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19.03.2004

Polarwahn

Christoph Ransmayr, Polarwahn

Extreme fordern heraus. Das gilt für den Sport ebenso wie für die Technik, für die Liebe wie für die Literatur. Christoph Ransmayr (*1954) schickt seine Romanfigur Josef Mazzini an das Ende der Welt, an den Nordpol. Auf sich und seine Phantasie gestellt, unternimmt der Fanatiker des Eises eine Reise an die Grenzen der Wahrnehmung und der Wirklichkeit. Für die Hörbuchversion des Romans "Die Schrecken der Eises und der Finsternis" greift der Autor selbst zum Mikrofon, um mit Mazzini das Mysterium der Kälte zu ergründen.

Es war sein erster Roman und gleichzeitig der Abschied vom Journalistischen. Die Skepsis gegenüber dem zuweilen fahrlässigen Gebrauch der Sprache, den Christoph Ransmayr bei seiner bisherigen Arbeit erlebt hatte, trieb ihn dazu, sich mit größeren Textkonvoluten zu beschäftigen. Dabei wagte er den Schritt ins poetisch Ungewisse zunächst noch nicht vollständig. Denn zum einen ist "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" zwar ein Roman. Auf der anderen Seite aber arbeitet der Autor mit einer modifizierten Reportage-Technik, die die verschiedenen Wirklichkeitsebenen miteinander verschränkt und ineinander montiert. An oberster Stelle der Romanhierarchie steht ein Ich-Erzähler, ein reflexiver Kommentator der Berichte und Geschichten mit finster existentialistischer, melancholischer Grundhaltung erzählt.

 

Er erinnert sich an einen Bekannten namens Josef Mazzini, dessen Weg in die Arktis er nachverfolgt. Der wiederum ist der Nachfahre eines Matrosen der "Admiral Tegetthoff", eines Schiffes das auf der Suche nach der Nord-Ost-Passage im ewigen Eis eingeschlossen wurde. Mit dieser Expedition sind die authentischen Aufzeichnungen eines ihrer Leiter, des böhmischen Julius Ritter von Payer verknüpft, die erstens Mazzini dazu veranlasst haben, die Chronik des Scheiterns der Polarunternehmung vor Ort nachzuvollziehen, zweitens dem Erzähler den Anlass für allerlei melancholische Gedanken bieten. Er ist ein "Chronist, dem der Trost des Endes fehlt", weil zum einen Payers Entdeckungen von anderen Zeitgenossen überstrahlt wurden und der einstige Polarforscher als greiser, desillusionierter Mann im Sanatorium einen unspektakulären Tod starb. Mazzini wiederum verschwindet auf den Spuren seiner Ahnen spurlos mit seinem Hundeschlitten hinter Spitzbergen, ohne dass der Erzähler darauf Einfluss nehmen kann. So bleibt ihm am Ende des Romans nichts außer ein paar Aufzeichnungen und dem ungenügenden Gefühl des Alleinseins, das neben den Erfahrungen der anderen verblasst.

 

Ransmayr beherrscht die Kunst der Kargheit. Seine Sprache ist nüchtern und präzise. Sie verzichtet auf schmückendes Beiwerk, von ein paar Anachronismen in der Wortwahl und im Satzbau abgesehen. Man merkt ihr an, das der Autor ein Philosophiestudium ebenso wie kulturjournalistische Lehrjahre hinter sich gebracht hat. Denn von der einen Zunft hat er die Notwendigkeit der genauen Wortwahl gelernt, von der anderen die Pragmatik, bei aller Perfektion die Lesbarkeit nicht zu vergessen. Pathos in der geschriebenen Sprache liegt ihm nicht. In der gelesenen allerdings neigt er zu deutlichen Gewichtungen. Die zwei Jahrzehnte nach der Entstehung des Buches im vergangenen Herbst aufgenommene Autorenlesung bringt daher eine weitere Ebene der Interpretation ins Spiel. Ransmayr trägt langsam vor, mit sonorer Stimme und resignativem Unterton. Er setzt bedeutungsvolle Pausen, lässt die spröde Architektur der Worte wirken und schwört den Hörer auf sein Tempo ein. Das korrespondiert mit der Vorstellung der Kälte, mit den langsamen, aber stetigen Bewegungen des Eises. Der Ernst des Themas bleibt von Anfang an präsent, die Leidenschaft findet nach innen gewandt statt. So wird "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" zur emphatischen Vergegenwärtigung der Bedeutungslosigkeit des Menschen, zum Zeichen der Ohnmacht in einer Welt, die mit allen Mitteln die Autonomie des modernen Individuums behauptet.

 

Mehr Informationen zu den Hörbüchern der Deutschen Grammophon Literatur finden Sie unter: www.dg-literatur.de


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