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25.03.2009

Diana Krall - Quiet Nights

Diana Krall, Diana Krall - Quiet Nights

Es gibt Musik, die scheint eigens dazu erschaffen worden zu sein, romantische Szenen zu untermalen: etwa ein Kerzenlicht-Dinner in einem feinen Restaurant oder einen Spaziergang an einem mondbeschienenen Strand. Die Musik von Diana Kralls zwölftem Album "Quiet Nights" gehört nicht zu dieser Gattung. Die preisgekrönte Pianistin und Sängerin möchte die Menschen mit den sehr brasilianisch getönten Klängen ihres neuen Albums vielmehr dazu verleiten, einen Abend in trauter Zweisamkeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen.

"Es ist kein kokettes Album. Es ist nicht so mädchenhaft keck wie ‘Peel Me A Grape'. Mir kommt das Album sehr fraulich vor - die Musik ist wie die zärtlichen Worte, die man seinem Lover ins Ohr flüstert, wenn man sich mit ihm auf dem Bett rumlümmelt."

Diana Krall macht keine Scherze. Die zehn Songs von "Quiet Nights" - angefangen bei der erfrischenden Version von "Where Or When" bis hin zu der vollkommen seelenbesänftigenden Interpretation von "You're My Thrill" - sind in ihrer Intimität geradezu entwaffnend. Selbst die Musikfans, die mit dem rauchigen Gesang und der rhythmischen Beschwingtheit in Kralls Musik schon vertraut sind (und das sind mittlerweile einige Millionen), werden erstaunt sein, wie zielstrebig die Künstlerin die Musik hier ins Reich der süßen totalen Hingabe drängt. "Es ist eine sinnliche, geradewegs erotische Platte geworden", bekennt Krall. "Und genau so wollte ich sie auch haben."

Und daß sie so geworden ist, liegt nicht nur an Diana Krall. Die Sängerin gibt unumwunden zu, daß ihr Team - ihr loyales Quartett, Produzenten-As Tommy LiPuma, Toningenieur Al Schmitt und der legendäre Arrangeur Claus Ogerman - sehr viel zur verführerischen Kraft von "Quiet Nights" beigesteuert hat. Aber die Aufnahmen offenbaren auch eine tiefere, greifbarere Reife der Künstlerin. "Die meisten Stücke dieses Albums habe ich im ersten oder zweiten Anlauf eingesungen und eingespielt. ‘You're My Thrill' etwa entstand im zweiten Anlauf und ‘Too Marvelous' gleich im ersten."

"Sie besitzt heute vollkommene Reife", sagt Tommy LiPuma, der es wissen muß, arbeitete er doch mit Krall das erste Mal vor beinahe fünfzehn Jahren. "Sie singt nicht mehr wie eine konventionelle Sängerin, sondern geht die vokale Phrasierung sehr viel mehr wie ein Instrumentalist an. Das merkt man daran, wie sie die Lyrics interpretiert, und auch am Timbre ihrer Stimme, das sehr viel gedeckter ist, so wie bei Peggy Lee in ihrer späteren Periode." "Ich wollte nicht zu angestrengt singen - sehr stark beeinflußt wurde ich auch von Julie London", gesteht Diana Krall, merkt aber gleich noch an, daß sie solche Einflüsse nicht immer bewußt aufgreift. "Es hat sich hier einfach so ergeben."

Daß Kralls neues Album so betont "brasilianisch" geriet, hat sich natürlich nicht einfach so ergeben, scheint aber nur ein logischer Schritt zu sein. "Sie hat für diese Musik schon seit langem sehr viel übrig", merkt LiPuma an. "Als wir ‘The Look Of Love' aufnahmen, haben wir uns sehr weit in Richtung Bossa Nova gelehnt. Auf ‘Quiet Nights' wird diese Musik nun wirklich gefeiert. Diana singt drei brasilianische Klassiker, vier Standards, die sie rhythmisch in Bossas transformiert hat, und drei Balladen. Von den zehn Songs dieses Albums sind also im Prinzip sieben Bossa Novas."

"Zu dieser Platte wurde ich durch meinen letztjährigen Trip nach Brasilien inspiriert," verrät Diana Krall, die Ende Oktober 2008 wieder Rio de Janeiro war, um dort ein Konzert für eine kommende DVD zu geben. "Ich stellte fest, daß man dort überall noch immer die Klänge von Jobim und der Bossa Nova hören kann."

Und diese Bossa Nova feierte letztes Jahr bekanntlich ihr 50. Jubiläum. Ein Grund mehr für Diana Krall, sich ihr einmal mit ganzem Herzen zu widmen. Die drei brasilianischen Klassiker, die Krall für das Repertoire dieses Albums auswählte, stammen von den beiden Vätern dieser Musik: Antônio Carlos Jobim (der "Quiet Nights" und "The Girl From Ipanema" komponierte) und João Gilberto (aus dessen Feder "Este seu olhar" stammt). "Es sind brasilianische Standards - selbst die Kinder kennen all ihre Songs", sagt Krall. "Als ich beim Konzert anfing ‘Este seu olhar' zu singen, stimmte gleich das ganze Publikum mit ein - wie ein Chor! Das steckt ihnen einfach im Blut."

Claus Ogerman war als Arrangeur an der Aufnahme zahlreicher früher Bossa-Nova-Klassiker beteiligt: er arbeitete mit Jobim und Gilberto zusammen sowie auch mit Frank Sinatra, Stan Getz und Bill Evans an deren Bossa-Alben. Daß Ogerman, der in München im Quasi-Ruhestand lebt, für die Mitarbeit an "Quiet Nights" gewonnen werden konnte, sagt viel darüber aus, welchen Respekt er Diana Krall entgegenbringt und wieviel Freude ihm die erste Zusammenarbeit mit ihr bereitet hatte. 

"Ich glaube, Claus hat sich gleich bei der ersten Begegnung mit Diana in sie ‘verschossen'", sagt LiPuma, der die beiden im Jahr 2000 zusammenbrachte. "Er hatte sich schon damals weitgehend zurückgezogen und widmete sich eigentlich ganz dem Komponieren seiner eigenen Klavier- und Violinen-Concerti. Projekte mit anderen Musikern lehnte er ab. Ich hatte mit Claus seit den frühen 70er immer wieder zusammengearbeitet - bei seinen eigenen Platten, bei Aufnahmen mit Hank Jones und Michael Brecker und 1977 bei dem João-Gilberto-Album ‘Amoroso', das übrigens auch eines von Dianas Lieblingsalben ist. Noch heute sagt Claus, daß ‘The Look Of Love' vielleicht das beste Album ist, an dem er je mitgewirkt hat. Er weiß also sehr genau, wozu sie fähig ist."

Ogermans Arrangements sind eines der definierenden Elemente von "Quiet Nights". Sie verleihen der Stimmung und dem lässigen Fluß der Musik ein erstaunliches Level an Sophistication. Ogermans große Herausforderung war, für diese bekannten Stücke eine frische Herangehensweise zu finden, die einen aufhorchen läßt. "Claus hatte schon viele dieser Stücke für Aufnahmesessions arrangiert", erzählt LiPuma. "Aber meist ist er sie dabei ganz anders angegangen. Hier betonte er oft - wie etwa bei ‘Quiet Nights' - die etwas dunklere Seite der Songs, verwendet verstärkt Moll-Akkorde. Diana vertraut ihm vollkommen und gewährte ihm absolute Handlungsfreiheit."

Krall muß lachen, wenn sie darauf zu sprechen kommt, wie Ogerman im Scherz seine eigene Arbeit immer herunterspielt. "Claus sagte mir: ‘Es ist eine düstere Streicherorgie!' - er hat einen wahren Sinn für staubtrockenen Humor. Oft meinte er auch: ‘Ich habe solche Sachen schon hundert Mal geschrieben, jetzt werde ich mal etwas wirklich Verrücktes machen.' Und einige der Arrangements sind tatsächlich ziemlich wild geworden."

"Als wir ‘Walk On By' aufnahmen, meinte er: ‘Ja, ich denke, das wird gut werden.' Und als wir uns dann anhörten, wie diese Waldhörner Burt Bacharachs Melodie spielten, schmolzen wir alle förmlich dahin. Es gibt viele Passagen, wo allein das Orchester spielt. Es erinnert an Ravels ‘Bolero' und es war einfach so schön, daß ich es nicht mit einem Jazzsolo überfrachten wollte. Ich lehnte es ab, an einigen Stellen Klavier zu spielen, weil ich Raum schaffen und die Arrangements für sich selbst sprechen lassen wollte." Um aber auch die Ansprüche ihres Jazzpublikums vollkommen zu befriedigen, spielte Krall das Fundament der Stücke von "Quiet Nights" stets mit ihren etablierten Quartett-Partnern ein: mit Gitarrist Anthony Wilson, Bassist John Clayton und Schlagzeuger Jeff Hamilton.

"Ich vertraue Claus blind. Wir trafen uns in New York, wo ich ihm 25 Stücke vorspielte, und gemeinsam strichen wir die Liste dann auf 15 Stücke zusammen. Er schrieb die Arrangements, und an denen haben wir keinerlei Änderungen mehr vorgenommen."

LiPuma beschreibt, wie der weitere Aufnahmeprozess verlief: "Claus schrieb die Arrangements und danach nahmen wir die Rhythmusspuren nach seinen Anweisungen auf. Aber das war keine Routinearbeit - Diana liebt es mit dem Quartett zu spielen. Sie hat diese Band schon eine ganze Weile und erledigt Dinge auf eine gewisse Art. Sie weiß, daß es wichtig ist, den richtigen Groove zu finden. Und sie fühlt sich mit Abstand am wohlsten, wenn sie das nur mit ihrem Quartett tun kann und erst danach die Streicher und alles andere hinzukommt."

Mit ihren mittlerweile 43 Jahren verfügt Diana Krall bereits über reichlich Erfahrung. Die in Nanaimo/Kanada geborene Künstlerin - deren Vater selbst Stride-Pianist und leidenschaftlicher Plattensammler ist - wuchs mit Musik auf. In den frühen 80er Jahren besuchte sie die Berklee School of Music und zog dann nach Los Angeles, wo sie Privatstunden bei den Bassisten Ray Brown und John Clayton, Schlagzeuger Jeff Hamilton und Pianist Jimmy Rowles nahm. Rowles überzeugte sie auch davon, ihr gesangliches Talent nicht zu vernachlässigen. 1990 zog Krall nach New York, wo sie mit ihrem eigenen Trio auftrat. Ihr erstes Album "Steppin' Out" veröffentlichte sie 1993 auf dem kleinen kanadischen Label Justin Time. Begleitet wurde sie bei der Einspielung ihres Debüts übrigens von John Clayton und Jeff Hamilton.

Heute, fünfzehn Jahre später, kann die Kanadierin auf eine beispielhafte Karriere zurückblicken: 1999 unterschrieb sie einen Vertrag mit dem Label Verve Records, für das sie als erstes Album "When I Look In Your Eyes" aufnahm. "When I Look In Your Eyes" brachte ihr nicht nur einen Grammy ein, sondern war auch das erste Jazzalbum in 25 Jahren, das in der genreübergreifenden Kategorie "Album des Jahres" nominiert wurde. 2002 folgte mit "The Look Of Love" ein Album, das in den USA (und andernorts) den ersten Platz der Jazzcharts stürmte und in Kanada mit fünffachem Platin ausgezeichnet wurde. Auf "The Girl In The Other Room" präsentierte Diana Krall 2004 erstmals eigene Songs (sechs Stücke schrieb sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Elvis Costello). Das 2005 erschienene Weihnachtsalbum "Christmas Songs" erweist sich seit seiner Veröffentlichung alle Jahre wieder als saisonaler Bestseller (auch in Deutschland war es Ende letzten Jahres wieder in die Jazzcharts zurückgekehrt). Und mit dem von der Kritik gefeierten Album "From This Moment On" verabschiedete sich Diana Krall, die Zwillinge erwartete, 2006 in den Mutterschaftsurlaub, aus dem sie sich nun mit "Quiet Nights" endlich zurückmeldet.

Daß ihr neues Album "Quiet Nights" so ungemein sinnlich geworden ist, hat weniger mit Diana Kralls Faible für die Bossa Nova und Brasilien zu tun, als vielmehr mit ganz privaten Gefühlen: "Es ist eine Liebeserklärung an meinen Mann - einfach nur ein intimes, romantisches Album."

Mehr Informationen zu Diana Krall finden Sie unter: www.diana-krall.de


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