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Biografie

21.03.2012

Biografie

Als eine Art musikalisches Chamäleon hat der in Paris lebende amerikanische Jazzjournalist und Musiker Mike Zwerin Chick Corea einmal beschrieben: “Als Bandleader und Solist hat Corea zwischen elektrischen und akustischen Bands, akustischen und elektrischen Keyboards, improvisierten Solokonzerten und Post-Bop- Latin-, Elektro-Pop- und Funk-Stilen hin- und hergewechselt. Er hat auch Kinderlieder geschrieben und aufgenommen sowie Recitals klassischer Musik aufgeführt und eingespielt.”

Tatsächlich ist Corea von all den großartigen Jazzpianisten, die in den 60er und 70er Jahren zu Weltruhm aufstiegen, schon früh der vielseitigste gewesen. Auch wenn er zu manchen Experimenten, wie Miles Davis in seiner Autobiographie berichtete, erst überredet werden musste. Als dieser Corea 1968 in seine Band holte, um Herbie Hancock zu ersetzen, war der Pianist nämlich erst einmal gar nicht glücklich mit seiner Rolle: “Am Anfang war Chick sich nicht sicher, ob er das Fender überhaupt mochte, aber ich brachte ihn dazu”, erzählte Miles gewohnt bescheiden. “Es passte ihm zunächst gar nicht, dass ich ihm sein Instrument vorschrieb, bis er es schließlich draufhatte. Danach liebte er es fast und machte sich sogar einen Namen damit.” Wie zahlreichen anderen Musikern auch diente Chick Corea die zeitweilige Zugehörigkeit zur Band von Miles Davis als das große Karrieresprungbrett.

Am 12. Juni 1942 als Armando Anthony Corea in Chelsea/Massachussetts geboren, erhielt Chick schon als Vierjähriger Klavierunterricht und wurde von klein auf zum musikalischen Eklektizismus erzogen. Bereits im Kindesalter setzte er sich nicht nur mit der klassischen Musik von Beethoven und Mozart auseinander, sondern auch mit Swing, Bebop und Hard-Bop. Als große Vorbilder dienten ihm - wie auch anderen Pianisten seiner Generation - zuerst Bud Powell und Horace Silver, später vor allem Bill Evans und McCoy Tyner.

Mit 23 Jahren nahm Corea als Begleiter des Trompeters Blue Mitchell seine ersten eigenen Kompositionen auf. Oft spielte er in den frühen 60er Jahren auch mit Latin-Jazz-Größen wie Cal Tjader, Herbie Mann, Mongo Santamaria und Willie Bobo zusammen und entwickelte so recht früh sein Faible für lateinamerikanische Rhythmen. Sein erstes Album unter eigenem Namen, “Tones For Joan’s Bones”, erschien 1966 und verblüffte damals die Jazzwelt. So wie das 1968 erschienene Trio-Album “Now He Sings, Now He Sobs” galt es schon bald als absoluter Klassiker des Jazz.

1968 holte ihn dann Miles Davis als Ersatz für Herbie Hancock in seine Band und nahm mit ihm im Laufe von drei Jahren so epochale Alben wie “Filles De Kilimanjaro”, “In A Silent Way”, “Bitches Brew” und “Miles Davis At The Fillmore” auf. Nach dem Ausstieg bei Miles bildete der Pianist etwas überraschend mit Anthony Braxton, Dave Holland und Barry Altschul ein Ensemble namens Circle, das sich ganz der freien Improvisation verschrieb und ein Live-Album, “Paris Concert”, für das blutjunge ECM-Label aufnahm. Unter der Ägide des ECM-Produzenten entstanden in den frühen 70er Jahren noch weitere wegweisende Aufnahmen des Pianisten: darunter zwei Alben mit “Piano Improvisations”, das Album “Return To Forever” (das die Geburtstunde der gleichnamigen All-Star-Fusion-Band dokumentierte) und die erste Duett-Einspielung mit Gary Burton, “Crystal Silence”, der in den Jahrzehnten danach noch einige Alben folgen sollten (2012 feiern die beiden ihr 40-jähriges Jubiläum mit einem neuen Album namens “Hot House” und einer ausgedehnten Welttournee).

Mit der Ursprungsbesetzung von Return To Forever (RTF) - mit Saxophonist/Flötist Joe Farrell, Bassist Stanley Clarke, Perkussionist Airto Moreira und der Sängerin Flora Purim - spielte Corea auf “Return To Forever” und “Light As A Feather” noch von brasilianischer Rhythmik geprägten luftigen Latin-Jazz. Dann mauserte sich das Ensemble, das seit der zweiten Platte bei der Polydor unter Vertrag stand, nach einer Umbesetzung zu einer der maßgeblichen Fusion-Bands neben Joe Zawinul und Wayne Shorters Weather Report, Herbie Hancocks Headhunters, John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und Tony Williams’ Lifetime. Nachdem er RTF 1975 aufgelöst hatte, präsentierte sich Chick Corea auf seinen Alben in munterem Wechsel mit immer wieder neuen (mal akustischen, mal elektrischen) Ensembles, als Piano-Solist oder mit Duo-Partnern wie Herbie Hancock, Béla Fleck (“The Enchantment”, 2007) oder kürzlich Hiromi Uehara (“Duet”, 2009) und Stefano Bollani (“Orvieto”, 2011). Mit Bassist Eddie Gomez und Schlagzeuger Paul Motian, zwei prominenten ehemaligen Sidemen des großen Bill Evans, spielte der schier unermüdliche Corea die Evans-Hommage “Further Explorations” (2012) ein.

Gelegentlich knüpfte der Pianist bei seinen Projekten auch an alte Arbeiten an. Etwa in den frühen 1980ern, als er für zwei vielbejubelte ECM-Einspielungen (“Trio Music” und “Trio Music Live”) sein legendäres Trio mit Miroslav Vitous und Roy Haynes wiederauferstehen ließ. An seine spanischen Wurzeln, die er erstmals 1976 auf dem Doppelalbum “My Spanish Heart” so richtig offenbart hatte, erinnerte er 2006 noch einmal mit “The Ultimate Adventure” und der DVD “Live In Barcelona”. Eine Reunion mit Originalmitglieder von Return To Forever feierte er auf “Return To Forever Returns” (2009) und dem Doppelalbum “Forever” (2011). In die aufwühlende Zeit der Fusionjahre tauchte er 2009 erneut gemeinsam mit John McLaughlin und den anderen Stars der Five Peace Band ein (“Five Peace Band Live”). Für die Deutsche Grammophone nahm er zudem ein neues Werk auf, auf dem er - wieder einmal - zwischen Jazz und Klassik pendelte: “The Continents: Concerto for Jazz Quintet & Chamber Orchestra” (2012).

Auch mit seinem alten Duo-Partner Gary Burton teilte er immer wieder Bühne und Studio: 2008 nahmen die beiden zusammen “The New Crystal Silence” auf (für welches das Duo zum vierten Mal mit einem Grammy ausgezeichnet wurde) und 2012 - zum 40-jährigen Jubliäum ihrer Partnerschaft - das Album “Hot House”, auf dem sie erstmals fast ausschließlich Fremdkompositionen interpretieren.

Ein wunderbares Dokument seiner Vielseitigkeit legte Chick Corea anläßlich seines 60. Geburtstags auch mit der Doppel-Live-CD und DVD “Rendezvous In New York” vor. Ein stilistisches Chamäleon ist Corea bis heute geblieben. Und wie guter Wein ist der Pianist über die Jahre weitergereift und immer besser geworden. Ein Beleg dafür: seit dem Beginn des neuen Millenniums heimste er zehn (seiner insgesamt achtzehn) Grammys und zwei Latin-Grammys ein.