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Christian Thielemann BACKSTAGE EXCLUSIV

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30.04.2004

Götterdämmerung

Christian Thielemann, Götterdämmerung

In kaum einen anderen deutschen Dirigenten werden zur Zeit ähnlich viele Hoffnungen gesetzt wie in Christian Thielemann. Seit er 1991 seinen "Lohengrin" an der Deutschen Oper in Berlin vorstellte, mehren sich die Stimmen, dass endlich ein Nachfolger für die großen Pult-Gestalten des vergangenen Jahrhunderts gefunden sein könnte.

Und mit dem "Tristan" an der Wiener Staatsoper ist sich endlich die Presse einig: Thielemann ist der neue und anhaltend leuchtende Star am Opernhimmel. Mit der CD-Version dieser umjubelten Aufführungen kann nun jeder nachprüfen, wie die Kritiker zu ihrem Urteil gekommen sind.

 

In diesem Fall bietet es sich an, die anderen sprechen zu lassen. Peter Hagmann zum Beispiel schrieb über den Wiener "Tristan" in der Neuen Züricher Zeitung: "Vorab ist festzustellen, dass Thielemann bei Wagners 'Tristan' im Zentrum seiner Kompetenz agiert [...]. Enorm farbenprächtig, mit kernigen Bässen und aus einem leuchtenden Pianissimo der hohen Streicher heraus aufgebaut das Vorspiel zum ersten Aufzug, in einem großartig durchgeatmeten Spannungsbogen Isoldes 'Liebestod' am Ende". Gerhard R. Koch fügte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hinzu: "Ganz offenkundig ist die Beziehung zwischen Thielemann und den Wiener Philharmonikern so innig wie produktiv, gehen die Musiker auf seine Vorstellungen und Forderungen bereitwillig und minutiös ein. In der Tat gibt es unerhörte Klangparadiese zu bewundern, und die Reaktionsschnelligkeit, Differenzierungsvielfalt in kürzester Zeit mach immer wieder staunen [...] Thomas Moser war ein entsprechend bürgerlich gesetzter Tristan, der zum eher existentialistischen Desperado mutiert. Und klug die Ressourcen seines dunklen Tenors dosierend, bewies er, dass man auch ohne heldentenorale Force einen glaubwürdig nach innen genommenen Tristan singen kann. Deborah Voigts Isolde sang mühelos hell, während Petra Langs Biedermeier-Kapotthut-Brangäne stimmlich apart ähnlich klang. Peter Webers Kuwenal und Robert Holls Marke überzeugten auch als Typ".

 

Frederik Hanssen, der Rezensent des Berliner Tagesspiegels, empfand die Aufführung wiederum wesentlich emotionaler: "Was Thielemann im Orchestergraben veranstaltet, ist eine Sensation [...]. Die weiße Flamme, die hier glüht, ist, physikalisch gesprochen, ja noch heißer als die gelblich-rötliche, die in den bürgerlichen Kaminen züngelt. Thielemann hält gewissermaßen den Bunsenbrenner unter die Partitur [...]. Hier strahlt in gleißendem Licht die Moderne auf. Sicher, die Hauptantriebskraft bleibt die Sehnsucht, doch es steckt eine ungeheuere, kämpferische Kraft dahinter: der Wille, Konvention und gesellschaftlichen Zwang zu überwinden". Für Reinhold J. Brembeck von der Süddeutschen Zeitung hatte das Ganze gar einen surrealen Farbton: "Das Publikum jubelt dem Dirigenten zu wie einem Erlöser. Freudetrunken wird in die Hände geklatscht zur Feier des neuen Musikgottes. Dieser Publikumstriumph mit Richard Wagners 'Tristan und Isolde' in Wien ist [...] der endgültige Ritterschlag Christian Thielemanns als wahrem Bewahrer der vom Aussterben bedrohten österreichisch-deutschen Musiktradition. Der Enkel von Furtwängler, Karajan, Böhm, Krauss, Knappertsbusch ist inthronisiert". Dem ist nun noch hinzuzufügen, dass die nun vorliegende Aufnahme am 23. Mai 2003 in der Wiener Staatsoper mit dem Chor und dem Orchester des Hauses vom herausragenden Technikteam des österreichischen Radios festgehalten wurden. Ein Prunkstück jeder Sammlung.


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