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29.03.2001

Alpengipfel wie Butterkipfel

Christian Thielemann, Alpengipfel wie Butterkipfel

Christian Thielemann dirigiert die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Mit den Wiener Philharmonikern geriet sie so appetitlich wie ein heißes Butterkipfel.

Christian Thielemann: Der Name ist mittlerweile Programm. Denn obwohl er beispielsweise auch mit Symphonien von Beethoven und Schumann, Mozarts "Le nozze di Figaro" oder Henzes Kleist-Oper "Der Prinz von Homburg" Erfolge feierte, haben es ihm die späten Romantiker besonders angetan. Vor allem Richard Strauss. Thielemanns Debütalbum bei der Deutschen Grammophon mit Orchestermusik aus "Capriccio", "Guntram" und "Feuersnot" bewies schnell, warum die internationalen Spitzenorchester sich um den Chefdirigenten der Deutschen Oper Berlin mittlerweile regelrechte Verpflichtungskämpfe liefern. Seit kurzem nun hat der sympathische Pultstar mit Berliner Herz und Schnauze endgültig den Dirigenten-Olymp gestürmt. Denn im Oktober des vergangenen Jahres leitete er die Wiener Philharmoniker. Und wie es sich für einen Gipfelbezwinger in österreichischen Landen ziemt, mit der passenden Musik: "Eine Alpensinfonie", natürlich von Richard Strauss.

 

In einem Glückwunschschreiben an die Wiener Philharmoniker zu ihrem 100jährigen Bestehen im Februar 1942 brachte es Richard Strauss auf den Punkt: "Eure künstlerischen Leistungen werden von den begeisterten Zuhörern der ganzen Welt bejubelt. Ich möchte mein Lob heute nur in einem kurzen Satz fassen: 'Nur wer die Wiener Philharmoniker dirigiert hat, weiß, was sie - sind!' Doch das bleibt unser eigenstes Geheimnis!" Hier irrt der Meister. Inzwischen weiß nämlich auch der Preusse Christian Thielemann, worin der Reiz des österreichischen Spitzenorchesters liegt. Und umgekehrt wissen die Philharmoniker, was sie an einem jungen Maestro haben, dessen Aufführungen von "Elektra", "Daphne", "Die Frau ohne Schatten" oder "Der Rosenkavalier" unter den Straussianern regelrechte Pilgerschaften auslösen.

 

Nun also Thielemanns DG-Debüt am Pult der Wiener mit "Eine Alpensinfonie" op. 64. Die letzte von Strauss' symphonischen Dichtungen und zugleich seine ambitionierteste: Zusätzlich zu Strauss' notorisch riesigem Orchesterapparat verlangt er für die musikalische Gipfelbesteigung eine Wind- und eine Donnermaschine, Heckelphon, Celesta sowie eine Orgel! - Strauss' polemischer Komponistenkollege Hans Pfitzner soll nach der Uraufführung zu ihm gesagt haben: "Sehr eindrucksvoll, nur bei der Gipfelbesteigung hätten Sie sich fast einen Bruch geholt." Eine Retourkutsche für Strauss' Kommentar zu Pfitzners Eingeständnis, der 2. Akt des "Palestrina" sei ihm sehr schwer gefallen: "Warum komponieren Sie ihn dann, wenn's Ihnen so schwerfällt." Dabei plagte er sich selbst mit seiner "Alpensinfonie", was ihn nämlich "noch weniger freute als Maikäfer schütteln".

Übrigens: Wer genau hinhört, entdeckt in der "Alpensinfonie" ein Thema aus Bruchs Violinkonzert op. 26. "Warum nicht? Es ist doch schön.", verteidigte Strauss den Ideenklau und meinte während einer Probe zum Orchester: "Bitte nochmal vom Bruchkonzert an!" Der Einsatz kam perfekt.


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