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06.10.2016

Ein Dämon voller Zartheit – Daniil Trifonov spielt Liszt

Martha Argerich findet in seinem Spiel "Zartheit und auch das dämonische Element". Jetzt veröffentlicht die Deutsche Grammophon mit dem jungen Russen ihre erste Gesamteinspielung von Liszts Konzertetüden.

Daniil Trifonov, Ein Dämon voller Zartheit – Daniil Trifonov spielt Liszt © Dario Acosta / DG

Unter den Komponisten des 19. Jahrhunderts gehörte Franz Liszt zu den schillerndsten Persönlichkeiten. Er war Exzentriker und Frauenschwarm, Intellektueller, Geistlicher, Kosmopolit und Vielreisender, Unternehmer und Entertainer, ein virtuoser Pianist, der Konzertsäle füllte, ein Pädagoge und ein Komponist, der eine Vielzahl von Werken unterschiedlichster Gattung schuf. „Er war ein Phänomen“, stellt Daniil Trifonov resümierend fest. Der 25-jährige Russe hat sein neues Album Transcendental mit Liszts Konzertetüden seinem berühmten Vorgänger gewidmet. "Liszt hat die Art, wie Musik gehört und aufgeführt wurde, nachhaltig verändert; er erweiterte das Ausdrucksspektrum der Musik und schuf ein vollkommen neues Künstlerbild. Er war unser aller Vorvater."

Liszt führte die Tradition der Konzertetüde für das Klavier fort, die durch seinen Kollegen Frédéric Chopin buchstäblich salonfähig gemacht worden war, zuvor wurden Klavieretüden von Komponisten wie Czerny, Clementi oder Cramer lediglich als Übungsstücke publiziert, die nicht für den öffentlichen Vortrag bestimmt waren.

Programmmusik

In Liszts Schaffen nehmen die Études d’exécution transcendante S 139 (1852) einen zentralen Platz ein, gehören sie doch zu den vielschichtigsten virtuosen Klavierzyklen des 19. Jahrhunderts. Auch wenn es sich um technisch außerordentlich fordernde Kompositionen handelt, liegt beinahe jeder Etüde eine poetische Idee oder sogar ein außermusikalisches Programm zugrunde. Um dies angemessen zum Klingen zu bringen, bedarf es schon eines Weltklasseinterpreten wie Trifonov, der nicht nur die vertracktesten Schwierigkeiten mühelos bewältigt, sondern auch die vielfältigen Charaktere in den Stücken plastisch auszumodellieren vermag. Selten hört man in der Etüde Nr. 4 "Mazeppa" das Pferd so temperamentvoll galoppieren wie unter Trifonov Händen, und die flirrende Leichtigkeit, mit der der 25-Jährige die Irrlichter in der Nr. 5 "Feux Follets" tanzen lässt, erinnert an Pianolegenden wie Ashkenazy oder Horowitz.

Himmlische Glöckchen

Eine Hommage an Liszts größtes Vorbild sind die sechs Grandes Études de Paganini S 141 (1851). Sie basieren auf Themen von berühmten Violinwerken des italienischen Meistergeigers und -Komponisten und wurden von Liszt in genialer Weise für das Klavier bearbeitet, wie Trifonov erklärt: "Liszt zollt Paganini großen Tribut, denn er durchdenkt sein melodisches Material und betrachtet es aus der Struktur heraus neu." Auch in diesem Zyklus fasziniert das russische Klaviergenie: Wie von Engeln intoniert klingeln die goldenen Glöckchen in der berühmten "Campanella", und mit atemberaubender Brillanz stürzt sich der Vollblutvirtuose in die Oktavenlandschaft der Etüde Nr. 6, die auf Paganinis berühmter 24. Caprice fußt.

Arien und Gemälde

Die Drei Konzertetüden S 144 (1849) versteht Daniil Trifonov als "Arien": "Il lamento" , "La leggierezza"  und "Un sospiro"  sind Liszts Hommage an sein geliebtes Italien, an die Sprache der Oper, hier kommen Qualitäten des Klaviers als singendes Instrument zum Vorschein", schwärmt Trifonov und zeigt in seiner Einspielung, dass er so gut auf dem Klavier zu singen weiß wie kaum ein anderer Pianist seiner Generation. Im Gegensatz dazu sieht der russische Pianostar bei Liszts letzten Etüden, den Zwei Konzertstudien S 145 (1862-63) "Waldesrauschen" und "Gnomenreigen", eher Parallelen zur Bildenden Kunst. "Es sind keine beschreibenden, sondern malerische, stimmungsvolle Werke, wie die Gemälde von Caspar David Friedrich".

Liszts Konzertetüden spiegeln in ihrer musikalischen Fülle die vielfältigen Lebenserfahrungen und die Komplexität von seiner Persönlichkeit wider. Zeit seines Lebens hatte Liszt das Verlangen, die musikalischen Mittel zur Ausdeutung der menschlichen Seele und den Urkräften der Natur stetig weiterzuentwickeln. "Ein Verlangen", resümiert Trifonov, "das wie ein Urtrieb im Kern unserer Entwicklung als kreative Geschöpfe wirkt".


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