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14.02.2001

Strahlender Auftritt: Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayr, Strahlender Auftritt: Christoph Ransmayr

Seine Titel zeugen von der Liebe zum Untergang, zum Chaos, aus dem Neues entsteht. Gar nicht leichte Kost und doch hat sich der österreichische Autor Christoph Ransmayr auf die vordersten Plätze der Bestsellerlisten geschrieben.

Er war der Geheimtipp der deutschsprachigen Literaturszene. Kenner und Genießer des geschriebenen Wortes hatten hinter vorgehaltener Hand das Hohelied auf einen damals noch unbekannten Autor gesungen, der vor allem mit Zeitungsbeiträgen von längst vergessen geglaubter Sprachgewalt von sich reden machte: "Die hölzerne Madonna, die über ihren Köpfen dahintrieb, habe sich ausgenommen wie eine jener übergroßen Lasten, die Ameisen scheinbar plan- und ziellos über Hindernisse schleppen, um sie dann, immer noch ganz ohne Einsicht in die Unmöglichkeit der Anstrengung, irgendwo zurückzulassen." So las sich das 1979 in der österreichischen Zeitschrift "Extrablatt". Und diese Reportage über ein gottverlassenes italienisches Dorf namens Chiara war gezeichnet mit: Christoph Ransmayr. Es folgten Aufsätze und Reportagen für "Merian", "Die Zeit", "TransAtlantik", die "Neue Züricher Zeitung". Sein erster Roman mit dem schaurig-schönen Titel "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" brachte die deutschen Literaturbeilagen 1984 zum Jubeln: Eine "staunenswerte Sprache" feierte die "Süddeutsche", deren "traumwandlerische Sicherheit" der "Spiegel"; zum "intellektuellen Abenteuer" erklärte ihn die "FAZ", und an der "artistischen Komposition" freute sich die "Zeit". Ransmayr zog sich erschrocken in eine verdunkelte Wohnung zurück und diskutierte mit dem Vater über den "Haken an dieser Sache". Wie sollte ein zweiter Versuch jemals vor dieser Euphorie bestehen können?

 

"Die letzte Welt", sein nächster Roman, konnte. Mehr noch. Die fiktive Geschichte des Römers Ovid und seiner unsterblichen "Metamorphosen" sammelte 1988 noch mehr Lob und Anerkennung einer schnell wachsenden Anhängerschar. Die biografischen Daten hingegen beschränkten sich lange Zeit auf das Notwendigste. Noch 1995, als Ransmayr längst die höheren Weihen der internationalen Literaturkritik und Literaturpreise en masse empfangen hatte, machten sie auf den Umschlägen seiner Romane gerade einmal drei Zeilen aus: "Christoph Ransmayr, geboren 1954 in Wels/Oberösterreich, studierte in Wien und ist seit 1982 freier Schriftsteller. Zur Zeit lebt er in Dublin."

 

"... ist seit 1982 freier Schriftsteller." Genau damals war es, als Ransmayr mit seiner ersten poetischen Arbeit an die Öffentlichkeit trat: "Strahlender Untergang" nannte er seine ironische Parabel auf das Verschwinden des Herrn der Welt, des Menschen. In einem groß angelegten Experiment in der Sahara wird der Mensch, dessen neue Wissenschaft nur noch Verwüstung schafft und einzig zur Organisation des Verschwindens taugt, in einem Terrarium ausgesetzt und dem Untergang überlassen. Damit endet nach den strengen Gesetzen der Logik unter sengender Sonne das, was vor Milliarden Jahren auch unter Sonnenstrahlen begann: das organische Leben, der menschliche Auftritt. Auf DG/Literatur liest Ransmayr nun sein einstiges Debüt als "freier Schriftsteller" selbst. "Die Entdeckung des Wesentlichen" aber, so einer der beiden Untertitel, verkürzt uns die Zeit des Wartens auf den neuen Ransmayr. Der ist immerhin in Arbeit, heißt es, und wird bereits heute als Geheimtipp gehandelt. Ein typischer Ransmayr eben.


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