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03.06.2015

Die Leiden des jungen Jimmy – Quadrophenia in der Orchesterfassung

"Verdammt, das rockt!" - Pete Townshend. Der Begründer der Rockoper wagt sich mit der Neuauflage des Meisterstücks "Quadrophenia" in die Klassik - und überzeugt auf ganzer Linie.

Classic Quadrophenia, Die Leiden des jungen Jimmy – Quadrophenia in der Orchesterfassung © Jill Furmanovsky

Vor fünfzig Jahren revolutionierten The Who die Popkultur. Sie gelten heute als die Pioniere von Punk und Hardrock, sind gleichzeitig die Erfinder des Powerpops, ebenso die Paten der Rockoper und des Britpops. Keine Band war auf so vielen stilistischen Ebenen so einflussreich wie Pete Townshend, Roger Daltrey, John Entwistle und Keith Moon.

Rockoper wird Film

Mit seinem sechsten Album "Quadrophenia" schlug das Quartett 1973 ein neues musikalisches Kapitel auf und setzte seinen Fans der ersten Stunde ein Denkmal, den britischen Modernists, kurz Mods: Vespa fahrende, Anzug und Parka tragende, Amphetamine schluckende Working-Class-Jugendliche, die Soul, Reggae und The Who hörten. Über den gleichnamigen Film mit Sting erreichte Quadrophenia ein Millionenpublikum. Spannend, dass Pete Townshends Magnum Opus nun in einer Orchesterfassung erscheint und mit großem Sinfonieorchester, Gesangssolisten und Chor auf die Bühne gebracht wird.

Kein Schlagzeug, keine E-Gitarre

Schon beim ersten Anhören stellt sich angenehm heraus, dass "Classic Quadrophenia" nicht in die Klassik-Rock-Schiene geraten ist. Auf ein Schlagzeug wurde wohlweislich verzichtet. Die Orchestrierung von Townshends langjähriger Vertrauter Rachel Fuller hält sich notengetreu an die sparsam instrumentierte Vorlage, und die an vielen Stellen schon im Original klassisch klingenden Songs ließen sich leicht für ein Sinfonieorchester arrangieren.

Nahtlos gelingt die Transformation ins Klassik-Genre, insbesondere beim Titelstück, das im Original progrockig, instrumental auf und ab ebbt und hier beinahe schon an Gustav Mahler anklingt. Indes, bleibt "Classic Quadrophenia" sich und seinem britischen Charme treu. Das im Original folkrockige "I´m One" schwebt im Rückenwind zärtlich gesetzter Streicher vorbei. "The Punk and The Godfather" hebt dafür quasi in die Sphäre von Star Wars ab (was halt passiert, wenn ein ganzes Orchester den rotierenden Gitarrenanschlag Townshends übernimmt). Im Finale "Love, Reign O´er Me" zeigt sich dann definitiv: Quadrophenia hat lang genug auf seine Orchesterfassung gewartet.

Der junge Mann in der Loge

Eigenen Angaben nach war Pete Townshend bereits zu seinen wilden Zeiten in den Sechzigern vom Operngenre beeinflusst. Er hatte schon damals mehr zu bieten als Drei-Akkord-Songs über jugendliche Rebellion. Über den Manager der Who hatte er freien Zugang zu einer Loge im Royal Opera House. Benjamin Brittens Peter Grimes inspirierte ihn zu Quadrophenia – ein Oeuvre der ganz großen Emotionen, ein Werk voller Frustration, Wut, Rausch, Pathos und Tragik.

Entscheidend zum Erfolg von Classic "Quadrophenia" beigetragen hat das 90-köpfige Royal Philharmonic Orchestra, unterstützt von Sängern des London Oriana Choirs, unter Leitung von Robert Ziegler: Ein junges Orchester, dessen Mitglieder mit den swingenden Rhythmen der Popmusik aufgewachsen sind, geschult durch die Einspielung diverser Filmscores. Sie sind tight wie eine Band und haben dabei die klangliche, expressive Bandbreite eines Sinfonieorchesters.

Alfie Boe als Jimmy

Das RPO wird zur perfekten Plattform für den britischen Crossover-Startenor Alfie Boe, der im Erscheinungsjahr von "Quadrophenia" zur Welt kam und hier den Protagonisten Jimmy so hingegeben singt wie zuvor den Rodolfo in La Boheme. Mit dabei ist ferner der Glamrockstar Billy Idol in der Rolle des Ace Face/Bell Boys (die er bereits 1996 auf einer Tournee von The Who hatte). Das I-Tüpfelchen setzt der Schauspieler Phil Daniels, der in der Filmversion von Quadrophenia als Jimmy auftrat und später die berühmte Cockney-Stimme auf Blurs Hit-Single "Parklife" war.

Verdammt, das rockt!

...soll der 70-jährige Townshend immer wieder bei den Aufnahmen im Studio ausgerufen haben, und der Hörer wird merken, warum. Vor fünfzig Jahren versuchten die Mods durch die Hintertür ins Establishment aufzusteigen. Heute nimmt Townshend den roten Teppich. 


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