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Christian Thielemann BACKSTAGE EXCLUSIV

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25.02.2005

Farbenspiel

Christian Thielemann, Farbenspiel

Anton Bruckner (1824-96) war ein geplagter Mensch. Als erklärter Verehrer der Wagnerschen Musik kam er bereits früh in die Schusslinie eines absurden Richtungsstreites von Publizisten und Kritikern unterschiedlicher Provenienz. Seine Werke wurden stellvertretend beschimpft und, weil er sich von wortgewaltigen Konservativen wie Eduard Hanslick beeindrucken ließ, mit stellenweise übelster Polemik überschüttet. Im Fall der "5.Sinfonie" führte das gar dazu, dass der Komponist selbst sein Werk nie auf der Bühne erleben konnte. Erst posthum wurde es entsprechend gewürdigt und zählt inzwischen zu den Monumenten der Konzertkultur, das von einem Dirigenten wie Christian Thielemann als Einstand seiner Arbeit als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker gewählt wurde.

Vielleicht wäre vieles anders gekommen, wenn Bruckners Vater nicht Schulmeister in der österreichischen Provinz gewesen wäre. So jedoch lernte der Bub von frühesten Jahren an zu kuschen und Autoritäten gegenüber devot zu begegnen. Obwohl Bruckner selbst vor allem durch seine Meisterschaft als Organist sich einen respektablen Platz in der k.u.k.-Gesellschaft erstritten hatte - von 1868 an war er Lehrer für Generalbass, Kontrapunkt und Orgel am Wiener Konservatorium -, schaffte er es nicht, sich gegen Beschimpfungen der niedersten Form zu wehren, wenn sie ihm im institutionellen Rahmen eines Aufsatzes oder Zeitungsartikels vorgetragen wurden. Dabei war er nur der Sündenbock, auf den konservative Kritiker einschlugen, wenn sie den wesentlich agileren Richard Wagner meinten.

 

Er musste sich daher anhören, sein Oeuvre sei "unnatürlich, aufgeblasen, krankhaft und verderblich" und fraß diese Häme in sich hinein, anstatt den Verleumdern mit aller Härte zu begegnen. Er arbeitete sogar, in manchen Lebensphasen völlig verunsichert, viele seiner Werke gleich mehrfach um, nicht immer zum wirklichen Vorteil der künstlerischen Gestalt. Mit der "5.Symphonie B-Dur" etwa begann er am 7. November 1875, während er gleichzeitig die zweite revidierte. Im Sommer des Folgejahres wohnte er den Proben und der Erstaufführung von Wagners "Ring" in Bayreuth bei, machte sich daraufhin an die Neufassung der ersten, dritten und vierten Sinfonie, während der weiterhin an der fünften laborierte. Endgültig zum Abschluss kam sie 1878, die Uraufführung der Originalfassung fand erst im Jahr 1935 durch die Münchner Philharmoniker statt. Zwischendurch wurde sie mehrfach von Dirigenten wie Franz Schalk bearbeitet, bekam je nach Deutung mal den Titel die "Mittelalterliche", die "Katholische" oder auch die "Choral-Sinfonie", wobei keine der Charakterisierungen den Punkt wirklich trifft.

So hat es mehrere Gründe, weshalb Christian Thielemann sich ausgerechnet dieses Werk als Einstand seiner neuen Amtszeit in München auswählte. Da ist zunächst die Herausforderung, der Sinfonie in der Urfassung von 1878 ein Höchstmaß an ursprünglicher Intensität abzugewinnen. Darüber hinaus spricht seine persönliche Vorliebe für dieses Sinfonie, ergo auch seine besondere Vertrautheit mit den Ausdrucksdetails der Fünften: "Ich bin ein Bruckner-Dirigent", meint Thielemann von sich selbst, "oder mit anderen Worten jemand, der sich besonders zu seinem Werk hingezogen fühlt. Ich habe lange zwischen der Fünften und der Achten geschwankt. Die Entscheidung für die Fünfte geschah letztlich aus musikalischen Erwägungen und war vollkommen emotional". Ein bisschen schwingt außerdem die spezielle Geschichte in München mit. Denn auch Thielemanns großer Vorgänger Sergiu Celibidache wählte das Werk für einen besonderen Anlass aus, als es nämlich 1985 dens neuen Konzertsaal im Gasteig einzuweihen galt.

 

Und auch er knüpfte bereits an eine lange Tradition an, die über Dirigenten wie Rudolf Kempe, Günter Wand, Oswald Kabasta oder Siegmund von Hausegger bis an den Beginn des 20.Jahrhundert zurückreicht. Die Fünfte bot daher eine besondere Gelegenheit, sich zu profilieren. Thielemann bestand die Feuertaufe am 29.Oktober 2004 mit Bravour und wurde von der internationalen Presse dafür ausführlich gefeiert. Denn er besann sich auf Maximen, die im heutigen Konzertbetrieb selten geworden sind, und setzte sie konsequent um: "Um Bruckner wirklich zu verstehen, muss man sich wohl erst einmal auf die Langsamkeit einlassen - eine Musik ist nicht im eigentlichen Sinne feurig. Für den Hörer von heute bedeutet das die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Zwangsläufig findet er dann heraus, dass diese Langsamkeit sehr wohl ein unglaubliches Feuer ist. Allerdings lodert es unter der Oberfläche. Was der einzelne dabei empfindet, kann ganz verschieden sein. Ich habe keine Botschaft, die ich meinem Publikum mit dieser Fünften Symphonie von Anton Bruckner aufdrängen will: Stellt euch dabei vor, was ihr wollt!" Bilder jedenfalls werden genug entstehen.


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