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13.01.2009

Die Kunst der Vorleser

Daniel Kehlmann, Die Kunst der Vorleser

von Daniel Kehlmann

 

In einem Zeitungsartikel wurde ich einmal als Vorleser gelobt. Der Journalist hatte mich aus einem meiner Romane lesen hören und rühmte ausdrücklich meine, wie er fand, wohlgesetzten Kunstpausen. Ein paar Tage darauf traf ich Ulrich Matthes, der das Hörbuch des Romans eingelesen hatte. Er sah mich so scharf an, wie nur er es vermag, und fragte dann kühl: „Stiehlst du meine Pausen?"

Sein Verdacht stimmte natürlich, ich hatte ihm Pausen gestohlen, und nicht nur sie: Beim Vorlesen hatte ich ihn imitiert, hatte seine Intonation und seinen Rhythmus so gut nachgemacht, wie ich es als Laie nur eben vermochte. Soviel zur Authentizität und zur Idee, man könne etwas über einen Text lernen, wenn man hört, wie dessen Autor ihn vorträgt. Seltsamerweise muß man diese Allerweltsweisheit immer noch betonen: Der Autor kennt sein Buch keineswegs am besten. Nicht nur weiß er nicht, wie dieses richtig gesprochen gehört, er kann von einem guten Schauspieler ebensoviel über seine Arbeit lernen wie von einem Literaturwissenschaftler. Das Wort „interpretieren" ist nicht ohne Grund zweideutig und steht sowohl für das Darstellen, als auch das Auslegen.

Der Roman „Ruhm" ist eine Phantasie über Zusammenhänge, ein Spiel mit Verbindungen, ein Rorschachtest, dessen Flecken keine vermeintlichen, sondern tatsächliche Muster ergeben, ein System verbundener Spiegel, in dem die gleichen Motive, Figuren und Konstellationen einander in unterschiedlicher Gestalt gegenüberstehen. Er ist auch ein Buch über das Erzählen. Der Schriftsteller Leo Richter schickt eine scharf protestierende alte Frau in den Tod; auf ihren Einwand, er könne sie doch mühelos retten, antwortet er (und natürlich mit ihm der wahre Urheber, ich), daß er sie ja nur erfunden habe, um sie sterben zu lassen. In einem anderen Kapitel geht eine in Zentralasien verlorene Krimiautorin einem ungewissen, aber sicher nicht erfreulichen Schicksal entgegen. Beide Frauen sind Spiegelbilder voneinander, aufgegeben von ihrem Schöpfer, oder richtiger: von ihm nur geschaffen, um dann aufgegeben zu werden. Leo Richters Geliebte Elisabeth möchte nicht in einer seiner Erzählungen vorkommen und begreift erst, als sie dem eigenen fiktionalisierten Abbild gegenübersteht, daß sie lange schon in einer Erzählung eingesperrt ist und am Ende ebenso ohne die Gnade von deren Erfinder wird zurechtkommen müssen wie jede andere Figur: „Allerdings, wenn dies eine Geschichte war, so würde etwas passieren und es würde schwer werden, und wenn es nicht schwer werden würde, dann war es keine Geschichte." Der bedauernswerte Blogger Mollwitz hingegen hätte nichts lieber als zur literarischen Figur erhoben zu werden, und verfolgt Leo Richter mit aller Zudringlichkeit, damit dieser ihn endlich bemerken und in Kunst verwandeln möge. Doch es gelingt nicht, und am Ende steht er vor der Erkenntnis: „Ich werde nie in einer Geschichte vorkommen." Womit er natürlich unrecht hat.

Die Kurzgeschichte ist die ursprünglichste aller Prosaformen, und der mündliche Vortrag ist ihr seit Alters her, seit den Lagerfeuern und den kalten Winterabenden, am gemäßesten. Ein klarer Anfang und ein Ende, zwischen denen sich ein Bogen aufspannt, dessen Dauer nicht viel mehr als eine halbe Stunde währt: Das eignet sich besser zum Vorlesen als ein Ausschnitt aus einem Roman, oder dessen zurechtgekürzte Fassung. Wenn Nina Hoss und Ulrich Matthes diese in sich abgeschlossenen und doch ein zusammenhängendes Ganzes bildenden Geschichten nun durch ihren Vortrag zum Leben erwecken, bekommen diese auch für mich etwas Objektives, ich kann ihnen lauschen, als hätte sie ein anderer erdacht, und warte gespannt, was als nächstes passieren und wie es wohl enden mag. Daß ich sie einst erfunden habe, heißt noch lange nicht, daß ich das wüßte, während ich zuhöre. So groß ist die Kraft der Suggestion, die Kunst der Vorleser.

 

 


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