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07.10.2005

Das große Abenteuer

Daniel Kehlmann, Das große Abenteuer

In diesem Jahr bekommt der Physiker Theodor W. Hänsch den Physik-Nobelpreis überreicht. Er hat einen Messmethode für die Spektroskopie entwickelt, nach der sich Abweichungen in der Größenordnung von Zehn hoch minus 15 bestimmen lassen. Kaum zweihundert Jahre früher konnte der Mensch nicht einmal mit Sicherheit sagen, wie weit in etwa der gegenüberliegende Berg entfernt war. Messwerkzeuge und Methoden mussten erst noch erfunden werden, die die Beschleunigungsgesellschaft der Moderne ermöglichten. Daniel Kehlmann spürt romanhaft zwei der Pioniere der Raum- und Zeitbeherrschung nach und hat mit Die Vermessung der Welt eines der unterhaltsamsten Bücher dieses Herbstes geschrieben.

Der Reiz liegt in der Gegensätzlichkeit. Carl Friedrich Gauß (1777-1855) war Mathematiker. Geboren in Braunschweig, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schaffte er es durch seine außergewöhnliche gedankliche Begabung, das Interesse nicht nur seiner Familie auf sich zu lenken. Durch die Unterstützung des Herzogs konnte er studieren, kam mit den Gelehrtenkreisen in Kontakt und wurde 1807 zum Direktor der neuen Sternwarte in Göttingen ernannt. Gauß war ein Mann des Geistes, ein typischer deutscher Gelehrter in der Kant-Nachfolge, der sich sicher war, die Welt durch die Anschauung und den Verstand begreifen zu könnten. Nur selten kam er aus dem Königreich Hannover heraus, sein Ruhm mehrte sich vor allem durch theoretische Schriften zur Mathematik und der Bewegung der Himmelskörper. Alexander von Humboldt (1769-1859) hingegen war Praktiker. Aus aristokratischem Hause bekam er einen großen Teil seiner Bildung von seiner Mutter vermittelt und wurde von seinem größeren Bruder Wilhelm Zeit seines Lebens schikaniert. Fasziniert von der Erde an sich entwickelte er bald einen profunden Wissensdurst, der ihn zunächst den Bergbau erforschen ließ. Als er genug im Preußischen Staatsdienst untertage herumgekrochen war, begann er, sich mit der Erkundung der Oberfläche zu beschäftigen. Humboldt kaufte sich ein beachtliches Arsenal von Messinstrumenten, übte zunächst ein ganzes Jahr lang den Umgang damit und machte sich dann, inspiriert durch ein Treffen in Weimar mit Goethe und dem Reiseliteraten Georg Forster, auf den Weg nach Spanien.

Humboldt schaffte das Unerwartete. Er begeisterte die spanische Krone für seine Expeditionsideen und machte sich 1799 gemeinsam mit dem Arzt und Naturkundler Aimé Goujard Bonpland auf den Weg nach Amerika. Bis 1804 bereiste und vermaß er halb Süd- und Mittelamerika, schiffte den Orinoko entlang, bestieg den Vulkan Chimborazo und archivierte mit seinem Kompagnon detailversessen alles, was ihm an Naturphänomenen begegnete. Daraus wurde ein 36-bändiges Grundlagenbuch der Reise- und Forscherliteratur ("Voyages aux régions équinoxilales du Nouveau Continent"), was Humboldt weit über Spezialistenkreise hinaus bekannt machte. Der österreichische Erfolgsautor Daniel Kehlmann ("Ich und Kaminski", 2003) verfolgte biographisch beide Geistesgrößen der einsetzenden Moderne bis hin zu einem Treffen 1828 in Berlin, das sich nicht nur zu einer grotesken Begegnung zweier Sonderlinge entwickelt, sondern die Wissenschaftler sehr schnell auf den Boden der politischen Wirren im restaurativen Preußen zurückholt. "Ich empfehle Daniel Kehlmann unbedingt", meinte Chefkritiker Marcel Reich-Ranicki über Die Vermessung der Welt und präzisierte: "Intelligenz, Beobachtungsgabe und fabelhafte Dialoge!" Der Schauspieler Ulrich Matthes konzentriert sich für die Hörbuchausgabe genau auf diese Besonderheiten. Er liest Kehlmanns roman-biographische Näherungen in der Mittellage zwischen Bericht und Erzählung, schafft es, die Charaktere in ihren Eigenheiten zum Leben zu erwecken und betont durch seine pointierte Lakonik den ebenfalls mit der größtmöglichen Präzision bei gleichzeitiger Simplizität des Ausdrucks spielenden Stil des Autors. Spannend, raffiniert, ein Hör-Abenteuer.


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