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Curtis Stigers BACKSTAGE EXCLUSIV

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01.08.2009

Biografie

Seit fast zwei Jahrzehnten beweist Curtis Stigers auf seinen Alben immer wieder, daß die Trennlinien zwischen Jazz, Pop, Soul, Rock, Blues und sogar Country-Musik längst nicht so klar definiert sind, wie es den Anschein haben mag. Der Sänger, Saxophonist und Songwriter, der seine Karriere in den frühen 1990er Jahren mit souligen Popalben begann, hat in den letzten acht Jahren eine hervorragende Reputation als formidabler Jazzvokalist erworben. Stigers gehört zu den Sängern, die erkannt haben, daß eine gute Geschichte einen guten Song nur aufwerten kann und daß man diese Geschichten auf unzählige Arten und Weisen erzählen kann.   

“Eine der Sachen, die mir an dem, was ich mache, sehr gefällt, ist, daß ich im Gegensatz zum normalen Hörer, der einen Song nur durch eine bekannte Originalaufnahme oder das klassische Arrangement kennt, mehr aus einem Stück heraushöre und mich direkt darauf konzentrieren kann, zu entscheiden, ob ein Song großartig ist oder nicht”, erläutert Stigers.“Letztendlich braucht man nur Antworten auf ein paar simple Fragen zu finden: Ist er ehrlich? Ist er real? Ist er emotional? Wenn all diese grundlegenden Elemente vorhanden sind, dann ist es erstaunlich, wie leicht ein paar eigentlich sehr verschiedene Songs zusammenpassen können.”

Die Antworten auf diese simplen Fragen sind bei den Songs von “Lost In Dreams” jeweils eindeutig “ja”. Indem Stigers seine eigenen Kompositionen mit ein paar wohlbekannten Jazzstandards und Songs von Annie Lennox und Roger Waters mischt, erschafft er ein überraschendes Album, das in seiner Gesamtheit sicherlich noch großartiger ist als die Summe seiner Einzelteile. Die Jazzelemente, die das Album dominieren, versetzt er immer wieder mit einem großzügigen Schuß Soul, Pop, Blues und einer Reihe anderer stilistischer Schattierungen, die zu subtil und flüchtig sind, als daß man sie fassen könnte, aber auch zu clever und originell, um sie zu ignorieren.      

“Sobald ich anfing, über meine Pläne für dieses Album zu sprechen, sagten mir etliche Leute: ‘Wir finden es toll, daß du diese modernen Songs in Jazznummern verwandelst und auch wie du in dieser Hinsicht wirklich neue Maßstäbe setzt, aber es wäre absolut großartig dich einmal Standards singen zu hören”, erzählt Stigers. “So entschloß ich mich also, genau das zu tun. Und ich wollte nicht bloß ein Album mit Standards machen, sondern eines mit den naheliegendsten, abgenudelsten Standards. Ich wollte die Nummern aufnehmen, von denen ich bis dahin immer Abstand genommen hatte, weil sie sowieso schon viel zu häufig eingespielt worden waren oder aber jemand anderes bereits eine perfekte Version von ihnen aufgenommen hatte.”

Ist das Repertoire des Albums also vorhersagbar und risikofrei? Wohl kaum. Das verrät einem schon ein Blick auf die Songwriter-Liste von “Lost In Dreams”. Neben Standards wie “My Funny Valentine”, “Bye Bye Blackbird” und “In The Wee Small Hours Of The Morning” gibt es jazzige Interpretationen von Annie Lennox’ “Cold”, Ron Sexsmiths “Reason For Our Love” und John Lennons “Jealous Guy”.

“Während das Album mit den Standards immer mehr Form annahm, fiel ich wieder in meine alten Gewohnheiten zurück”, gesteht Stigers belustigt. “Ich liebe es einfach, Songs von modernen Komponisten und Sängern/Songschreibern ausfindig zu machen, bei denen noch kein anderer Künstler daran gedacht hat, sie auf eine ganz andere Art zu interpretieren - und ich tue das dann einfach. Es kommt wohl ausgesprochen selten vor, daß Leute ein Stück von John Lennon hören und sagen: ‘Hey, das könnte eine wirklich swingende Jazznummer sein,wenn man sie anders spielen würde.’”
Zwei der auf “Lost In Dreams” zu hörenden Musiker - Keyboarder Matthew Fries und Schlagzeuger Keith Hall - spielen schon seit mehr als acht Jahren konstant mit Stigers zusammen, während Bassist Cliff Schmitt ein relativer Newcomer ist. “Wir sind wirklich zu einer richtigen Band zusammengewachsen”, sagt Stigers stolz. “Und ich mag es ganz und gar nicht, wenn ich ohne diese Musiker auftreten muß. Irgendwie spielen wir einfach fabelhaft zusammen.”

Als Ersatz für seinen langjährigen Koproduzenten und Arrangeur Larry Goldings (der mit Stigers aber noch “The Dreams Of Yesterday” für dieses Album schrieb) holte sich Curtis Stigers John “Scrapper” Sneider an seine Seite. Sneider springt bei dem einen oder anderen Song auch als Trompeter, Vibraphonist oder Glockenspieler ein.

“Lost In Dreams” ist das jüngste Kapitel in einer Künstlerkarriere, die man nur als musikalische Odyssee beschreiben kann. Auf seiner abenteuerlichen Reise schlug Curtis Stigers mehr Haken als Musiker dies üblicherweise tun und setzte sich auch einigen Gefahren aus. Der in Boise/Idaho geborene und aufgewachsene Stigers lernte Klarinette und Saxophon spielen, als er die Grundschule besuchte. Beide Instrumente sensibilisierten ihn also schon in jungen Jahren für den Jazz. Als Teenager (und auch danach) spielte er oft mit dem legendären Jazzpianisten Gene Harris zusammen, der in einem Club in Boise wöchentliche Jamsessions leitete. “Ich ging normalerweise jeden Dienstagabend dort hin und jammte mit Gene”, erinnert sich Stigers. “Ich hatte damals schon eine Jazzband, mit der ich spielte, und Gene nahm uns unter seine Fittiche. Er half uns dabei, Gigs in der Stadt zu bekommen und ermunterte uns enthusiastisch dazu, weiterzuwachsen, die Musik und unsere Talente zu erkunden. Einer der Hauptgründe dafür, daß ich heute ein Jazzmusiker bin, ist, daß ich damals Saxophon und Klarinette bei Gene spielen durfte.”

In den 70er und 80er Jahren begeisterte sich Stigers allerdings genauso sehr für den Punk-Rock und die New-Wave-Klänge, die damals en vogue waren. Bands wie den Sex Pistols, The Police und The Clash schenkte er genauso viel Aufmerksamkeit wie Miles Davis, Sarah Vaughan, Dave Brubeck und anderen Jazzikonen.

So ist es nicht weiter verwunderlich, daß es zwischen dem Künstler und seiner Plattenfirma zu einigen Meinungsverschiedenheiten kam, als Curtis Stigers seine ersten Alben für Arista machte. Sein titelloses Debütalbum war 1991 ein ziemlich geradliniges Popalbum, das sich dank einiger Hit-Singles und zahlreichen Auftritten im Fernsehen weltweit 1,5 Millionen Mal verkaufte. Stigers tourte damals nicht nur mit Größen wie Eric Clapton, Elton John und Bonnie Raitt und trat in der “Tonight Show” sowie bei Letterman auf, sondern nahm auch noch eine Nummer für den unglaublich erfolgreichen Soundtrack des Whitney-Houston-Filmhits “Bodyguard” auf. Als er für sein zweites Studioalbum immer mehr Material einspielte, das in Richtung Roots-Rock tendierte, stieß er bei seiner Plattenfirma auf Widerstand. Es folgte ein drei Jahre langes Kräftemessen zwischen den beiden ungleichen Parteien. Und als das zweite Album dann endlich erschien, hatte sich die Popwelt schon weitergedreht und Stigers Platte wurde zu einem kommerziellen Flop. Als er sich dann auf seinem dritten Album dem Jazz zuwenden wollte, vergrößerte sich die Kluft zwischen Künstler und Plattenfirma noch viel mehr. Nach einigen weiteren Scharmützeln warf Stigers das Handtuch, nahm die unveröffentlichten Jazzaufnahmen an sich und kehrte Arista 1997 den Rücken.

Seine wieder erstarkte Jazzleidenschaft lebte Stigers erst einmal bei einer Reihe von Konzerten in Dänemark aus. In dem New Yorker Nachtclub The Bottom Line gab er auch ein akustisches Zwischenspiel als Sänger/Songwriter. Außerdem trat er als Gast auf Platten von Jules Shear, Julia Fordham, Al Green und Suzzy Roche in Erscheinung und bei Konzerten mit Carole King, Paul Brady und der Allman Brothers Band auf. “Ich wollte damals eine Mischung aus Loudon Wainwright und John Hiatt sein”, gesteht Curts Stigers rückblickend.

Irgendwann unterschrieb er einen neuen Plattenvertrag bei Columbia, wo er 1999 sein drittes Popalbum mit dem optimistischen Titel “Brighter Days” herausbrachte. Aber die “brighter days” sollten dann doch noch etwas auf sich warten lassen. “Ich war auf dieses Album wirklich stolz”, erzählt Stigers. “Es klang organischer, mehr wie ein rockiges Singer/Songwriter-Album. Gekauft wurde es von ungefähr acht Personen, von denen eine meine Mutter war”, witzelt der Künstler. Damit war seine Zukunft bei Columbia besiegelt. Nach nur einem Album stand er wieder vor der Tür, im Handgepäck noch immer das unveröffentlichte Jazzalbum.

Als er in den späten 90er Jahren an einigen der letzten Aufnahmesessions mitwirkte, die der mittlerweile verstorbenen Gene Harris für Concord Records machte, lernte Curtis Stigers den Produzenten John Burk kennen, der ihm anbot, das verwaiste Jazzalbum bei Concord herauszubringen. “Und das war dann schließlich der Startschuß für meine Jazzkarriere”, sagt Stigers. “Das Album nannte ich ‘Baby Plays Around’, nach einem Elvis-Costello-Stück, das sich darauf befand. Erschienen ist mein erstes Concord-Album im Jahr 2000. Aufgenommen hatte ich es schon vier Jahre früher. All die Zeit hatte es seiner Veröffentlichung geharrt, auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, darauf, daß mir endlich klar wurde, daß genau diese Musik meine eigentliche Stärke ist.”

Auf “Baby Plays Around” folgten noch vier Alben bei Concord: “Secret Heart” (2002), “You Inspire Me” (2003), “I Think It’s Going To Rain Today” (2005) und “Real Emotional” (2007). Und auf jedem Album traute sich Curtis Stigers mehr, scheinbar miteinander inkompatibles Songmaterial zusammenzubringen. Heute versteht er es wie kaum ein anderer, zum Kern der Geschichte eines Songs vorzudringen und diese in einem Jazzkontext neu zu erzählen.

Bester Beweis dafür ist das neue Album “Lost In Dreams”, das er mit “Cold” beginnt, einem Stück von Annie Lennox’ erstem Soloalbum “Diva”. “Ich habe mich gleich beim ersten Hören in dieses Stück verliebt”, sagt Stigers, der allerdings zunächst Bedenken hatte, das Album mit der Nummer zu starten. “Mir schien der Song dafür ein bißchen zu intensiv oder etwas zu aggressiv zu sein. Aber je öfter ich die Aufnahme hörte, desto mehr kam es mir so vor, als wäre das Stück der perfekte Auftakt für den Rest des Albums. Es ist so, daß in diesem Song sehr viele verschiedene Arten Musik zusammengekocht wurden. Die Nummer enthält Pop-, Soul- und Blueselemente, ist aber gleichzeitig auch eindeutig eine Jazzaufnahme.”

“You’ve Got The Fever” schrieb Stigers in Kooperation mit Tom Jensen, einem unbekannten Songwriter und Bassisten aus Boise. “Das ist der erste Song von ihm, der bei einem großen Label erscheint”, sagt Stigers. “Als ich ihn die Nummer das erste Mal mit seinem Trio spielen hörte, dachte ich: ‘Das muß irgendein bekanntes brasilianisches Stück sein.’ Aber es ist tatsächlich ein Original von Tom. Ich bin glücklich, daß mir zu der Melodie ein guter Text einfiel. Er ist sehr lustig und auch ein bißchen unanständig.”

Roger Waters’ “Vera” (von Pink Floyds bahnbrechendem 1979er Album “The Wall”) in einem Medley mit “We’ll Meet Again”, einem Standard aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, zusammenzuführen, ist weniger absurd als es auf den ersten Blick wirkt. Denn die Vera des Waters-Songs war die britische Sängerin Vera Lynn, die in den 40er Jahren mit “We’ll Meet Again” einen Erfolg hatte. Auf die Vebindung zwischen den beiden Stücken wurde Stigers erst aufmerksam, als er sich zur 1995 zur 50-Jahres-Feier des V-Day in England aufhielt. “Ich dachte mir: ‘Mein Gott, wäre das cool diese beiden Stücke zusammenzubringen’”, berichtet der Sänger. “Ich behielt die Idee im Hinterkopf und kramte sie wieder hervor, als ich mich mit Scrapper über die Songs für dieses Album unterhielt. Seine Augen leuchteten gleich auf und er sagte: ‘Das ist perfekt. Was für ein großartiger Einfall!’”

Stigers jazzig-poppige Interpretation von John Lennons “Jealous Guy” ergab sich im Studio, nachdem er mit der Band eine ganze Reihe unterschiedlicher Ansätze ausprobiert hatte. “Nach einer Weile fanden wir zu einem Groove, den man irgendwo zwischen dem Herbie Hancock der Mittsechziger und einem Popstück ansiedeln kann”, meint Stigers. “Okay, zwischen diesen beiden Stilen gibt es eine tiefe Kluft, aber irgendwie schafften wir es, sie zu überbrücken. Ich singe das Stück einfach wie ein Soulsänger, und die Band wirbelt gewissermaßen um mich herum.”
 
Das ausgelassene “Daddy’s Coming Home” schrieb Stigers (mit John “Scrapper” Sneider) für seine neunjährige Tochter Ruby. “Wir wollten, daß das Stück stimmungsmäßig nach einer wilden Party klingt”, sagt Stigers. “Durch meine Arbeit bin ich manchmal lange Zeit von Zuhause weg und sehe meine Tochter nicht. Ich wollte eine Song schreiben, um ihr zu sagen, wie sehr ich mich jedesmal freue, zu ihr nach Hause zu kommen.”

Das Album endet mit “In The Wee Small Hours Of The Morning”, einem herzzerreißenden, aber nicht tot zu kriegenden Klassiker. “Es ist ein absolut perfekter Sng”, urteilt Stigers. “Jedes einzelne Wort ist von großer Bedeutung. Jede Zeile ist ein wahrer Killer. Wenn ich Sinatras Version dieses Songs höre, bricht es mir das Herz. Das Stück wird für immer und ewig mit Sinatra assoziiert werden, aber ich habe trotzdem versucht, es mir anzueignen. Scapper schrieb mir ein wundervolles, elegantes Arrangement. Als wir das erst mal hatten, wußte ich gleich, daß wir einen Weg finden würden, damit wir uns über diese Sinatra-Geschichte keine Sorgen mehr machen müßten.”

“Was mir an meiner Arbeit so gefällt, ist, daß sie nie langweilig ist”, sagt Curtis Stigers abschließend. “Sie ändert sich ständig - von Song zu Song, von Auftritt zu Auftritt, von Album zu Album. Sie hält stets Überraschungen parat - nicht nur für das Publikum, die Kritiker, die Plattenfirma und den Verleger, sondern auch für mich. Jedesmal, wenn ich ein Lied singe, überrascht mich dabei etwas. Ich höre immer etwas neues heraus.”
08/2009


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