde -, sei es trotz dieser Merkwürdigkeiten oder gerade wegen ihnen, daß hier die Musik immer am hellsten gelodert hat, die Flamme stets am reinsten zu sein schien, die fantastischsten Schattierungen von Blau hatte: ein unerwarteter Segen, eine Rückzahlung, die man sich nicht verdienen kann, eine Quelle reinen Wassers in der gnadenlosen Hetze des Landes: ein Hauch von Zärtlichkeit und eine Ahnung von dem, was die wahre Illumination in dem Bild sein könnte. So könnte einen die Musik zumindest hoffen lassen. Ich sage, folgen Sie ihr, ich sage, nehmen Sie den Flyer.

 

In seiner ländlichen Kindheit, die erfüllt war von Ackerland und Familiensendungen im Radio, malte Charlie Haden in der Schule hoch aufragende Großstadtsilhouetten, wenn ihn sein Lehrer darum bat, Landschaften zu zeichnen: er hatte solche Städte nie gesehen, aber er entwarf sie unverdrossen weiter, auch wenn er darum gebeten wurde, wogende Getreidefelder zu malen, ein Silo, eine Scheune, ein kleines weißes, von Ulmen gesäumtes Haus und - oh ja - könntest du nicht noch eine freundliche gelbe Sonne in die Mitte des Himmels setzen? Und Charlie würde doch nur eine weitere Version der Nacht und der Stadt skizzieren, der Stadt und der Nacht. Vielleicht wußte er bereits, wo er hingehen würde, und was er, wenn er dort wäre, tun würde. Vielleicht hatte er einen Hauch der Zukunftsmusik vernommen, die durch die Luft an ihm vorbeirauschte. Und Kenny Barron, der aus Philadelphia stammt, ist bestens mit der Nacht und der Stadt vertraut. Wenn man diesen beiden zuhört, wenn man sich aus sich selbst oder auch nur aus seinem Fenster herauslehnt und ihnen das aufmerksamste Ohr, das man auftreiben kann, leiht, dann sieht man Barron förmlich konzentriert und inspiriert vor seinem Tasteninstrument sitzen, Haden in inniger Umarmung mit seinem Instrument, in einem Kellergeschoß im Bauch der Nacht: und wenn man noch etwas genauer hinhört - hier und da, in einem leisen Moment oder vielleicht einem besonders swingenden -, dann werden die schummrigen Lichter noch schwächer und der zum Himmel aufsteigende Dunst löst sich auf: man hört vielleicht nur, wie sie mit ihren Hüten und Frisuren an den Sternen entlangschrammen.

 

(Rafi Zabor ist Autor der Jazz-Novelle »The Bear Comes Home«)


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