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16.12.2009

TV-Tipp: Vom Jodelknirps zum Bassgiganten

Charlie Haden, TV-Tipp: Vom Jodelknirps zum Bassgiganten

Dass der Bassist Charlie Haden seine ersten, tapsigen Schritte als Künstler im zarten Alter von zwei Jahren unternommen haben soll, hielten viele lange Zeit nur für ein Gerücht. Den Beweis dafür lieferte er der Musikwelt erst im vergangenen Jahr mit der Veröffentlichung seines Familien-, Country- und Bluegrassalbums “Rambling Boy”, das nicht nur wegen einer historischen Aufnahme des zweijährigen Charlie für Schlagzeilen sorgte. Die musikalische Laufbahn, die er dann in späteren Jahren einschlug und die ihn über die Jahrzehnte hinweg mit einer schier unüberschaubaren Vielfalt von anderen Musikstilen experimentieren ließ (von lateinamerikanischer und afrikanischer Musik über Gospel und Spirituals, Folk, Pop und Rock sowie natürlich Jazz in allen möglichen Schattierungen zwischen Tradition und Moderne, Nostalgie und Avantgarde), hätte ihm damals wohl niemand prophezeit. Jetzt hat der Schweizer Filmemacher Reto Caduff den Versuch unternommen, die abwechslungs- und stationsreiche Biographie des Bassisten filmisch zu dokumentieren. Das überaus gelungene Ergebnis kann man am kommenden Samstag, dem 19. Dezember, zur besten Sendezeit um 21:45 Uhr auf 3sat bewundern. Caduff gab der Filmbiographie denseben Titel wie Haden seinem letzten Album: “Rambling Boy”.

 “Wie Bassist Charlie Hadens unwahrscheinliche Lebensgeschichte beweist, passierenjeden Tag seltsame Dinge”, schrieb Mike Joyce in der amerikanischen JazzTimes in einer Besprechung der Dokumentation. “Zwischen seinem Radiodebüt als zweijähriger ‘jodelnder Cowboy’ einer Familienband und seinem Erscheinen bei den diesjährigen Grammy-Award-Feierlichkeiten in Los Angeles - in Begleitung des Schauspielers und Schwiegersohns Jack Black - hat Charlie ein ebenso sonderbares wie erfülltes Leben gehabt. Man könnte behaupten, dass er es irgendwie geschafft habe, in sieben Dekaden den Kreis zu schließen, von seinen ländlichen Wurzeln über seine Meilensteine setzenden Free-Jazz-Kollaborationen bis zu ‘Rambling Boy’, dem gefeierten CD-Projekt, auf dem er origineller Country-Musik frönt. Aber natürlich übersieht man bei einer solchen Betrachtung eine große Anzahl von bedeutenden Zusammenarbeiten, künstlerischen Auseinandersetzungen und soziopolitischen Motiven sowie ein offenkundiges Faktum: Hadens kreatives Leben ist in konstantem Fluss.

Kein Wunder also, dass der Schweizer Filmemacher Reto Caduff von Hadens Geschichte angezogen wurde. ‘Rambling Boy’, eine 84-minütige Dokumentation, ist die willkommene Folge, ein Film, der Hadens Leben und Werk angesichts der relativ kurzen Laufzeit überraschend detailliert exploriert. Clever strukturiert und montiert, erfasst der Film Hadens gesamtes musikalischem Leben in Kapiteln, die mit Familien- und historischen Standfotos, alten Konzert- und jüngeren Studiofilmaufnahmen bebildert sind. Über die ganze Strecke verteilt gibt es zahlreiche Interviews mit Familienmitgliedern, darunter Ruth Cameron, die Ehefrau, Managerin und Koproduzentin des Bassisten. Kritiker Howard Mandel, Drehbuchautor Jay Cocks und so bedeutende Künstler wie Pat Metheny, Carla Bley, Keith Jarrett, Joe Lovano, Kenny Barron, Bruce Hornsby und Ravi Coltrane gewähren einem Einblicke, ohne einen durch Geschwätzigkeit zu ermüden, was sicher auch ein Verdienst der flotten Gangart des Films ist.

Haden selbst ist wiederum ein ziemlich passionierter Anekdotenerzähler, und Caduff erlaubt ihm klugerweise, sich ausführlich in Erinnerungen zu ergehen. Anekdoten über die ersten Begegnungen mit [Ornette] Coleman, Leonard Bernstein und Mitgliedern von Stan Kentons Band - sowie Hadens immer noch lebhafte Erinnerungen daran, wie er in Portugal inhaftiert wurde, weil er 1971 bei einem Konzert für die Befreiung Afrikas eingetreten war - helfen dabei, dieses intime Porträt noch sehr viel aufschlussreicher und unterhaltsamer zu machen.”

Besuchen Sie auch die Künstlerseite von Charlie Haden auf JazzEcho.


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