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29.03.2001

"Gib dem Affen Zucker!" - Ein Interview mit Christian Thielemann

Christian Thielemann, Gib dem Affen Zucker! - Ein Interview mit Christian Thielemann

Wien, ein sonniger Sonntag über den Dächern der Donaumetropole. Kein halbes Jahr ist vergangen, seit Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker sein triumphales Konzertdebüt gab. Richard Strauss' überwältigende "Alpensinfonie" im schönsten Konzertsaal der Welt noch in guter Erinnerung, plaudert sich's noch einmal so gut, fand Andreas Kluge.

KlassikAkzente: Könnte man "Eine Alpensinfonie" von Richard Strauss als eine Art Schlusspunkt auf dem Experimentierfeld der Strauss'schen Instrumentationskunst betrachten?

 

Christian Thielemann: Unbedingt. Denn größer geht's eigentlich nicht mehr. Er kommt hier an einen Punkt, wo es im Prinzip nicht weiter geht. Auch nicht bei den Opern. Das einzige, was mir einfiele - und das sollte man eigentlich mal kontrollieren -, ist die Japanische Festmusik. Aber irgendwann hat er dann einfach aufgehört mit den symphonischen Dichtungen.

 

KlassikAkzente: Obwohl er ja in diesem Genre unglaublich erfolgreich gewesen ist.

 

Christian Thielemann: Das stimmt, aber diese symphonischen Dichtungen bei Strauss haben ja auch immer etwas Zweideutiges an sich. Mir kann doch keiner weismachen, dass es sich bei der "Alpensinfonie" nur um irgendeine Bergwanderung dreht. Nein, das ist ein ganzer Lebenszyklus, den er da in Töne gesetzt hat! Nach außen hin hat er den Leuten Natur vorgegaukelt, und heimlich, quasi zwischen den Notenlinien, hat er ganz raffiniert einen Lebenszyklus komponiert: Aus dem Urnebel kommt man, in den Urnebel kehrt man zurück. Wahnsinn!

 

KlassikAkzente: Bleibt dann nur die Frage, was er uns mit den Kuhglocken sagen wollte ...?!

 

Christian Thielemann: Ach, das darf man einfach nicht so ernst nehmen. Hier hat Strauss seinem Affen mal so richtig Zucker geben können. Und nicht nur bei den Kuhglocken, denken Sie doch bloß mal an die Windmaschine ... Nein, ich glaube, es hat ihm wirklich Spaß gemacht, aus dem Vollen zu schöpfen. Und übrigens: Es macht einen Heidenspaß, das zu dirigieren!

 

KlassikAkzente: Nun wirkt, mit Verlaub gesprochen, die Kombination Strauss - Wiener Philharmoniker - "Alpensinfonie" ein wenig plakativ.

 

Christian Thielemann: Na ja, Sie wissen doch, wie so was zustande kommt. Da werden endlose Vorgespräche geführt, Berge von Repertoire gewälzt, und am Ende steht man vor der "Alpensinfonie". Wobei ich, glaube ich zumindest, einen großen Strauss ins Gespräch gebracht hatte. Brahms, Schumann und Beethoven sollten es nicht sein, aber doch schon so etwas wie eine Visitenkarte von mir. Und da liegt ein Strauss natürlich auf der Hand. Und außerdem spielen die Wiener einen so wunderbaren Strauss!

 

KlassikAkzente: Welches Stück wäre es denn im Falle der Berliner Philharmoniker geworden?

 

Christian Thielemann: Gute Frage ... Auf jeden Fall auch etwas Großes. Vielleicht auch ein Strauss, oder auch der Schönberg, ja, Pélleas et Melisande. Auf jeden Fall irgendetwas mit großer Besetzung, wo der Dirigent zeigen kann, wie er mit Orchesterfarben umgeht. Es muss ein Stück von besonderem Wert sein, und möglichst eines, was andere aus meiner Generation nicht so häufig gemacht haben oder machen.

 

KlassikAkzente: Zurück zur "Alpensinfonie". Kann man sagen, dass Strauss das Genre der symphonischen Dichtung zu seinem Höhe- und Endpunkt geführt hat? Knapp 100 Jahre nach Berlioz' "Symphonie fantastique".

 

Christian Thielemann: Unbedingt. Sehen Sie, man muss in diesem Genre ja immer eine kleine Geschichte erzählen, so etwas wie eine short story. Und das Interessante ist doch, dass die symphonische Dichtung nach dem "Tod" der Symphonie ihre Blütezeit erlebt hat: Man möchte zwar eine Symphonie schreiben, sich dabei aber nicht an die Regeln der Symphonie halten. Sehen Sie sich Mahler an: Der hat sich am Schluss auch nur noch an die Sätze gehalten, aber das Adagio kommt dann eben zum Schluss. Und irgendwann sagt man sich doch, dass man gleich ganz auf die Form verzichten kann, oder?!

 

KlassikAkzente: Sie erwähnten es bereits: "Die Wiener spielen einen so wunderbaren Strauss." Was ist es, was das Klischee der Wiener als Strauss-Orchester ausmacht? Was haben die großen Strauss-Dirigenten wie Erich Kleiber, Clemens Krauss und natürlich Strauss selbst dem Orchester als Erbe hinterlassen?

 

Christian Thielemann: Zuallererst darf man nicht vergessen, dass die Wiener auch einen hinreißenden Mozart spielen! Und ich finde Strauss hat in seiner Feingliedrigkeit immer etwas von Mozart. Und deshalb glaube ich auch, dass der gute Strauss-Dirigent der ist, der eben nicht alles à la Wagner dirigiert. Natürlich gibt's bei Strauss die Wagner'schen Elemente, aber es gibt eben auch die leichten Elemente. Es klingt immer komisch, wenn man das sagt, und natürlich dirigiere ich die Gipfelmusik auch mit allem, was dazugehört. Aber die Wasserfälle zum Beispiel, das muss alles ganz zart und durchhörbar sein. Diese Leichtigkeit aber und die daraus folgende Präzision, die prädestinieren dieses Orchester für Strauss. Und der weiche, unaggressive Klang tut ein Übriges. Strauss ist ohnehin schon so dick instrumentiert, wenn man da noch einen harten, scharfen Klang hat, das wäre einfach zu viel des Guten.

 

KlassikAkzente: Könnte man sagen, dass die "Alpensinfonie" für die Symphonik das ist, was "Die Frau ohne Schatten" für die Oper ist?

 

Christian Thielemann: Klar. Von den Dimensionen aus gesehen kommt danach einfach nichts mehr. Mahler ist dahin gekommen, Schönberg ... Alle haben ihre Trümpfe sozusagen einmal bis zum Letzten ausgereizt. Irgendwann war man an dem Punkt, wo noch mehr Chromatik unweigerlich in die freie Tonalität geführt hätte bzw. hat, und Schönberg ist diesen Weg dann ja auch gegangen.

 

KlassikAkzente: Während Strauss auf dem Absatz kehrtmachte.

 

Christian Thielemann: Nein, ganz so kann man das eben nicht sagen! Strauss wird sich gedacht haben, ich gehe - wohlgemerkt! - ein kleines Stück zurück, bleibe süffig, garniere das Ganze hin und wieder mit einigen Schroffheiten - weswegen man ihn dann ja auch als konservativ angegriffen hat - und mache einfach so weiter wie bisher, nur viel raffinierter. Man sollte den musikhistorischen Wert eines Komponisten nicht nur danach beurteilen, ob er sich immer nach vorn orientiert hat. Man kann auch in die Tiefe oder in die Breite gehen. Und dabei hat Strauss eben so wunderbare, aufregende Musik geschrieben. Ganz in dem naiven Sinne von "aufregend schön".

 

KlassikAkzente: Vorhin sind die Stichworte schon einmal gefallen: Kuhglocken, Windmaschine ... Ist die Verwendung solcher außermusikalischer Mittel nicht letztlich die Bankrotterklärung der musikalischen Charakterisierungskunst?

 

Christian Thielemann: Bankrotterklärung ist ein hartes Wort. Natürlich ist es eine Grenzüberschreitung, um in dem Moment einen noch größeren Effekt zu erzielen. Nehmen Sie die Windmaschine. Natürlich hätte er Wind mit ganz anderen Mitteln in Klang setzen können, aber ich glaube, er hat sich einfach gesagt: Schaut her, was ich mit diesem Riesenorchester alles anstellen kann! Kuhglocken hatten wir im Konzertsaal schon, aber eine Windmaschine, dazu ein Donnerblech und als Krönung die Orgel dazu - das hat vor mir noch keiner geschafft. Nehmt das alles bloß nicht so ernst, das ist doch nur ein musikalischer Spaß. Und was für einer!

 

KlassikAkzente: Eigentlich ist diese ganze "Alpensinfonie" doch nichts anderes als ein gigantischer "Soundtrack", um mit modernem Vokabular zu sprechen.

 

Christian Thielemann: Na, dafür ist sie aber doch zu gut. Als Hintergrundmusik ist die "Alpensinfonie" einfach zu gut. Aber im Prinzip kann man dem zustimmen, denn auch der Anfang von "Also sprach Zarathustra" - das ist schon so etwas wie der Anfang des Soundtracks.

 

KlassikAkzente: Was wiederum ein seltsamer Zufall ist, denn die Entstehung der "Alpensinfonie" fällt in die Zeit um 1915/16, also die Zeit der Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm. Aber lassen Sie uns noch einmal an den Anfang zurückgehen: Wenn man Ihr Debüt mit Strauss' "Alpensinfonie" und den Wiener Philharmonikern schon als eine Art Gipfel bezeichnet, was soll, was kann dem eigentlich noch folgen?

 

Christian Thielemann: Na, zum Beispiel noch mehr Strauss!! Wenn man schon so schön mit Strauss begonnen hat?! Aber man könnte natürlich auch den großen Strauss-Antipoden Pfitzner machen, oder, was mir auch wegen der ähnlich großen Farbpalette der Klangsprache sehr gefällt, Korngold oder Schreker ... oder Zemlinsky. Ach, da bin ich um Ideen und Wünsche keineswegs verlegen!

 

KlassikAkzente: Herr Thielemann, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Spaß bei Ihren bevorstehenden Strauss-Abenteuern.


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