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13.12.2006

Starke Männer, starke Frauen

Daniel Harding, Starke Männer, starke Frauen

Es ist eines der finstersten Werke, das Mozart geschrieben hat. "Don Giovanni", der Egomane, der am Ende an seiner Selbstsucht scheitert. Es ist auch eine der erfolgreichsten und meist gespielten Opern des Komponisten und so stellt sich für einen Regisseur die Frage, wie man mit dem bekannten Material umgehen kann, ohne Topoi der Aufführungsgeschichte zu wiederholen. Martin Kušej wählte das Mittel der gezielten Reduktion und sorgte damit bei der Wiederaufnahme seiner Inszenierung während der Salzburger Festspiele 2006 für großen Applaus. Demgegenüber präsentierte sich Mozarts ernstes, oratorienartiges Frühwerk "Betulia Liberata" als konzertante Aufführung ohne Pomp, aber ebenfalls mit großer Wirkung in der Felsenreitschule. Zwei weitere Beispiele auf DVD für die Vielfalt des einmaligen "M 22"-Projektes.

Don Giovanni ist eine doppeldeutige, finstere Gestalt. Der Librettist Lorenzo Da Ponte hat ihr viele Facetten mitgegeben und Mozart verstand es mit gewohnter Raffinesse, sie musikalisch abzubilden. Vordergründig betrachtet ist der Titelheld ein Wüstling, Opportunist und Betrüger, der sich die Welt nach seinem Lustprinzip einrichtet. Testosterongesteuert hurt und rauft er sich durch seine Umwelt, ohne Rücksicht auf Verluste psychischer wie physischer Art. Er ist ein Negativ-Held, der allerdings nicht alleine steht. Denn seine Macht über die Menschen bezieht er aus deren Faszination für die Unverfrorenheit seines Lebenswegs, die ihm die Aura des Draufgängers verleiht. Ihr erliegen sowohl sein Diener Leporello wie auch all die Frauen, die er während des Zweiakters mal erobert, mal verhöhnt.

Da Ponte und Mozart haben in dieser Figurenkonstellation reichlich Kritik am ausgehenden höfischen Zeitalter versteckt, die sie allerdings nicht bis in letzter Konsequenz durchhielten. Am Ende wird die Oper moralisch, der Bösewicht wird vom steinernen Gast in die Hölle expediert, wo er fortan für seine Missetaten schmoren muss. Damit aber nicht genug. Kaum ist er verschwunden, schon finden sich die bislang Gehörnten ein und müssen feststellen, dass sie eine neue Freiheit errungen haben, die sie nun nach Belieben gestalten können. Für Martin Kušej war das jedoch ein bisschen zu viel aufgeklärte Moral und deshalb nahm er für seine 2002 verwirklichte Inszenierung im Auftrag Peter Ruzickas einige Änderungen vor. Don Giovanni agiert nicht vor historischem Ausstattungsprunk, sondern in einer raffiniert sich verändernden weißen Drehrotunde. Er wird auch nicht vom steinernen Gast in die Hölle gezerrt, sondern von Leporello (Ildebrando D'Arcangelo) erstochen. Er ist überhaupt in der Gestalt von Thomas Hampson ein attraktiver Stenz der Gegenwart, der sich glaubhaft die Herzen der Damen (Christine Schäfer als Donna Anna, Melanie Diener als Donna Elvira, Isabel Bayrakdarian als Zerlina) erschleicht, dann allerdings an seiner Umwelt scheitert, die ihn nicht länger ertragen kann. Dirigiert in flottem Tempo von Daniel Harding entstand auf diese Weise ein kurzweiliger und figurenzentrierter "Don Giovanni", der in gewohnt brillantem Surround-Sound (wahlweise PCM Stereo) nun auf 2DVD erschienen ist.

 


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