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03.11.2005

Biografie: Modern Day Drifter

DIERKS BENTLEY
"Modern Day Drifter"

Obwohl er in den vergangenen drei Jahren die Erfolgsleiter weit nach oben geklettert ist und inzwischen zu den beliebtesten jungen Country-Acts in Amerika zählt, hat Dierks Bentley die Bodenhaftung nicht verloren. Starallüren sind dem sympathischen Lockenkopf völlig fremd. Den Auftritt in einem verräucherten kleinen Club zieht er jeder Gala im besten Haus am Platze vor, statt Designerklamotten trägt er weiterhin Baumwollhemden und verwaschene Jeans, ein Bier vom Fass schmeckt ihm nach wie vor besser als Champagner.

Von Letzterem, dem Genuss eines kühlen Blonden, handelt "Domestic, Light And Cold". Dieser kernige Song ist mit seinem Mitsingrefrain, den cleveren Wortspielen und dem Bekenntnis zum Gerstensaft geradezu prädestiniert für einen Einsatz in der Bierwerbung. So wie sich Dierks Bentley hier als Kumpel von nebenan präsentiert, so kommt er auch in den anderen Titeln seines zweiten Albums "Modern Day Drifter" angenehm natürlich rüber. In den großteils autobiographischen Stücken erzählt er von seinem Alltag, der sich trotz Starruhm kaum verändert hat. Man nimmt es ihm sofort ab, wenn er in "Down On Easy Street" behauptet, er sei trotz des neu gewonnenen Reichtums er selbst geblieben.

Der Sänger und Songschreiber arbeitet hart, ist ständig auf Tournee und will es auch gar nicht anders haben, selbst wenn er wegen der nicht enden wollenden Konzertreisen auf gewisse Dinge verzichten muss. Bentley schwärmt in "Cab Of My Truck" von der Freiheit der Landstraße, verschweigt andererseits aber auch nicht den Preis, den er dafür zahlen muss. In der Singleauskopplung "Lot Of Leavin' Left To Do" räumt er ein, dass sein ruheloses Dasein keine feste Bindung zulässt. Kaum hat er irgendwo ein nettes Mädel kennen gelernt, heißt es auch schon Abschied nehmen, denn "these old boots still got a lot of ground they ain't covered yet". Eine ungeschönte Ode an die Institution One-Night-Stand.

Der Titelsong bringt Dierks Bentleys derzeitiges Leben auf den Punkt. Hier porträtiert er sich selbst als "Modern Day Drifter", als rastloser Geselle, der das Herumstreunen genießt, als Vagabund, den es nirgends lange hält. Noch fühlt er sich mit seinen gerade mal dreißig Jahren zu jung zum Wurzelschlagen - so die Zusammenfassung des ähnlich gelagerten Schlusssongs "Gonna Get There Someday". Er ist noch nicht bereit sich niederzulassen, resümiert der Neo-Traditionalist zum Albumausklang dieser klassischen Countryballade samt wimmernder Pedal Steel Guitar und allem, was sonst noch dazu gehört.

Dass all dies authentisch ist, begreift man, sobald man einen Blick in Dierks Bentleys Terminkalender geworfen hat: An dreihundert Tagen im Jahr ist er unterwegs, kreuz und quer durch "God's own country". Zweihundert Mal steht er auf der Bühne, die restlichen Tage auf Achse widmet er der Promotionarbeit. In seiner Wahlheimat Nashville hält sich der emsige Künstler mittlerweile nur noch so selten auf, dass er sein Haus kurzerhand verkauft hat. Ein Hausboot am Percy Priest Lake genügt ihm und seinem Hund Jake für die kurzen Stippvisiten als Domizil. "Ich messe die Zeit, die ich zu Hause verbringe, in Stunden, nicht in Tagen", diktierte er zu dem Thema dem Interviewer vom "People Magazine" ins Mikrofon.

Die Zeit des leidenschaftlichen Tourmusikers ist derart knapp bemessen, dass selbst für die Einspielung des aktuellen Albums nur eineinhalb Wochen freigeschaufelt werden konnten. Bentley kam die straffe Arbeitsweise sehr entgegen, er ist ohnehin keiner, der gerne ewig an irgendwelchen Klangeffekten herumbastelt. Er mag es spontan, mag es livehaftig. In den Songs, die er gemeinsam mit Autorenpartner Brett Beavers (Bassist und Bandleader von Lee Ann Womack) schrieb, ist der daraus resultierende hautnah-knackige Sound ebenso zu hören wie in einigen Coverversionen. Man lege beispielsweise einmal das urwüchsige "Good Man Like Me" auf, für das Del McCoury nicht nur sein Können als Komponist sondern auch seine Bluegrass-Band beisteuerte. Und in Jamie Hartfords "Good Things Happen", verziert vom engelsgleichen Sopran der Gastsängerin Alison Krauss, ist Bentleys betont schlichte Klangphilosophie ebenfalls zu vernehmen.

In den USA wurde dieses Soundverständnis bereits angemessen gewürdigt: Das dort im Mai 2005 veröffentlichte "Modern Day Drifter" sprang prompt auf Platz sechs der Billboard-Albumcharts, in den Country-Charts nahm das Werk umgehend die Spitzenposition ein. Damit hat sich Dierks Bentley endgültig als einer der erfolgreichsten Countrymusiker unserer Tage etabliert. Eine erstaunliche Wendung, wenn man bedenkt, dass der Amerikaner erst relativ spät zum Countrygenre konvertierte. Als Jugendlicher in Phoenix, Arizona favorisierte er noch Rock und Disco, träumte wie seine Altersgenossen von einer Karriere à la Billy Idol oder Van Halen. Country hörte er allenfalls mal in Dads Autoradio oder in einer Folge der Fernsehreihe "Hee Haw". Erst mit siebzehn nahm Dierks das erste Mal Countrymusik bewusst wahr. Ein Freund spielte ihm damals den Song "Man To Man" vor, in dem Hank Williams Jr. das imaginäre Gespräch zwischen einem Sohn und seinem verstorbenen Vater wiedergibt. "Dieser Augenblick hat meine Einstellung total geändert", erinnert sich Bentley. "Irgendetwas machte 'klick' und ab dem Zeitpunkt liebte ich Countrymusik."

Er begann mit dem Songschreiben, brachte sich selbst das Gitarrespielen bei und zog zwei Jahre später nach Nashville. Die ersten Schritte in eine eigene Karriere waren jedoch nicht besonders befriedigend. Immer wenn dem 19-jährigen das harte Geschäft in der "Music City" zuviel wurde, ging er ins Station Inn, Nashvilles sagenumwobene Bluegrass-Bar, und schon war das Feuer in ihm wieder entflammt. "Gott sei Dank bin ich da hingegangen! Bluegrass gab mir ein Fundament. Ich dachte: Diese Leute, diese Musik, dieses Gebäude - darauf baue ich auf." Jeden Dienstagabend saß er ganz vorn und schaute sich die Hausband The Sidemen mit ihrem Leadsänger Terry Eldredge an. "Ich saugte alles auf, was er machte", sagt Dierks, der selbst nie Gesangsunterricht nahm. Stattdessen befolgte er lieber die Tipps von Eldredge, er riet ihm: "Hör es in deinem Kopf, lass es durch dein Herz gehen und dann aus deinem Mund kommen."

Bentley studierte nahezu besessen die Geschichte der Countrymusik. Er füllte Aktenordner um Aktenordner mit Songklassikern, allesamt von ihm handschriftlich übertragen, analysierte die Phrasierung und Aussprache unsterblicher Textverse von Willie Nelson, George Jones und Waylon Jennings. Er setzte sich zum Ziel, noch vor dem 23. Geburtstag im berühmten Bluebird Café aufzutreten - und schaffte es ein paar Wochen vor dem Termin. Bentley gründete eigene Bands, trat in Kneipen und Bars auf. Als er dann das Gefühl hatte, genug über das Business und die Countryhistorie zu wissen, nahm er ein Demotape auf. Sein Stil, eine Mischung aus traditionellem Bluegrass und modernem Country, aus Honky Tonk, Bakersfield-Twang und Rockanklängen kam bei den Verantwortlichen von Capitol Nashville so gut an, dass sie ihm einen Plattenvertrag anboten.

Der Rest ist - wie es so schön heißt - Geschichte. Bentleys Debütsingle "What Was I Thinkin'" eroberte Platz eins der Charts, der nach ihm betitelte Albumerstling fand eine Million begeisterte Käufer und wurde mit Platin legiert. Der verdiente Lohn für diesen Einstand nach Maß bestand in Auszeichnungen wie der zum "Top New Artist Of The Year" (Billboard), "Best New Artist" (Academy Of Country Music) oder dem "Flameworthy Award" für das Durchbruchsvideo eines jungen Künstlers (Country Music Television). Bereits am 15. November könnte die nächste Ehrung hinzukommen. Dann fällt die Entscheidung, wer bei der diesjährigen Preisverleihung der Country Music Association mit dem "Horizon Award" bedacht wird. Der geht alljährlich an den Künstler, der am meisten gewachsen ist, sich am sinnfälligsten weiterentwickelt hat.

Wie die Wahl auch immer ausgehen mag - Dierks Bentley ist im Countryfach schon jetzt eine anerkannte Größe. Der Berufsreisende mag ohne richtiges Zuhause sein, im Country-Olymp jedoch darf er sich längst heimisch fühlen. Spätestens mit seinem neuen Album ist ihm dort ein Platz sicher. Ein "Modern Day Drifter", der seine Heimat in der Musik gefunden hat.

Oktober 2005

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