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28.03.2002

Dee Dee Bridgewater: This Is New

Dee Dee Bridgewater, Dee Dee Bridgewater: This Is New

Sie begann ihre Karriere als Jazzsängerin, avancierte danach zum Broadway-Starlet, wagte in den 70ern ein Zwischenspiel als Disco-Diva und gilt heute, nach ihrer Rückkehr zum Jazz, als eine der ganz wenigen Vokalistinnen, die verstorbenen Legenden wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Sarah Vaughan das Wasser reichen kann.

Die Rede ist natürlich von Dee Dee Bridgewater, deren Name spätestens seit ihrer Aufsehen erregenden Ella Fitzgerald-Hommage "Dear Ella" von 1997 in aller Munde ist. Mit "This Is New", einer Hommage an den deutschen Komponisten Kurt Weill, präsentiert Dee Dee nun ihr erstes Studioalbum seit dem Bestseller "Dear Ella".

 

Für diejenigen, die den Werdegang der Sängerin über die Jahrzehnte verfolgt haben, sollte es keine große Überraschung sein, daß es Dee Dee Bridgewater in den Fingern oder besser Stimmbändern kribbelte, sich einmal intensiv mit den Arbeiten von Kurt Weill auseinanderzusetzen. Auf "Dear Ella" hatte sie mit der sogar in Deutsch gesungenen "Moritat von Mackie Messer" schon eine kleine Kostprobe aus den Werken Weills gegeben.

 

Die Kompositionen Kurt Weills waren bei Jazzern zwar nie so populär wie die von George Gershwin oder Cole Porter, dennoch gelang es einigen Stücken - allen voran natürlich "Mack The Knife" - Eingang ins "Great American Songbook" der Jazzmusiker zu finden. Interpretiert wurden die Titel u.a. von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Tony Bennett, Louis Armstrong, Nina Simone, Betty Carter, Charlie Haden und John Zorn. Aber auch Popkünstler wie Sting, Lou Reed, Elvis Costello, PJ Harvey, Nick Cave, Liza Minnelli, Bette Midler, Helen Schneider und die Brasilianerin Marisa Monte überraschten schon mit weillschem Liedgut. Die wohl ambitioniertesten Auseinandersetzungen mit dessen kompositorischem Werk präsentierte der eigenwillige Produzent Hal Willner 1985 auf dem Album "Lost In The Stars - Tribute To Kurt Weill". Dee Dee Bridgewaters Herangehensweise an die Stücke, die Weill in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfaßte, ist da natürlich ein wenig konventioneller.

 

Wie Dee Dee Bridgewater war auch der aus Dessau stammende Komponist, der 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung aus Berlin in die USA fliehen mußte, ein großer Verehrer des Musiktheaters. Sein uvre umfaßt u.a 28 Opern, Operetten, Musicals und Singspiele, vier Filmmusiken und 16 Arbeiten für Theater und Radio.

 

Die Stücke, die Dee Dee für das Repertoire von "This Is New" auswählte, stammen bis auf eines - den für Gesangsstimme und Piano geschriebenen Tango Habanera "Youkali" - aus meist sehr erfolgreichen Broadway-Musicals wie "Lady In The Dark" ("This Is New", "My Ship" und "The Saga Of Jenny"), "Lost In The Stars" ("Lost In The Stars"), "Happy End" ("Bilbao Song"), "One Touch Of Venus" ("I'm A Stranger Here Myself" und "Speak Low"), "Knickerbocker Holiday" ("September Song") und "Love Life" ("Here I'll Stay") sowie den beiden Opern "Rise And Fall Of The City Of Mahagonny / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" ("Alabama Song") und " The Threepenny Opera / Die Dreigroschenoper"("Mack The Knife"). Natürlich geben all diese Songs der bühnenerfahrenen Interpretin eine exzellente Gelegenheit, wieder einmal ihr dramatisches Talent unter Beweis zu stellen.

 

Neben ihrer Liebe zum Musiktheater haben Dee Dee Bridgewater und Kurt Weill aber noch etwas anders miteinander gemein: Beide verfüg(t)en über die Fähigkeit, sich dem Geschmack des Publikums anzupassen, ohne sich gleich bei ihm anzubiedern und Abstriche in qualitativer Hinsicht zu machen. "Ich mag seine Musik wegen ihrer dramatischen Qualitäten", meint Dee Dee. "Ich finde, Kurt Weill war eklektisch, und ich bin es ja auch. Ich wollte mich außerdem mit jemandem beschäftigen, dessen Werk über den Jazzhorizont hinausgeht."

 

Begonnen hat Dee Dee Bridgewater ihre eklektische Karriere in den frühen 70er Jahren an der Seite von Größen wie Max Roach, Pharoah Sanders, Roland Kirk, Roy Ayers, Frank Foster, Stanley Clarke, Heiner Stadler und Norman Connors sowie als Sängerin der Thad Jones/Mel Lewis Big Band. Ihre Vielseitigkeit stellte sie also gleich in den ersten Karrierejahren ausdrucksvoll unter Beweis.

 

1974 bekam sie die Chance, im Broadway-Stück "The Wiz" in die Rolle der Glinda zu schlüpfen. Ihre begeisternde Darstellung in dem erfolgreichen Musical brachte Dee Dee den begehrten Tony Award ein und gab der kurz zuvor gestarteten Solokarriere mächtigen Anschub. Allerdings wendete sie sich musikalisch schon bald darauf vom Jazz ab, um sich vorübergehend ganz der seinerzeit boomenden Funk- und Disco-Musik zu verschreiben.

 

Die Rückkehr zum Jazz bahnte sich erst an, als Dee Dee Bridgewater 1984 in Paris in dem Musical "Sophisticated Ladies" auftrat und das dortige Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriß. Die Amerikanerin verliebte sich in die Franzosen und beschloß, sich in Paris niederzulassen. Schnell besaß sie eine Reputation, die nur mit der zu vergleichen ist, die Josephine Baker dort Jahrzehnte zuvor genossen hatte.

 

"Live In Paris" und "Victim Of Love", die beiden ersten Alben, die sie in ihrer neuen Heimat aufnahm, brachten ihr gleich zwei Grammy-Nominierungen ein. Die beiden Alben wurden erst kürzlich zusammen mit dem 1990er Live-Album "In Montreux" wiederveröffentlicht. Mit "Keeping Tradition" und "Love And Peace: A Tribute To Horace Silver" folgten 1992 und 1994 weitere Veröffentlichungen, die Dee Dee Bridgewaters Ruf, eine der letzten wirklich großen Jazzsängerinnen zu sein, immer stärker untermauerten.

 

Hervorragende Kritiken erntete sie auch für ihre Verkörperung von Billie Holiday in Stephen Stahls Stück "Lady Day" (für die sie als beste Schauspielerin für den Laurence Olivier Award nominiert wurde), George Gruntz? Oper "Cosmopolitan Greetings" sowie Jérôme Savarys "Cabaret".

 

1997 erschien dann schließlich Dee Dee Bridgewaters mit zwei Grammys ausgezeichnetes Meisterwerk "Dear Ella", dem drei Jahre später das Album "Live At Yoshi's" folgte, das als Nachtrag zu ihrer Ella-Hommage betrachtet werden durfte. Mit "This Is New" möchte Dee Dee Bridgewater ihre Ella-Periode, wie sie es nennt, abschließen und gleichzeitig etwas ganz anderes machen.

 

"Dieses Album ist mein Versuch, nahtlos aus meiner 'Ella-Periode' hinauszuschlüpfen", erläutert Dee Dee. " Ich wollte Musik, der ich meinen ganz persönlichen Stempel aufdrücken konnte. Gleichzeitig dachte ich mir aber auch: Wenn ich mich auf einen einzigen Komponisten konzentriere, dann kann das Publikum sagen: ?Oh, sie hat ein Songbook-Album gemacht, so wie früher Ella."

 

"Ich habe mich bemüht, Weills Musik etwas zugänglicher zu machen", erläutert sie. "Der rhythmische Einschlag des Albums ist auf meine Faszination für Weltmusik zurückzuführen. Kurt Weills Musik wird ja oft als dunkel und schwerblütig empfunden. Ich hoffe, es ist mir gelungen, sie von einer leichteren und humorvolleren Seite zu zeigen. Denn sie ist romantisch und bewegend."

 

Für die Einspielung von "This Is New" kehrte Dee Dee, die mittlerweile wieder in den USA lebt, nach Paris zurück, genauer gesagt: in das Studio, in dem sie in den 80ern ihre beiden ersten Verve-Studioalben aufnahm.

 

Bis auf zwei Stücke wurden alle Arrangements von Dee Dees Ex-Ehemann Cecil Bridgewater geschrieben, mit dem sie - auch viele Jahre nach der Scheidung - noch eine enge Freundschaft verbindet. Begleiten ließ sich die Sängerin einmal mehr von ihren langjährigen französischen Partnern, dem Pianisten/Organisten Thierry Eliez, der auch "Lost In The Stars" und "This Is New" für das Album arrangierte, und Schlagzeuger André "DéDé" Ceccarelli, den sie als ihre "musikalische Leitkraft" bezeichnet.


Dazu gesellen sich noch der aus Marseille stammende Gitarrist Louis Winsberg, der manchen Stücken ein Flamenco- und Bolero-Flair gibt, der amerikanische Bassist Ira Coleman, der argentinische Perkussionist Minino Garay sowie ein Bläserensemble, bestehend aus Daniele Scannapieco (Altsax), Nicolas Folmer (Trompete) und Denis LeLoup (Posaune). Als Gäste präsentiert Dee Dee Bridgewater den Altsaxophonisten/Flötisten Antonio Hart und den in Frankreich lebenden argentinische Bandoneon-Virtuosen Juan José Mosalini, der dem einzigen in Französisch gesungenen Song dieses Albums (dem Tango Habanera "Youkali") mit authentischen Tangoklängen eine besondere Note verleiht.

 

"Ich habe nie einen Unterschied zwischen 'seriöser' und 'leichter' Musik gemacht", hat der 1950 verstorbene Kurt Weill einmal gesagt. "Für mich gibt es nur gute Musik und schlechte Musik." Und Dee Dee Bridgewaters Interpretationen seiner Stücke hätte der Urheber ganz sicher der ersten Kategorie zugerechnet.

 

Musiker: Dee Dee Bridgewater - vocals / Thierry Eliez - piano, Hammond B3 organ & arrangements ("Lost In The Stars" & "This Is New") / Louis Winsberg - guitars / Ira Coleman - bass / André Ceccarelli - drums / Minino Garay - percussion / Daniele Scannapieco - alto sax / Nicolas Folmer - trumpet / Denis LeLoup - trombone / Bernard Arcadio - string arrangements ("Speak Low" & "My Ship") / Cecil Bridgewater - arrangements (all songs except "Lost In The Stars" & "This Is New")

 

Songs: This Is New / Lost In The Stars / Bilbao Song / My Ship / Alabama Song / The Saga Of Jenny / Youkali / I'm A Stranger Here Myself / Speak Low / September Song / Here I'll Stay / Mack The Knife (Wacky Version)


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