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07.07.2016

Jazz aus der Vogelperspektive - neu entdeckter Charlie Parker

Charlie Parker, Jazz aus der Vogelperspektive - neu entdeckter Charlie Parker

Jeder ernsthafte Jazzfan lebt stets in der Hoffnung nie zuvor gehörte Musik zu entdecken. Auf unveröffentlichte Aufnahmen von Legenden zu stoßen - zumal von solchen, die viel zu früh verstorben sind und nur ein überschaubares Œuvre hinterließen - ist für sie eine wahre Freude. Eine dieser Jazzlegenden, die in der Blüte ihrer Jahre aus dem Leben gerissen wurden, war Altsaxophonist Charlie"Bird" Parker. Jeder von ihm gespielte Ton schien einen auf innovative Klangabenteuer mitzunehmen. Deshalb dürfte die Doppel-CD "Unheard Bird: The Unissued Takes" Jazzliebhaber in aller Welt begeistern. Denn auf ihr erscheinen nun erstmals 58 noch nie zuvor veröffentlichte alternative und fragmentarische Studioaufnahmen von Parker. Ergänzt werden diese durch die bei denselben Sessions entstandenen jeweiligen Mastertakes, die auf den Alben"Machito Jazz With Flip & Bird","Bird & Diz","Charlie Parker With Strings","South Of The Border","Charlie Parker Big Band","The Genius Of Charlie Parker #4 - Bird And Diz" und "The Genius Of Charlie Parker #7 - Jazz Perennial" erschienen. Koproduziert wurde das Set von Jazzhistoriker Phil Schaap, der für den Begleittext zu der 1989 herausgegebenen (und, wie man jetzt weiß, doch nicht ganz kompletten) 10-CD-Box "Bird: The Complete Charlie Parker On Verve" mit einem Grammy ausgezeichnet wurde.

"Diese nie zuvor gehörten Takes sind ein Knüller", verspricht Schaap."Sie bieten einem bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Improvisationen von Bird, und dies in hoher Klangtreue." Entdeckt wurden die Aufnahmen von einem früheren Mitarbeiter von Norman Granz, dem Gründer von Verve Records und visionären Produzenten dieser Sessions. Die alternativen Takes entstanden zwischen 1949 und 1952 und ermöglichen dem Hörer Parker und Granz diskret dabei zuzuhören, wie sie an den Aufnahmen einiger der wichtigsten Jazzalben arbeiten und feilen. In seinem sehr detaillierten Begleittext zum Album versorgt einen Schaap mit Angaben zu den einzelnen Sessions und einer Analyse sämtlicher Tracks. Dabei wirft er natürlich auch ein Licht auf Birds geniale schöpferische Arbeitsweise.

Die ursprünglich für Mercury und Clef gemachten und später bei Verve erschienenen Studiokollaborationen zwischen Parker und Granz waren sorgfältig so konzipiert, dass sie Birds einzigartige Talente in unterschiedlichsten Kontexte präsentierten. Zu hören ist Parker hier u.a. mit Ensembles und Orchestern, die andere Größen wie u.a. Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Kenny Dorham, Hank Jones, Ray Brown, Buddy Rich und Max Roach beinhalten, oder als Solist von Machito und seinem Orchester. Sogar ein vorausahnender Ausflug in die musikalischen Gefilde des später so getauften Third Stream ist dabei. Außerdem enthalten die beiden CDs noch einen erst jetzt entdeckten Nachschlag zu der bereits 2015 erschienenen Doppel-CD "Charlie Parker With Strings: Deluxe Edition".

"Nach ‘Unheard Bird’ wird man die Jazzgeschichte nicht umschreiben müssen", meint Andrian Kreye ganz aktuellen in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung."Aber man erkennt an den Skizzen und Versuchen, wie Charlie Parker damals arbeitete. Und vor allem, mit welcher Geschwindigkeit er Ideen produzieren konnte, auch wenn ein barsches ‘Cut!’ aus dem Kontrollraum den Fluss jäh stoppte. Das Album hilft aber vor allem, den Mythos zu entzaubern, dass die Jazzgeschichte ein breiter Strom ausschließlich genialer Momente gewesen sei. Ein kleiner Trost für Normalsterbliche - auch Charlie Parker hat sich mal verrannt."


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