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13.06.2007

Daniel Kehlmann: Die Vermessung des Geistes

Mit Daniel Kehlmann hatte niemand gerechnet. Geboren 1975 gehört er zum einen noch zur Generation der Newcomer, hat aber auf der anderen Seite mit "Ich und Kaminski" (2003) und der fiktionalen Doppelbiografie "Die Vermessung der Welt" (2005) bereits Bestseller im Rennen, die Leser und Kritiker zu Lobeshymnen anregen. Er gehört zu den Hoffnungen den poetischen Zunft in Deutschland und hat bislang alle künstlerischen Erwartungen an seine Person übertroffen. Kehlmann ist ein pointierter Schriftsteller und darüber hinaus ein raffinierter Erzähler, der es versteht, durch den Kontrast von nüchtern gesprochenem Duktus und hintergründig geschriebenem Humor seine Zuhörer zu faszinieren. Nun erscheinen zwei Autorenlesungen von Daniel Kehlmann bei DG Literatur, zum einen der Roman "Ich und Kaminski", mit dem ihm vor drei Jahren der Durchbruch gelang, auf der anderen Seite der aktuelle literarische Essay "Wo ist Carlos Montúfar?", mit dem er unter anderem die Recherchen seines Erfolgsbuchs "Die Vermessung der Welt" reflektiert.

Sebastian Zöllner ist Journalist. Durch Zufall ist er in den Beruf hineingerutscht und steht nun an dem Punkt, seiner Karriere den entscheidenden Kick geben zu müssen. Da stößt er auf Manuel Kaminski, einen von der Kunstwelt vergessenen Maler, als dessen Biograph er sich profilieren will. An sich eine gute Idee, die jedoch ihre Tücken hat. Jedenfalls macht er sich auf die Suche, findet den greisen, erblindeten Künstler und dessen harsche Tochter, die den alten Herrn bewacht. Zöllner gelingt es, die Frau aus dem Haus zu locken, und ködert Kaminski damit, dessen Jugendliebe ausfindig gemacht zu haben. Der Journalist und der schnoddrige Kunstgreis machen sich auf den Weg, der eine in der Hoffnung auf Informationen, der andere mit Abenteuern im Sinn. Die Reise allerdings endet iom Desaster. Kaminski nimmt sich reichlich Freiheiten heraus, bestellt teures Essen im Speisewagen und eine Prostituierte aufs Zimmer, mit der er sich allerdings nur unterhält. Das Auto wird gestohlen und als endlich die frühere Geliebte erreicht wird, stellt sie sich als leicht debile und schrecklich normale Rentnerin heraus, die es eines Tages einfach nicht mehr mit einem exzentrischen Maler ausgehalten hat.

Kaum etwas läuft nach Plan und als Zöllner erfährt, dass ein konkurrierender Journalist Kaminski bereits ausgiebig interviewt hat, ist das Buchprojekt endgültig gestorben. "Ich und Kaminski" ist eine augenzwinkernde Abrechnung mit dem Literaturbetrieb, die inzwischen in doppelter Ausführung bei der Deutschen Grammophon im Programm steht. Zum einen wurde der Roman vor zwei Jahren vom WDR als Hörspiel dramatisiert. Der Burgtheaterschauspieler Anian Zollner sprach den Journalisten, sein Film- und Fernsehkollege Rudolf Wessely den spitzbübischen Maler und ein gutes Dutzend weitere Stimmen besetzten die Nebenrollen. Neu ist darüber hinaus die gelesene Version von "Ich und Kaminski" durch den Autor selbst, die im Unterschied zu der theatralischen Bearbeitung weitaus nüchterner und dadurch stellenweise sprachliche pointierter als die gespielte Fassung erscheint. So ist der Hörbuchfan in diesem Fall in der seltenen Situation, sich einem literarischen Stoff von zwei Seiten nähern und auf diese Weise auch den Mechanismen des Dramatisierens auf die Spur kommen zu können.

In diesen Zusammenhang passt auch die zweite Autorenlesung, mit der Daniel Kehlmann sich in diesem Herbst seinem Publikum präsentiert. "Wo ist Carlos Montúfar?" ist eine Art Werkstattbericht, mit dem der Autor raffiniert assoziierend sich durch die Gefilde der literarischen Produktion navigiert. Man erfährt einiges über die Recherche zu "Die Vermessung der Welt" oder über Stanley Kubrick Vorstellung von manipulierter Wirklichkeit oder auch (un)poetischen Qualitäten von Tolkiens "Der Herr der Ringe". Wie schon in "Ich und Kaminski" spielt Kehlmann souverän mit den Ebenen der Fiktion, suggeriert Nähe und Einblicke in den Künstlerkopf, die jedoch für einen echten Romancier wiederum nur poetische Mittel zum Dichten der Wirklichkeit sein können. Diese Wirkung verstärkt sich noch durch die Tatsache, das Kehlmann selbst sein reflektierendes Arbeitstagebuch vorliest und auf diese Weise das Spiel mit den Ebenen der Authentizität auf die Spitze treibt. So zeigt sich einmal mehr, dass der junge Autorenstar aus München tatsächlich das Zeug hat, sich über die Anfangserfolge hinaus zur Konstante in der bundesdeutschen Literaturszene zu etablieren.

Weitere Informationen finden Sie unter www.kehlmann.com!


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