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11.02.2013

Verlockende Sirenengesänge: Chris Potters neues Album “The Sirens”

Chris Potter, Verlockende Sirenengesänge © John Rogers/ ECM Records

Der 42-jährige Chris Potter, der zuvor bereits auf mehreren ECM-Alben seines Mentors Dave Holland zu hören war und gemeinsam mit Paul Motian und Jason Moran 2009 das moderne Klassikeralbum “Lost In A Dream” einspielte, hat für “The Sirens” einen Zyklus reizvoller “Songs ohne Worte” komponiert. Die Stücke werden mit subtiler Virtuosität von einer prominent und interessant zusammengestellten Band präsentiert: Neben Potter an Tenor- und Sopransaxophon sowie an der Bassklarinette agieren hier Craig Taborn (Piano), David Virelles (präpariertes Piano, Celeste, Harmonium), Larry Grenadier (Kontrabass) und Eric Harland (Schlagzeug).

“Das ist für mich ein ungewöhnliches Album”, gesteht Chris Potter. “Da ich ein übergreifendes Thema im Kopf hatte, schaffte ich es, die gesamte Musik in ungefähr zwei Wochen zu komponieren. Ich hatte ‘Die Odyssee’ nach vielen Jahren gerade noch einmal gelesen, und dies inspirierte mich dazu, mit dieser epischen, mythischen Stimmung im Kopf Musik zu schreiben. In der ‘Odyssee’geht es ausschließlich um große Themen, die in kühnem Kontrast zu einander stehen - romantisches Abenteuer und Heimkehr, Versuchung und Identität, Leben und Tod. Doch obwohl diese Themen in diesem archetypischen Raum stattfinden, geht es stets um Dinge, mit denen wir auch heute noch konfrontiert werden. Die Geschichten stammen aus der Antike, doch die menschlichen Emotionen ändern sich nie. Deshalb erscheint uns das Buch noch heute real. Aus diesem Grund wollte ich der Musik einen Lyrizismus verleihen, der auf dieser zeitlosen, sehr menschlichen Gemütslage basiert - und es gibt nichts menschlicheres als Melodien.”

Chris Potter: Ein Musiker der Kontraste und Paradoxe

Potters Stimme ist die eine Poeten. Geschickt wägt er Licht und Schatten miteinander ab und ist vor allem immer sehr lyrisch; sei es in dem song-ähnlichen Auftakt von “Wine Dark Sea”, den er auf dem Tenorsax spielt, oder im leidenschaftlich romantischen “Penelope”, wo er zum Sopransax greift. Die Irish Times beschrieb sein Spiel einmal in paradoxer Weise: “Wenn Potter spartanisch und lakonisch ist, gibt er seinem Spiel immer einen Schuss Redseligkeit. Wenn Potter hingegen mitteilsam ist, erweist er sich zugleich als Meister der Zurückhaltung.” Der New Yorker wiederumgelangte zu folgender Erkenntnis: “Als Tenorsaxophonist, der einen an Joe Henderson im Zenit seines Könnens erinnern kann, stellt Potter seine beachtliche Technik stets in den Dienst der Musik und benutzt sie nie um des Spektakels willen.”

Auf “The Sirens” sah Potter seine Rolle darin, den “Geschichtenerzähler zu spielen. Anstatt über ein paar wirklich schwierige Changes zu spielen, wollte ich eine Stimmung erzeugen, eine Geschichte erzählen.” In Craig Taborn, David Virelles, Larry Grenadier und Eric Harland fand er die idealen Partner für seine musikalische Reise. “Dies sind einige der Musiker, mit denen ich am liebsten zusammenspiele”, sagt Chris Potter. “Sie können einfach alles auf jede nur erdenkliche Art spielen, von straight-ahead bis vollkommen frei. Und wir gehören alle derselben Generation an, haben einander beobachtet, wie wir musikalisch aufwuchsen, und teilen eine Menge derselben zeitgenössischen Einflüsse.”

Offene Formen und ausgeprägter Lyrizismus

Mit ihren offenen Formen und ihrem ausgeprägten Lyrizismus stellt Musik wie jene von “The Sirens” die Protagonisten vor nicht geringe Herausforderungen. “Man muss wissen, wann man in sie eintauchen sollte, aber auch, wann man ihr Raum lassen sollte”, sagt Chris Potter, der momentan auch Mitglied von Pat Methenys Unity Band ist. “Die Musiker müssen einerseits starke Persönlichkeiten sein, andererseits aber auch eine gewisse Reife besitzen - und deshalb ist diese Band geradezu perfekt. Diese Jungs sind absolut auf der Höhe der Zeit.”


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